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© AP Lupe
Wladimir Putin stelle die Europäer mit dem Ukraine-Konflikt auf eine Probe, sagt der US-Historiker Timothy Snyder von der Yale-Universität.
Putins Eurasien
Die Ideologie hinter Russlands Expansionskurs
Russlands Präsident Wladimir Putin besucht just am Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland die "Heldenstadt" Sewastopol auf der Krim. Eine Provokation des Russen, der ein Gegenmodell zum westlichen Bündnis verfolgt: die sogenannte Eurasische Union, von Wladiwostock bis Lissabon.
Die Ukraine liegt irgendwo dazwischen - und ist wichtiger als viele denken. "In der Ukraine steht die gesamte europäische Ordnung auf dem Spiel", sagt der US-Historiker Timothy Snyder von der Yale-Universität. Der russische Politologe Alexander Dugin, der als der heimliche "Chef-Ideologe" Putins gilt, entgegnet: "Wir haben dem Liberalismus einen globalen Dschihad erklärt, da der Liberalismus ebenfalls ein Kreuzzug gegen die Menschlichkeit ist." Ein heiliger Krieg also zwischen Ost und West. Mit nur einem Ziel: Eurasien. Ein kontinentales Imperium mit verschiedenen Völkern unter Führung Russlands von Wladiwostock bis Lissabon, das zumindest propagiert Alexander Dugin. Früher war er in ultranationalistischen Bewegungen aktiv. Heute ist Dugin Professor an der staatlichen Universität Lomonosov in Moskau und Berater Putins. In der russischen Öffentlichkeit legitimiert er mit seinen eurasischen Theorien Moskaus imperialen Expansionskurs.

"Es geht darum, dass historische Prozesse Grenzen verändern und die Grenzziehung zwischen Kulturen nie linear verläuft", so Dugin. "Es handelt sich hierbei vielmehr um Grenzbereiche, die nicht von Dauer sind. Unsere Aufgabe ist es, die Eurasische Union und damit die Länder, die organisch zum 'Herzland' Russland gehören, zu organisieren." "Die eurasische Theorie versorgt Putin mit neuen Konzepten und einem neuem Vokabular", sagt Timothy Snyder. "Es hilft ihm, ein Gegenmodell zu entwerfen. Russland ist nicht mehr der internationalen Ordnung unterworfen. Vielmehr fordert Russland nun die internationale Ordnung heraus. Gerade intellektuell."

Russland als auserwählter Kontinent
Ein Zeitsprung zurück: Nach der Oktoberrevolution gehen zahlreiche russische Intellektuelle ins Exil, um eine Alternative zum bolschewistischen Experiment zu suchen. Unter ihnen ist der Sprachwissenschaftler Nikolai Trubeckoj. Er begründet die eurasische Ideologie. Russland, so der Kern des Denkens, sei ein auserwählter Kontinent, der sich im Kampf mit dem Westen um die Weltherrschaft befindet. Und nur ein autoritärer Staat könne diesen Kampf bestehen. Während des Kommunismus' zerfiel die Bewegung. Seit den 1990er Jahren hat Alexander Dugin sie wieder salonfähig gemacht. Totaler Staat, Expansion ohne Grenzen: In seiner neuen Version der eurasischen Ideologie macht er ausgerechnet Carl Schmitt, den führenden Juristen der Nazis, zu seinem Kronzeugen.

"Wir haben es hier mit einem fundamental anderen Denkmodell zu tun", so Timothy Snyder. "Ein Modell, dessen Referenz die internationalen Beziehungen Deutschlands zwischen 1933 und 1945 sind. Carl Schmitt und andere hielten das Völkerrecht für bedeutungslos, den liberalen Staat für eine Fiktion. Das Einzige, was real war, waren Rassen und die Macht, die sie ausüben konnten. Diese Denkweise führt sie direkt zu Dugin. Für ihn sind all die Strukturen, die es den Menschen im Westen erlauben, so zu leben, wie sie wollen, Unsinn. Sie sind Projektionen einer repressiven Weltmacht. Allein Macht ist real." Das Feindbild der Eurasier im heutigen Russland: die USA und die liberale Demokratie. Sie sind das Grundübel Europas: Individualismus und die daraus resultierenden universalen Menschenrechte. "Die Grundlage des Liberalismus ist an sich unmenschlich", so Dugin. "Sie vernichtet das Wesen des Menschen. Individualismus ist eine unmenschliche Lehre."

Nato- und EU-Gegner geben Putin Recht
Die Ukraine versinkt im Chaos, weil der Westen dem Land sein Lebensmodell überstülpen will - mit dieser Propaganda heizt Russland kurz vor den Europawahlen die öffentliche Stimmung an. Mit Erfolg: Die Gegner von Nato und EU formieren sich und geben Putin Recht. Ein Großteil der rechtsextremen Parteien in Europa unterstützt mittlerweile den Kurs des Kreml-Chefs. In Deutschland scheint die russische Propaganda besonders gut zu wirken - rechts wie links. Plötzlich stilisiert sich die NPD als Friedenspartei, die Linke als Putin-Versteher und auf Montagsdemonstrationen wird Stimmung gegen Nato und USA gemacht. "Die Entkolonialisierung von Deutschland ist eines der Projekte der eurasischen Strategie", sagt Alexander Dugin. "Europa ist für uns ein Synonym für Deutschland und Frankreich. Spanien, Italien, also die kontinentalen Länder. Deutschland ist das Land, das uns als Partner am nächsten steht. Dafür muss es aber ein anderes Deutschland sein, ein deutsches Deutschland, ein europäisches Deutschland, kein amerikanisches Deutschland, kein Marionettendeutschland, kein besetztes Deutschland. In Wirklichkeit braucht Europa einen nationalen Befreiungskampf gegen die amerikanische Hegemonie."

Putin stelle die Europäer mit dem Ukraine-Konflikt auf die Probe, sagt Timothy Snyder: "Der 25. Mai ist ein Schicksalsdatum. Putin will nicht nur die Präsidentschaftswahlen in der Ukraine verhindern, er will gleichzeitig auch die Wahlen in Europa gewinnen. Putin gibt mittlerweile offen zu, dass er auf der Seite der europäischen Neonazis, der Faschisten und der rechtspopulistischen Parteien steht. Und die werden sehr erfolgreich sein. Das ist eine bewusste Strategie Putins, um die EU zu kapern, sie zu destabilisieren und von innen heraus zu zerstören. Wenn das Erfolg hat, dann muss sich Russland nur noch mit Portugal, Frankreich oder Deutschland als Nationalstaaten auseinandersetzen. Russland kann so weiterhin sein Gas verkaufen ohne Angst zu haben, dass dem Land irgendjemand mit einer gemeinsamen Energiepolitik in die Quere kommt."

Russland ein Imperium, die Ukraine kein souveräner Staat, die Amerikaner an allem schuld: Dieses eurasische Denken ist im heutigen Russland zum Mainstream geworden. In Europa entfaltet diese Ideologie gerade erst ihre Sprengkraft. Der Kampf um die Ukraine ist vielleicht nur der Beginn von Putins neuer Weltordnung.

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© ZDFVideoInterview mit Timothy Snyder, Historiker
geführt von Cornelius Janzen (engl.)
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