kulturzeit
Kalender
November 2018
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
29
30
31
0102
03
04
0506070809
10
11
1213141516
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
01
02
© photocase
Laut einem Artikel in der "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" schmähte Alfred Kerr "Feinde mit Kriegslyrik". Wie gehen wir jetzt damit um?
Wir unbelesenen Sittenwächter
Warum wir in der Kerr-Debatte nichts tun sollten
Alfred Kerr war Theater- und Literaturkritiker. Und er hat Texte verfasst. Laut Gerhard Henschels Artikel in der "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS) vom 4. Mai 2014 schmähte er gar "Feinde mit Kriegslyrik". Nun prüft das "Börsenblatt" für den Deutschen Buchhandel, ob es einen nach Kerr benannten Literaturkritik-Preis umbenennt. Ein Kommentar von Paul Ingendaay, selbst Träger des Alfred-Kerr-Preises ...
Der geschätzte Gerhard Henschel hat eine Frage an uns. Er fragt uns, wie gut wir über Alfred Kerr im Bilde sind. Ich fühle mich angesprochen. Im Jahre 1997 habe ich den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik entgegengenommen, ohne mehr als 90 Seiten Alfred Kerr gelesen zu haben. Meine damalige Dankrede handelte von den Aufgaben der Literaturkritik, nicht von Alfred Kerr. Außerdem fühle ich ich mich noch heute geehrt, dass ich die Auszeichnung als Nachfolger von Hanns Grössel erhielt, dem wunderbaren Übersetzer und Literaturliebhaber, mit dem der Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik erstmals nicht an Institutionen, sondern an Einzelpersonen vergeben wurde. Aber so leicht kommt man im Leben nicht davon. "Wissen sie alle nicht", fragt Gerhard Henschel jetzt in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", "dass der Namensgeber kriegsgefangene Russen einst als Wachsstockfresser verhöhnt hat? Oder ist das den Preisträgern gleichgültig?"

Schreiben in höchst unterschiedlicher Qualität
Mit "sie" sind Nachwuchsschauspieler und Literaturkritiker gemeint, die im Lauf der letzten Jahrzehnte eine der mit Kerrs Namen verbundenen Auszeichnungen erhalten haben. Nein, lautet meine Antwort an Gerhard Henschel. Ich wusste von Kerrs peinlicher Weltkriegslyrik nichts. Wäre das wichtig gewesen? Dass der Mann in höchst unterschiedlicher Qualität schrieb, erkannte ich spätestens bei der Lektüre von "O Spanien!", seinem Reisebuch aus dem Jahr 1924. Weiß Gerhard Henschel nicht, dass Alfred Kerr nicht nur ein höhnischer, sondern auch ein ganz kitschiger Dichter sein konnte?

"Fromm bedeckt ist Hals und Busen / Wenn sie unter schwarzen Blusen / Ihre schwarzen Röcke raffen, / Und die Augen sittig glühn. / Mohrentöchter. Zarte Affen. / Dunkel; fast olivengrün."

Die Rede ist von den Andalusierinnen. Achtung, Tiervergleich! Rassismus! Frauenfeindlichkeit! Bla, bla, bla. Der Maler Nikolaus Heidelbach, einer der besten Leser weit und breit, würde sich jetzt kaputtlachen und sagen: "Fast olivengrün, hat das nicht etwas ganz Besonderes?" Und ich würde mit ihm lachen.

Im Ernst. Als Lyriker ist Alfred Kerr heute zu recht vergessen, und seine Poeme schliefen bisher in der Werkausgabe moosüberwuchert den Schlaf aller schlechten Literatur. Lieber halte ich mich an den Autor des Buches "Wo liegt Berlin?", 500 Seiten brillanter Feuilletons des jungen Kerr, die Nachwuchsjournalisten noch heute zeigen, was scharfe Wahrnehmung und lebendiges Schreiben sind.

Doch solche Unterscheidungen sollen nicht mehr koexistieren dürfen. Von mir wird eine frische Empörung erwartet, ich soll jemanden ächten und verurteilen. Nicht nur das Tugendgehabe, auch der zensorische Eifer hat inzwischen etwas Hysterisches angenommen. Wie wäre es mal, das alles vorüberwehen zu lassen? Ich kann wirklich damit leben, dass Thomas Mann die Betrachtungen eines Unpolitischen schrieb, Céline und Knut Hamsun keine moralischen Vorbilder waren und Frau Lewitscharoff befremdliche Meinungen äußert. Als Leser bin ich kein Sittenwächter und kein Gesinnungspolizist. Meine Empfehlungen lauten, Schriftsteller an ihren stärksten Texten zu messen, nicht an ihren schwächsten. Zweitens: sich keine Empörung einreden zu lassen. Drittens: die wertvolle Tradition der Alfred-Kerr-Preise unbeeindruckt fortzusetzen.

Hintergrund
Schlimme Lyrik?
Debatte um Alfred Kerr entbrannt
Zur Person
Paul Ingendaay
Ingendaay, geboren 1961, lebt als Schriftsteller und Journalist in Madrid. Zuletzt erschien sein Erzählband "Die Nacht von Madrid", erschienen bei Piper.