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© dpa Lupe
Unter den Büchern ist auch ein besonders wertvoller Band des berühmten Astronomen Johannes Kepler von 1619.
Chaos im Archiv
Von den Problemen in Bibliotheken und Museen
2012 verkauft die damalige Leiterin des Stadtarchivs Stralsund rund 6000 Bücher aus der Gymnasialbibliothek der Stadt. 95.000 Euro bringt der Verkauf. Ein Witz. Denn die Werke sind ein Vielfaches mehr wert. Man wusste es nicht besser.
Unter den Büchern ist auch ein besonders wertvoller Band des berühmten Astronomen Johannes Kepler von 1619. Eine Erstausgabe, in der erstmals beschrieben ist, wie sich die Planeten um die Sonne bewegen. Der New Yorker Buchhändler Jonathan A. Hill, der seit 30 Jahren mit historisch-wissenschaftlichen Büchern aus aller Welt handelt, hat den Kepler-Band erworben. Ihm ist sofort klar, dass er etwas Besonderes in Händen hält: "Kepler ist einer der berühmtesten Wissenschaftler der deutschen Geschichte", so Hill. "Er hat grundlegende Forschungen in den Bereichen Naturwissenschaft und Mathematik geleistet." Normalerweise vergilbe das Papier mit der Zeit, "aber diese Ausgabe ist absolut weiß und wunderschön. Deswegen zahlte ich einen so hohen Preis, denn es ist ein außergewöhnliches Exemplar, mehr oder weniger 400 Jahre lang unberührt."

Stralsund: Bestand verscherbelt
250.000 US-Dollar ist der Kepler am Markt wert, so schätzt Hill, obwohl er deutlich weniger gezahlt hat. Er stellt ihn online zum Verkauf - und bekommt prompt einen Anruf des Archivars der Hansestadt. "Er sagte, die Bücher seien versehentlich verkauft worden", erinnert sich Hill. "Er fragte: 'Gibt es irgendeine Chance, sie zurückzubekommen?'" Offensichtlich kam es zu dem Verkauf der wertvollen Bücher, weil niemand wirklich wusste, welche Schätze in den Archiven Stralsunds schlummerten. "Wir haben etwas verkauft, ursprünglich aus Platzgründen, wo wir aufgrund der fachlichen Aussagen davon ausgehen mussten, dass das für die Stadt keinerlei Wert hat", so der OB der Hansestadt Stralsund. "Das blanke Gegenteil war der Fall. Wir haben schnell reagiert und 90 Prozent der Bücher zurückbekommen."

Bis heute bekommt der neue Archivleiter Burkhard Kunkel Werke der veräußerten Gymnasialbibliothek aus aller Welt von Sammlern wieder zugeschickt. Einige kostenlos, andere zum Einkaufspreis. Aus den Fehlern von damals hat man gelernt. "Wir schauen genau hin: Was haben wir überhaupt an wertvollen Einzelbeständen, Sammlungen und Einzelobjekten", so Kunkel. "Und wir schützen sie in zweierlei Hinsicht: Wir schützen sie konservatorisch und wir schützen sie, weil wir sie erschließen und kennenlernen."

Verstaubt, verrottet, vergessen
Doch gleichzeitig tritt ein weiteres Problem in Stralsund zutage: Große Teile der historischen Bestände sind mit Schimmelsporen befallen, alle Bücher müssen aufwändig gereinigt werden. Chaos im Depot - nicht nur ein Problem in Stralsund: Auch in Brandenburg an der Havel verstauben und vergammeln im Industriemuseum Raritäten aus mehren Jahrhunderten, unbeachtet und unter schwierigen klimatischen Bedingungen. In Hamburg schlugen Experten 2012 Alarm, weil wertvolle Bilder im alten Depot der Kunsthalle verrotten könnten. Auch in der Deutschen Kinemathek Berlin gibt es Probleme: Viele der filmhistorisch wertvollen Werke sind noch immer nicht katalogisiert. Da gibt es Poster aus den 1920er Jahren, die zwar den Krieg in einem Salzbergwerk überstanden haben, aber erst jetzt ausgepackt und restauriert wurden. Es mangelt an finanziellen Mitteln.

"In allen Archiven schlummern Schätze, die gerne geborgen werden möchten und die besser aufbewahrt werden könnten, als wir es teilweise tun", beklagt Anett Sawall von der Deutschen Kinemathek. Zu wenig Geld, zu wenig Personal, fehlende Kompetenzen. Ursula Hartwieg von der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK) soll die Rettung des schriftlichen Kulturguts bundesweit organisieren. Sie ist in allen Archiven unterwegs, schaut, wo es brennt. Das Credo lautet: Bestände schützen, bevor es zu spät ist. "Archive, Bibliotheken, Museen sind alles Gedächtnis-Institutionen, die schriftliches Kulturgut verwalten, die in der Verantwortung stehen, dieses an die nächsten Generationen weiterzureichen", so Hartwieg. "Sie sind aber mit der Aufgabe überfordert, können es nicht alleine bezahlen. Die Länder stehen in der Verantwortung, die sie gemeinsam mit dem Bund wahrnehmen müssen. Es ist eine gesamtstaatliche Aufgabe, die wir nur gemeinsam lösen können."

Zurück zu Kepler: Der New Yorker Buchhändler Jonathan A. Hill verzichtet auf den großen Profit und schickt den Kepler-Band zum Einkaufspreis zurück nach Stralsund. Auch er will, dass die wertvolle Bibliothek zusammenbleibt. "Sie haben einen Fehler gemacht und es ist doch nur gut, dass dieser Fehler korrigiert wird, indem ich die Bücher zurückgebe", erklärt er. Die Stadt Stralsund überlegt, ihn künftig in einem würdigen Rahmen auszustellen.

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