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© ZDF Lupe
Fahma ist das prominente Gesicht der Kampagne gegen Genitalverstümmelung.
Barbarisches Ritual
Schüler gegen Genitalverstümmelung
60.000 Frauen sollen in Großbritannien von Genitalverstümmelung - kurz FGM (Female Genital Mutilation) - bedroht sein. 24.000 davon Mädchen unter 15 Jahren. Jugendliche im Land begehren nun gegen das barbarische Ritual auf und beteiligen sich an einer Aufklärungskampagne.
Das prominente Gesicht der Kampagne ist die 17-jährige Schülerin Fahma, deren Eltern aus Somalia stammen. Sie hatte "viel von FGM gehört, aber ich wusste nie so recht, um was es dabei geht", sagt Fahma. "Deshalb bin ich zu meiner Mutter gegangen. Sie erklärte es mir und sagte mir, warum es die Leute machen. Ich hatte keine Ahnung davon und wusste nicht, dass es in so vielen Ländern praktiziert wird - sogar hier in Großbritannien."

Safia Ahmod flüchtete aus Somalia. In ihrer Heimat wurde sie Opfer einer besonders brutalen Form der Beschneidung. "Ich erinnere mich, wie schmerzhaft es war", berichtet sie. "Ich war erst neun Jahre alt. Ich erinnere mich immer noch genau, was damals mit mir geschah. Meine Mutter, meine Tante und einige andere Familienmitglieder hielten meine Beine und meine Schulter fest. Dann kam ein Arzt und schnitt mir in die Vagina. Es war schmerzhaft und schrecklich. Und dann haben sie mich zugenäht." Safias Geschwister wurden ebenfalls auf diese Weise verstümmelt. Eine Cousine verlor dabei viel Blut, die Wunde entzündete sich und kurze Zeit später starb das Mädchen.

Todesfälle und Gesundheitsprobleme
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Comfort Momoh behandelt beschnittene Frauen.
Die Ärztin Comfort Momoh behandelt seit 1997 beschnittene Frauen in einer Londoner Klinik und wurde dafür von der Königin geehrt. "Ich habe jedes Jahr über 500 solcher Fälle", berichtet sie. "Jede Woche führe ich ein bis zwei De-Infibulationen durch, also die Öffnung der Scheide. Ich habe junge Frauen, die mit Entzündungen in der Scheide in meine Klinik kommen. Das sind Folgen der Genitalbeschneidung. Weitere Probleme gibt es, wenn sie heiraten, beim Geschlechtsverkehr. Es gibt Traumata und Flashbacks. Und einige Frauen haben natürlich Schwierigkeiten, Kinder zur Welt zu bringen."

In Großbritannien ist Beschneidung seit 1985 verboten. Bis heute kam es zu keiner einzigen Anklage. An einer Schule im südenglischen Bristol will man die Hilflosigkeit der Gesellschaft nicht länger hinnehmen. Die Lehrerin Lisa Zimmermann gründete eine Hilfsorganisation. Fahma und andere Jugendliche wollen Beschneidung enttabuisieren. Alle sollen lernen, darüber zu reden. "Als ich in der Schule anfing, wollte ich eine Gruppe von zwölf Mädchen zur Belohnung zum Reiten mitnehmen", berichtet die Lehrerin. "Aber ich wurde gewarnt, dass es für sie schwierig sein könnte. Denn elf hatten eine Genitalverstümmelung."

Die Schüler haben Filme gedreht. Kurze Szenen zeigen, wie Kindern geholfen werden kann. Oft fühlen sich die Mädchen allein gelassen. Mehr als 250.000 Unterschriften wurden in den letzten Wochen gesammelt, damit in allen Schulen des Landes solche Kurse abgehalten werden. "Wir fordern, dass alle Lehrer ausgebildet werden, wie sie mit dem Thema Genitalverstümmlung umgehen können", sagt Lisa Zimmermann. "Und wir brauchen an jeder Schule einen sicheren Ort, wo man darüber sprechen kann. Das ist der einzige Weg, etwas zu verändern. Wir müssen mit den Kindern über FGM sprechen. Sie sind die künftigen Eltern. Nur so können wir den Kreislauf der Gewalt durchbrechen."

Uno unterstützt Kampagne
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Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte Fahma Unterstützung zu.
Vor wenigen Tagen traf Fahma Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon. Der Generalsekretär versprach ihr, die Kampagne gegen Genitalverstümmelung mit allen Mitteln der Uno zu unterstützen. Ein Riesenerfolg. "Ich will, dass noch vor den Sommerferien in allen Schulen des Landes darüber informiert wird", sagt Fahma. "Denn dann werden viele Mädchen ins Ausland geschickt oder sie werden selbst hier beschnitten. Die Ferien sind dafür die beste Zeit. Da kann alles abheilen und niemand bekommt etwas davon mit. Deswegen müssen alle Schulen so schnell wie möglich damit anfangen. Nur so können wir so viele Mädchen wie möglich retten."

Safia leidet bis heute an den Folgen der brutalen Verstümmelung. Sie hat zwei Töchter und einen drei Monate alten Sohn. "Ich will nicht, dass meine Tochter das gleiche Schicksal erleidet", sagt sie. "Ein Leben voller Schmerzen. Das ist schlimm. Ich habe sogar Angst, mit ihr in den Ferien nach Afrika zu reisen. Denn ich fürchte, dass meine Familie es ihr antun würde. Sie könnte sich nicht wehren. Sie ist doch erst acht Jahre alt." Nach einem Treffen mit Fahma und anderen Schülerinnen erklärte sich der britische Erziehungsminister jetzt bereit, alle Schulen des Landes anzuweisen, über Genitalverstümmelung aufzuklären. Ein erster Erfolg.

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