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© dpa Lupe
Katharina die Große lässt die Krim 1783 erobern und gründet Sewastopol. Die Schwarzmeerflotte ist seitdem hier stationiert.
Die Krim-Krise
Die Geschichte der russischen Großmachtspolitik
Es ist eine Bewährungsprobe für Europa, doch die Fronten sind verhärtet. Wladimir Putin lässt auf der ukrainischen Halbinsel Krim die Muskeln spielen, der Westen verschärft seine Sanktionen. Gegenseitiges Verständnis - Fehlanzeige. Russland soll von der Ukraine die Finger lassen, so denkt man im Westen. Kein Wenn, kein Aber.
Das funktioniere aber schon deshalb nicht, so der Osteuropa-Historiker Jörg Baberowski, "weil die Ukraine das Kernland des alten Imperiums war. Der russische Gründungsmythos beginnt in Kiew. Das ist nach dem Mythos Russland entstanden. Und jetzt soll das einfach verschwinden und an die EU kommen. Ich weiß nicht, wie dumm man im Westen sein muss, das nicht gesehen zu haben. Dass man mit diesem unangenehmen Diktator in Moskau reden muss, weil das nicht nur eine Marotte dieses Herrn Putin ist, sondern weil das das Selbstverständnis der Russen bis ins Tiefste trifft."

Halbinsel mit wechselhafter Geschichte
Imperiale Träume, mythische Räume - Russlands Gründung und Russlands nationale Identität sind ohne die Ukraine nicht denkbar. Der Sage nach wird Wladimir der Große 988 auf der Krim getauft. Er heiratet eine Prinzessin aus Byzanz. Das mittelalterliche Reich "Kiewer Rus" wird christlich und zur Keimzelle des Zarenreichs. Russland versteht sich von nun an als christliche Großmacht. Die Krim ist eine Halbinsel mit wechselhafter Geschichte: Mehrere Jahrhunderte leben hier muslimische Tataren. Katharina die Große lässt die Halbinsel 1783 erobern und gründet Sewastopol. Von nun an soll die Krim für alle Zeit zu Russland gehören, verkündet die Zarin. Die Schwarzmeerflotte ist seitdem hier stationiert.

Die Krim war schon immer strategisch wichtig: Von hier aus versucht Zar Nikolaus I. Mitte des 19. Jahrhunderts den Bosporus zu erobern. Im Osmanischen Reich sieht er russische Christen in Gefahr. Doch Engländer und Franzosen verbünden sich mit dem Sultan, um Russlands Expansionskurs zu stoppen. Schließlich bezwingen sie Russland 1855. Der verlorene Krim-Krieg ist ein tiefe Demütigung für Russland. Und ein Schlüsselereignis, das bis heute das Misstrauen dem Westen gegenüber erklärt.

Westen misst "mit zweierlei Maß"
"Damals wie heute herrschte in der russischen Elite das Gefühl vor, dass der Westen Russland gegenüber zweierlei Maß anwendet", erläutert der Historiker Orlando Figes. "Der Westen kann nach Belieben in andere Staaten einmarschieren, um dort seine 'Ideen' von Demokratie und Freiheit durchzusetzen. Er würde es aber niemals zulassen, dass Russland in seinen Nachbarstaaten interveniert. Nikolas der I. begann den Krim-Krieg, um den russischen Christen im Osmanischen Reich zu Hilfe zu kommen. Und Russland ist nun in die Ukraine einmarschiert, da Putin die russische Minderheit in Gefahr sieht. Demnach gleicht Putins Taktik jener des Zaren Nikolaus I.."

Auf der Krim musste sich Russland schon immer behaupten. Selbst Niederlagen wurden zum Mythos. 1918 besetzen die Deutschen die Halbinsel, ein Jahr später ist die Krim wieder im Besitz der Sowjets. Als die Wehrmacht die Krim im Zweiten Weltkrieg erobert, halten ihr die russischen Truppen monatelang in Sewastopol stand - Stoff russischer Heldengeschichten. 1944 erobert Stalin die Krim von den Nazis zurück. Er rächt sich an den Krim-Tataren, da sie mit den Besatzern kooperiert hatten. Ein Großteil wird deportiert, die Krim wird wieder russisch. 1954 schenkt Chruschtschow die Halbinsel der Sowjetrepublik Ukraine. In der Sowjetunion sollten ohnehin Grenzen zwischen den Völkern keine Rolle spielen.

"Das hat man natürlich nur getan, weil sich da nichts geändert hat an den Strukturen", so der Historiker Orlando Figes. "Dann war das Teil der ukrainischen sozialistischen Sowjetrepublik, die war ja auch Teil der großen Sowjetunion. Im Grunde war das von keiner großen Bedeutung. Das war ein symbolischer Akt und trotzdem lebten schon damals auf der Krim mehrheitlich Russen und Ukrainer, die russisch sprachen." 1991 folgt die Zäsur: Die Sowjetunion bricht zusammen. Für Putin "eine der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts". Wie in vielen anderen Republiken werden Russen auch in der unabhängigen Ukraine plötzlich zur Minderheit - das tut weh.

Phantomschmerz des untergegangenen Imperiums
"Deshalb ist das nicht nur eine Sache, die Putin alleine angeht", erklärt Jörg Baberowski. "Den Phantomschmerz empfinden die meisten Russen, seien sie liberal, konservativ, slawophil oder westlich orientiert. Alle empfinden sie den Phantomschmerz des untergegangenen Imperiums. Klug kann man damit nur umgehen, wenn die Nachfolgestaaten des Imperiums Minderheitenrechte gewähren. Auf Kulturautonomie beruhte im Grunde ja auch die alte Sowjetunion, auch wenn sie keine Demokratie war." Das erklärt die Sehnsucht viele Russen nach Zarenreich und Sowjetunion - sie ist nicht nur Propaganda.

Die Krim-Russen wollen eine Annäherung an Russland. Putin soll sie retten. Und dabei lässt sich der Kreml-Chef keine Lösungen nach westlichem Vorbild vorschreiben. "Während westliche Nationen ihre Bürger als Passinhaber sehen, die in bestimmten Grenzen leben, ist Russland eine postimperiale Nation", sagt Orlando Figes. "Russland bezieht seine nationale Identität aus dem Ethnos, der Gesamtheit aller Russen - egal, wo sie sind. Das wird im Westen einfach nicht verstanden. Putin hält daher den Schutz von Russen außerhalb russischer Grenzen für ein legitimes nationales Interesse Russlands."

Wer die besondere Geschichte des russischen Imperiums nicht kennt, wird auch Russlands Einmarsch in der Ukraine nicht verstehen. Sanktionen und Ultimaten helfen hier nicht weiter. Ein Dialog auf Augenhöhe ist gefragt, denn sonst treibt man Russland nur noch weiter hinein in seinen Groll gegen den Westen.

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