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© Imago Lupe
Der Streit um Martin Heidegger und seine "Schwarzen Hefte" führt zu einer Abrechnung unter französischen Intellektuellen.
Erregte Debatte
Diskussion um Heideggers "Schwarze Hefte"
War Martin Heidegger Rassist und Antisemit? Ist sein Ruf noch zu retten? Ist der Wanderer auf seinem Feldweg als Philosoph in eine Sackgasse geraten? In Paris sorgen 15 vorab weitergereichte Zitate aus Heideggers "Schwarzen Heften" für erregte Debatten.
Der Streit um Martin Heidegger führt zu einer Abrechnung unter französischen Intellektuellen. Die alten Feinde Heideggers bekommen nun Aufwind. Der Philosoph Emmanuel Faye beispielsweise findet in den "Schwarzen Heften" die letzte Bestätigung dafür, dass er Heidegger schon immer für einen raffinierten Nazi hielt. Er setzt Heidegger gar mit Hitler gleich. "Man kann in 'Mein Kampf' dieselbe Struktur herauslesen wie in der Heidegger-Sprache, ganz klar", sagt er. "In den 'Schwarzen Heften' wird das Judentum als Rasseprinzip ausgegeben. In diesen Texten sehen wir leider aufs Neue diesen Rassismus im Herzen des Heideggerschen Denkens bestätigt."

19.03.2014, 22.25 Uhr

Kulturzeit extra: Der Fall Heidegger
© dpa
Wie antisemitisch war der Meisterdenker? Diskreditiert die Veröffentlichung seiner Gedankentagebücher posthum seine gesamte Philosophie? Darüber diskutiert Gert Scobel mit Peter Trawny und dem Heidegger-Biografen Rüdiger Safranski
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Fédier: "dermaßen absurd"
Francois Fédier, Herausgeber und Übersetzer von Heidegger, hält "diese Fixierung auf den angeblichen Antisemitismus von Heidegger" für "dermaßen absurd, dass man es als eine psychoanalytische Abwehr verstehen muss. Man muss ihm etwas Furchterregendes unterstellen, sonst ist man in Gefahr." Für Francois Fédier, der sich seit 50 Jahren mit Heidegger beschäftigt, sind die in Frankreich bekanntgewordenen antisemitischen Zitate aus dem Zusammenhang gerissen. Er übersetzt den deutschen Philosophen und gibt sein Gesamtwerk heraus, ist der Kopf der französischen Heidegger-Schüler und sein Apologet. Wenn man Heidegger angreift, greift man ihn an.

Wie steht es nun um den Judenhass von Heidegger? Francois Fédier ist überzeugt, dass man, um ein Antisemit zu sein, "völlig dumm" sein müsse. Er lässt sich erst gar nicht auf Argumente ein, verteidigt seinen Philosophen um jeden Preis - was man vom deutschen Herausgeber nicht behaupten kann. Von Wuppertal aus errichtet Peter Trawny ein neues Heidegger-Gebäude, das auf den Säulen des Judenhasses ruht. Er editiert die "Schwarzen Hefte" - auf Grundlage einer Kopie, in blauem Leinen. Er findet in der Handschrift Belege für antijüdische Ressentiments, die dem damaligen deutschen Zeitgeist entspringen. Das "Weltjudentum" wird mit Begriffen wie "Bodenlosigkeit", "Weltlosigkeit" und Begabung für das "Rechnerische" belegt: "Wir kennen den Schacherjuden, den rechnenden Juden, der hinter dem Geld her ist", so Trawny. "Diese Stereotypen werden aufgenommen, aber philosophisch transformiert. Heidegger ist der Ansicht, dass das rechnende Denken der Geistesart der Juden entspricht."

Trawny: Vorreiter einer "Machenschaft"
Das Schachern, das Kalkül, die "Machenschaften" der Juden führten zu einem Zitat: "seinsgeschichtlich verbrämten Antisemitismus". Der ursprüngliche Nazi Heidegger überbiete seinen Judenhass, indem er die Nazis mit einbeziehe, so Trawny. Das "Weltjudentum" sei Vorreiter einer "Machenschaft", die mit den Nazis auf gleicher Ebene um die Weltherrschaft ringe. "Weltjudentum ist eben ein Repräsentant, wenn Sie so wollen, eine institutionelle Inkarnation dieser Machenschaft", so Trawny, "weil er nun meint, dass das Weltjudentum anonym, unerkannt, nicht lokalisierbar, vor allem in der Kriegszeit die Weltgeschicke in der Hand hält."

Die Beherrschung der Welt durch die berechnende Wissenschaft und Technik, also die "Machenschaft", verbinde das Weltjudentum mit Hitler, so Heidegger. Hier kommt sein antimodernes Ressentiment zum Ausdruck - Grundlage für seinen Hass auf die Juden: "In den 'Schwarzen Heften' sehen wir, dass Heidegger die Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg dem Weltjudentum zuweist", erklärt der Philosoph Emmanuel Faye. "Das ist eine beunruhigende Auffassung. Man ahnte kaum, dass Heidegger so weit gehen könnte in der 'Verjudung' des Weltkriegs. Es ist dasselbe Fantasma wie bei den Hitler-Anhängern."

Aus den "Protokollen der Weisen von Zion"?
Hat Heidegger seine Gedanken über das Judentum aus den "Protokollen der Weisen von Zion" geschöpft, mit denen die Nazis ihre Pogrome bis hin zur Vernichtung der Juden begründeten? Eindeutig gefälschte Protokolle über eine Weltverschwörung der Juden. "Ich behaupte", so Trawny, "dass dieser Antisemitismus bei Heidegger maßgeblich von diesen Protokollen der Weisen von Zion beeinflusst ist. Das ist die Quelle des modernen Antisemitismus. Ich behaupte auch nicht, dass Heidegger das gelesen hat. Die antisemitische Propaganda des Nationalsozialismus war voll davon."

Der Franzose Francois Fédier geht zum Gegenangriff über: Er beruft sich auf Zitate, in denen Heidegger den Antisemitismus als "töricht und verwerflich" ablehnt. Der Streit um Heidegger wird grundsätzlich: Zeugen die schockierenden Stellen vom Bankrott seines Denkens? Muss man Heidegger deshalb neu interpretieren? Oder steht seine gesamte Philosophie auf dem Spiel? Fragen über Fragen. Das Fragen aber ist die wesentliche Lehre des wandernden Philosophen: "Fragen ist die Frömmigkeit des Denkens."

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Mediathek
© ZDFVideoOnline-Extra: Diskussionsrunde
Gert Scobel spricht mit Peter Trawny und Rüdiger Safranski
Bücher
Gesamtausgabe. 4 Abteilungen
von Martin Heidegger
Hrsg: Peter Trawny

Überlegungen II-VI:
(Schwarze Hefte 1931-1938)
Klostermann 2014
ISBN-13: 978-3465038153

Überlegungen VII - XI:
(Schwarze Hefte 1938/39)
Klostermann 2014
ISBN-13: 978-3465038320

Überlegungen XII - XV:
(Schwarze Hefte 1939-1941)
Klostermann 2014
ISBN-13: 978-3465038382
Hintergrund
Die "Schwarzen Hefte"
Von Anfang der 1930er Jahre an notierte Martin Heidegger etwa 40 Jahre lang philosophische Reflexionen und Gedanken. Sie ergeben mehr als 1200 Druckseiten.

Ausgerechnet Heideggers "Schwarzes Heft" von 1945/46 war lange vermisst. Es tauchte aber im Besitz des Literaturprofessors Silvio Vietta in Heidelberg wieder auf, wurde zunächst aber weder von der Familie Heidegger noch vom Deutschen Literaturarchiv in Marbach, wo Heideggers Werke aufbewahrt werden, gesichtet. Sie bilden das letzte große Werk des für viele bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, das er Verdichtetes nannte.