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© dpa Lupe
In "Der neue Tugendterror" schlägt Thilo Sarrazin zurück.
Die eigene Wirklichkeit
Thilo Sarrazin und "Der neue Tugendterror"
"Ich provoziere ja nicht, sondern es fühlen sich einige provoziert", erklärte Thilo Sarrazin bei der Präsentation seines neuen Buches "Der neue Tugendterror". 2010 hatte er mit seinem Erstling "Deutschland schafft sich ab" für Empörung gesorgt. Nun geißelt Sarrazin das vermeintlich links-liberale Gutmenschtum und schreibt über "die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland".
Wie entstehen in unserer Gesellschaft Meinungen? Wer prägt sie? Und können wir in unserem vermeintlich freien Land wirklich alles sagen? Thilo Sarrazin beschäftigten diese Fragen - vier Jahre nach seinem Buch "Deutschland schafft sich ab".

Viele hatten Erstling gar nicht gelesen
"Die Medien beeinflussen die Meinungsfreiheit, indem sie zunächst den Kreis des Sagbaren beschreiben und den Menschen vermitteln, was sie denken dürfen und was sie sagen dürfen. Damit wird der Umfang des gesellschaftlichen Denkens beschränkt und auch der Umfang gesellschaftlicher Debatten." Ist das so? Über kein anderes Buch wurde in den letzten Jahren so heftig debattiert wie über das von Sarrazin 2010. Er hatte damit eine Diskussion angestoßen, die bislang so nicht geführt worden war. Dabei hatten viele - auch Journalisten - das Buch gar nicht gelesen. Sie lehnten es reflexartig ab - bis hin zu Angela Merkel und Wolfgang Schäuble.

"Ich hatte mir keinen Begriff davon gemacht, dass die Empörungsbereitschaft der Medien bereits bei den von mir aufgeworfenen Fragen stehen blieb", so Sarrazin, "und sich für meine Analysen null interessierte. Ich habe also Monate gebraucht, eigentlich ein Jahr, um zu verstehen, dass der Umgang mit mir systemisch war, gar nicht mal persönlich. Da werden Fragen aufgerufen, die verletzen unsere Grundsicht auf die Welt. Und den betrachten wir jetzt als den absoluten Feind." Sarrazin als Opfer eines Systems? So jedenfalls beschreibt er das in seinem neuen Buch. Opfer eines Meinungskartells dominiert von linken Journalisten. Opfer eines ideologisch getriebenen Tugendterrors, der die Meinungsvielfalt in Deutschland einschränkt und gefährdet. Funktionieren so Medien?

"Wenn es sozusagen einen Ruf der Empörung gibt", erklärt der Medienforscher Carsten Reinemann, "einen öffentlichen, kann es sein, dass sich ein genereller Tenor in den Medien entwickelt, weil alle aufeinander schauen - eine Ko-Orientierung stattfindet, wie man das nennt. Und dass sich auch häufig die Berichterstattung ganz schnell von dem eigentlichen Anlass des Skandals entfernt. Da kommt es tatsächlich zu Fehlleistungen. Es wird nicht recherchiert, es wird abgeschrieben, all das kommt vor. Aber ich glaube, man kann nicht sagen, dass sich das ideologisch in einer Ecke bewegt."

Vermeintlich linker Gleichheitswahn
14 Leitgedanken hat Sarrazin in seinem neuen Buch formuliert. Gemäß dieser - so Sarrazin - denkt und schreibt das deutsche Meinungskartell und lenkt so unsere Öffentlichkeit. "Wer reich ist, sollte sich schuldig fühlen" heißt es da, "Der Islam ist eine Kultur des Friedens und bereichert Deutschland und Europa" und "Das klassische Familienbild hat sich überlebt. Kinder brauchen nicht Vater und Mutter". Sarrazin konstruiert daraus einen vermeintlich linken Gleichheitswahn. Wer in Deutschland lebt, wird angeblich gemäß dieser Thesen konditioniert und manipuliert. Andere Fragestellungen seien nicht zu gelassen - so Sarrazin. Wer widerspricht, landet auf dem moralischen Scheiterhaufen.

"Es kommt weder beispielsweise eines der wichtigsten Leitmedien in Deutschland, die 'Bild', vor, die natürlich in Sachen Islam eine ganz andere Haltung vertritt", so Carsten Reinemann, "noch kommen die ökonomischen Bedingungen innerhalb des Journalismus zum Tragen. Es kommt beispielsweise auch nicht vor, dass wir zwar tatsächlich - wenn man auf die einzelnen Journalisten schaut - wir überdurchschnittlich viele Linke haben. Aber wenn man dieselben Journalisten fragt: 'Wie sind denn eure Medien aufgestellt?', dann verorten die sie in der Mitte und deutlich rechts von sich."

"Bild" mit Vorabdruck
Seit dem 21. Februar berichtet die "Bild" täglich über das neue Buch. Seitenfüllend druckt Deutschlands wohl größte Zeitung Sarrazins Thesen ab. Alles ist abgesprochen und von Sarrazin autorisiert. Wie passt das zusammen mit seiner Behauptung es gäbe ein deutsches Meinungskartell, das unliebsame Argumente - wie seine - entstellt und verkürzt? "Wenn man ein Buch schreibt", sagt der, "möchte man auch seinen Verkauf sichern. Der Verlag war mit unterschiedlichen Medien über einen Vorabdruck im Gespräch. Die 'Bild'-Zeitung zeigte sich interessiert und wir haben das am Ende dannauch mit ihr gemacht. Und ich finde auch, dass die Darbietung in 'Bild' so ist, dass das, was ich sagen will, sehr gut rüberkommt."

Also doch kein Meinungskartell? Es herrscht in Europa ein breites gesellschaftliches Unbehagen. Menschen fühlen sich nicht repräsentiert. Thilo Sarrazin gibt diesem Phänomen eine Stimme. Bei der Europawahl im Mai 2014 könnte es sein, dass Parteien wie die französische Front National, die österreichische FPÖ und die griechische Syriza zum ersten Mal die stärksten Parteien in ihren Ländern werden. Bewegungen, die unter anderem davon leben, dass sie den Menschen suggerieren, sie dürften ihre Meinung nicht äußern. Dabei ist gerade das Gegenteil der Fall: "Gerade heute in den Zeiten von Blogs, Online-Medien, sozialen Netzwerken sind wir in einer Situation, in der die Grenzen eigentlich immer mehr fallen", sagt Carsten Reinemann. "Das heißt, ich habe immer mehr die Möglichkeit, Sachen zu sagen, auch öffentlich zu sagen, die ich mich früher vielleicht überhaupt nicht getraut hätte. Tendenziell ist also generell eher das Gegenteil richtig. Nicht, dass der Korridor immer enger wird, sondern, dass er immer weiter wird und dann eben auch die Grenzen fallen des respektvollen Umgangs."

Die Reaktionen auf "Deutschland schafft sich ab" zeigen, welche Fehler Medien heutzutage machen. Sarrazin erzählt das in seinem Buch sehr persönlich. Seine Analyse - es gäbe ein ideologisch einseitiges Meinungskartell - hat wenig mit der Wirklichkeit zu tun. Vielmehr dient sie wohl dem Zweck, seine Themen wieder einmal auf die Agenda zu setzen. Sie sind nicht neu. Auch andere vertreten sie. Und ja - die Medien berichten darüber.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© DVALupe"Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland"
von Thilo Sarrazin
Deutsche Verlags-Anstalt 2014
ISBN-13: 978-3421046178
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