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© ap Lupe
Tiere, künstlich gezeugt, computer-erfasst, geboren, um zu sterben nach nur 120 Tagen Mast - Hilal Sezgin nennt das unmoralisch.
Saumäßige Moral
Hilal Sezgin plädiert für die Würde des Tieres
Mehr Rechte für Tiere! Das fordert die Tierethikerin und Philosophin Hilal Sezgin in ihrem Buch "Artgerecht ist nur die Freiheit - Eine Ethik für Tiere oder Warum wir umdenken müssen". Das Töten von Tieren sei moralisch einer zivilisierten Gesellschaft unwürdig, das Schlachten ein brutaler Akt, der "Gebrauch" von Tieren nicht zu rechtfertigen. Ethisch vertretbar sei nur die vegane Ernährungsweise.
Jeden Morgen schleppt Hilal Sezgin kiloweise Heu für ihre Schafe herbei. Die Journalistin und Philosophin wohnt auf einem alten Hof in der Lüneburger Heide. Dort hat sie auch ihr Buch geschrieben. "Ich denke, wir sollten Respekt dafür entwickeln, dass Tiere eigene Individuen sind mit einem eigenen Leben", sagt sie. "Ein Leben, das man nicht auf zwei Quadratmetern Stall nachspielen kann. Das ist kein Leben. Die sind einfach total frustriert. Und man darf sie auch nicht schlachten, man darf ihnen nicht die Kinder wegnehmen."

Es geht um Gewalt
Hilal Sezgin erzählt, wie der Mensch Lebewesen zu Nutztieren degradierte. Sie spricht mit Schlachtern und Landwirten, sucht bei Philosphen wie Kant und Habermas - und entdeckt, dass unsere Gesellschaft keineswegs so friedlich ist, wie wir immer denken. "Wir machen uns oft nicht bewusst, um wieviel Gewalt es hier geht", so Sezgin. "Es geht nicht um eine Kleinigkeit am Rande, sondern wir haben ganze Wirtschafts- und Industriezweige erschaffen, um Tiere hervor zu bringen, die nie ein richtiges Leben haben werden, und die dann frühzeitig wieder gewaltsam getötet werden."

Die Schweine von Züchter Jürgen Winkelmann etwa werden bereits in der dritten Generation auf seinem Hof gehalten - ein hart umkämpftes Geschäft. 13.000 Ferkel werfen die Muttersauen pro Jahr. "Als Junge bin ich natürlich mit den Schweinen groß geworden", sagt Winkelmann, "damals noch ganz anders als heute. Es entwickelt sich alles weiter." Es gibt Kinderbilder von ihm, wo er auf einer Sau über eine Wiese reitet. Diese Zeiten sind lange vorbei. Keines seiner Schweine wird jemals den blauen Himmel sehen. Bereits nach drei Wochen werden die Ferkel von den Müttern getrennt.

Geboren, um zu sterben
"Die Schweine sind da, damit wir sie essen", so der Schweinezüchter. "Aber trotzdem kann man mit dem Tier würde- und respektvoll umgehen und unter bester Qualität erzeugen." Aber wer definiert Würde? Tiere, künstlich gezeugt, computer-erfasst, geboren, um zu sterben nach nur 120 Tagen Mast - Hilal Sezgin nennt das unmoralisch. "Eine artgerechte Haltung von Masttieren gibt es per definitionem nicht", sagt sie. "Weil sie immer geschlachtet werden - und es werden ihnen immer die Kinder weggenommen in einem Alter, wo sie noch trinken würden, wo sie eine Gruppe bilden würden."

Tiere seien wie wir empfindsame Wesen, die ein Recht auf Leben hätten, schreibt Hilal Sezgin. "Wir nennen sie Nutztiere und dann dürfen wir mit ihnen machen, was wir wollen", sagt sie. "Aber sie sind ja nicht mit dem Label Nutztiere von der Evolution auf die Welt geworfen worden oder sowas. Wir nennen sie Nutztiere, um zu rechtfertigen, was wir mit ihnen machen. Das ist gedanklich nicht stimmig und das ist auch sehr unmoralisch."

Kultur und Tradition
Das sieht Eckhard Fuhr ganz anders. Der Berliner Feuilletonjournalist ist auch Jäger und in seinem Revier der Herr über Leben und Tod. Sezgins Tierethik, so Fuhr, wende sich rigoros gegen unsere Kultur. In der stehe der Mensch nun einmal traditionell über dem Tier. "Die Ausbeutung des Rindes war die Voraussetzung für die Erfindung des Pfluges", sagt er. "Und der Pflug ist eine Art kulturelle Initialzündung gewesen. Ich glaube, aus diesem kulturellen Zusammenhang heraus ergibt sich auch das moralische Recht. Die Moral schwebt nicht irgendwo da oben am Sternenhimmel der Ideen, sondern ergibt sich aus Tradition."

Das moralische Recht, Tiere auszubeuten? Rainer Hagencord hat in Münster das Institut für theologische Zoologie gegründet. Auch die Kirche, so sagt er, müsse den Umgang mit den Tieren neu definieren, sich auch philosophisch auseinandersetzen. "Nur Personen sind ethisch zu belangen, haben einen ethischen Standard", so Hagencord. "Kant rechnet selbstverständlich die Tiere zu den Sachen. Und das ist eine fatale Aufteilung des Reichs der Lebendigen. Die Tiere kommen plötzlich auf diese Seite und werden unserer Verfügung unterworfen."

Utopie des friedlichen Miteinanders
Das Buch von Hilal Sezgin ist ein Plädoyer für die Tiere, die nach ihrer Ethik künftig friedlich mit uns Menschen leben sollen. Eine Utopie? "Ich glaube, es ist der Beginn eines Bewusstseinswandels, weil wir öffentlich darüber reden", sagt sie. "Es ist heute eine legitime Frage und das heißt, dass viele Menschen das Problem sehen. Das macht mir Mut." Hilal Sezgin verdammt die Bauern und Fleischesser nicht. Aber sie fordert auf, sich zu fragen, ob wir wirklich das Recht haben, andere Individuen einzusperren, zu schlachten und zu essen.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© C.H BeckLupe"Artgerecht ist nur die Freiheit - Eine Ethik für Tiere oder Warum wir umdenken müssen"
von Hilal Sezgin
C.H. Beck 2014
ISBN-13: 978-3406659041