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© dpa Lupe
Verurteilter Betrüger: Beltracchi verbüßt seine Strafe im offenen Vollzug.
Fälscher oder Künstler?
Das Beltracchi-Konzept
Es ist der wohl größte Kunstskandal unserer Zeit und Wolfgang Beltracchi vielleicht der größte Fälscher, den die Kunstwelt gesehen hat. Der verurteilte Betrüger verbüßt seine Strafe im offenen Vollzug, seine Ehefrau Helene ist bereits wieder auf freiem Fuß. Beide haben die Gefängniszeit genutzt und gemeinsam eine 600-Seiten starke Autobiographie geschrieben: "Selbstportät".
Der Freigänger Wolfgang Beltracchi fährt jeden Tag nach Bergisch Gladbach in sein Atelier und trifft seine Frau Helene. Jeden Abend geht es wieder zurück in seine Zelle - Tag für Tag. Ist der begnadete Fälscher ein Künstler oder nicht? "Diesen Begriff Fälscher ziehe ich mir nur an für die Signatur", sagt Wolfgang Beltracchi. "Die Signatur war gefälscht. Der Rest nicht. Der Rest ist mein Bild. Signaturen fälschen kann jeder."

"Mein Kunstkonzept stand immer fest"
Wieviele Werke berühmter Maler von Wolfgang Beltracchi stammen, das wissen nur er und seine Frau. Im Prozess 2012 Jahren ging es um gerade einmal 14 Gemälde. "Ich hätte auch 1000 Bilder malen können oder noch mehr, aber ich habe so ungefähr 100 Maler gemacht aus vier Jahrhunderten", so Wolfgang Beltracchi. Er selbst sieht sich als Künstler. "Mein Kunstkonzept stand immer fest. Das habe ich abgearbeitet, verfeinert, verbessert", sagt er. "Es war auch kriminell, aber es war trotzdem ein Konzept. Eines, das wenige jemals gemacht haben."

Wolfgang Beltracchi hat nicht einfach kopiert, er hat sich in den Maler und seine Zeit hineingedacht und Werke hinzuerfunden, quasi Lücken in ihrem Oeuvre gefüllt. Das machte das Paar so erfolgreich. Und jetzt? "Eigentlich sind wir ja von allem befreit, haben nicht mehr die Last irgendwas zu verheimlichen", sagt Helene Beltracchi. "Wir haben zwei Leben geführt, das normale Familienleben, ein relativ durchschnittliches, bürgerliches Leben. Und dann gab es natürlich unser zweites Leben." Das richtete sich nach dem Kunstmarkt. Und der will Originalität. Der Betrachter sucht das Hier und Jetzt des Originals, denn das gilt als Ausweis von Echtheit. Diese geheimnisvolle Aura ist vermutlich der empfindlichste Kern des Kunstwerks.

Verkaufte Aura
Zur Idee des einmaligen Kunstwerks gehört seine einmalige, individuelle Geschichte, also Kenntnis der Herkunft und Provenienz sowie seine Materialität. "Das versucht der Kunstmarkt dem Käufer zu vermitteln", sagt Wolfgang Beltracchi. "Wenn du ein Kunstwerk für zehn Millionen kaufst, kaufst du auch ein Stück von Picasso, van Gogh. Das ist in meinen Auge absoluter Käse. Ich glaube, das ist ein totes Ding, das ist da einfach nicht enthalten." mit schönen Geschichten haben die Beltracchis den Kunstmarkt bedient. Dass für Fälschungen - egal, wie gut sie gemacht sind - nur eine geliehene Aura gilt, enttäuscht sie. "Unsere Bilder sind doch ein gutes Beispiel. Die wurden teilweise hochgelobt für ihre Ausstrahlung, ihre Aura. Und als klar ist, es ist eine Fälschung, sagen die Leute, es ist ganz schlecht. Ja, wo ist denn die Aura? Die Aura hat sich mit dem Geld verkrümelt."

Wie der Kunstmarkt funktioniert, wissen die Beltracchis vermutlich so gut wie kaum jemand anderes. Wie hoch der Schaden durch die Beltracchi-Fälschungen ist, weiß indes niemand genau zu beziffern. Kunsthandel ist ein sehr diskretes Geschäft, und bei spektakulären Enthüllungen gibt es nur Verlierer. In den Büchern der Beltracchis erfährt man dazu wenig. Künstler und Fälscher oder nicht - es ist eigentlich ganz einfach: "Ich hab es nur aus Spaß gemacht", sagt Wolfgang Beltracchi. "Es war mir wichtig, mein Leben zu führen und Spaß zu haben - ein schönes Leben mit viel Spaß. Das haben wir gemacht."

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© RowohltLupeSelbstporträt:
von Helene und Wolfgang Beltracchi
Rowohlt 2014
ISBN-13: 978-3498060633
Buch
© RowohltLupeEinschluss mit Engeln
von Helene und Wolfgang Beltracchi
Rowohlt 2014
ISBN-13: 978-3498044985
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