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CLIP: Vivian Perkovic
Themen am 20.10.2017Navigationselement
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© dapd Lupe
"Ich werde euch zeigen, wie man in einer feindlichen Umgebung wie der Politik überlebt", sagte Jón Gnarr 2011 den Berliner "Piraten". Nun will er aufhören.
Spaßmacher mit Weitblick
Reykjaviks Ausnahme-Bürgermeister Jón Gnarr
Er forderte im Wahlkampf "kostenlose Handtücher in allen Schwimmbädern" und mehr Eisbären im Zoo. Seit 2010 ist der Komiker, Ex-Punkmusiker und Ex-Taxifahrer Jón Gnarr Bürgermeister der isländischen Hauptstadt Reykjavik. Seine Partei siegte mit rund 35 Prozent - ein Zeichen des Protests gegen das Versagen der isländischen Politik während der Finanzkrise. Nun will der 46-Jährige aber kein zweites Mal kandidieren.
Im pinkfarbenen Dress demonstrierte er für Pussy Riot. Als Darth Vader hielt er seine offizielle Weihnachtsansprache. Bei Youtube führte er einen "Guten-Tag-Tag" ein. Bei der "Gay Pride Parade" winkte er als Drag-Queen. "Das ist mein Weg: in Systeme einzudringen und sie wie ein Virus mit meinen Ideen zu infizieren", sagt Jón Gnarr. Mit seinem Lachen und absurden Wahlversprechen hat er das System geentert. 2010 trat er mit seiner Spaßpartei "Die Beste Partei" an. Doch als Chef der isländischen Hauptstadt meint er es ernst mit seinem Spaß.

Jón Gnarr - ein Hobbit Islands
© pa / dpa-bildfunk Lupe
Auf Schloss Elmau in Bayern ist Jón Gnarr auf Lesereise mit seinem Buch "Hören Sie gut zu und wiederholen Sie", einer Bilanz seines Umgangs mit der politischen Macht. "Ich habe mich während meiner Amtszeit oft mit Frodo aus 'Herr der Ringe' verglichen", sagt er. "Das Böse zu bekämpfen, indem man nach dem Ring der Macht greift und ihn in die Tiefen des Schicksalsberges wirft. Doch auch Frodo ist immer wieder versucht, sich diesen Ring überzustreifen."

Korruption und Gier: Jahrzehntelang konnten sich isländische Berufspolitiker ungestört den Verlockungen der Macht hingeben. 2008 kam der Crash, das Land stand kurz vor der Staatspleite. Die Isländer rechneten ab: Gnarr, der Künstler, gewann überraschend die Wahl. Er hatte nichts zu verlieren und griff zu unpopulären Maßnahmen: Er fusionierte Schulen, sanierte den größten städtischen Energiekonzern und entließ 60 Mitarbeiter. Auch die Strom- und Wasserpreise erhöhte er.

Der Bürgermeister - ein Störenfried
"Für mich ist die 'Beste Partei' eine Art politische und demokratische Intervention in eine kranke politische Kultur", so Jón Gnarr. "Natürlich ist es hart, derjenige zu sein, der das Licht anmacht und sagt: Okay, die Party ist vorbei. Es ist leichter weiterzufeiern und Verantwortung auf andere abzuschieben. Es ist leichter ein Teil des Problems zu sein als ein Teil der Lösung." In einer Koalition mit den Sozialdemokraten hat Gnarr versucht, die Macht an die Bürger zu delegieren.

Offline und Online: Auf der Website "Besseres Reykjavik" können Bürger eigene politische Ideen einbringen. Fünf Petitionen mit der höchsten Zustimmung schaffen es jeden Monat in den politischen Prozess. Gnarr machte 2012 zudem 1,9 Millionen Euro für Nachbarschaftsprojekte locker. Bürger konnten per Mausklick entscheiden, wofür diese Gelder ausgegeben werden sollten. In einem Werbevideo für die Online-Petitionen tritt Gnarr zugleich als Bürgermeister und als skeptischer Bürger auf. Im Schnitt beteiligten sich an den Online-Abstimmungen nur acht Prozent.

Angebote zur Beteiligung - wenig Resonanz
"Das war sehr enttäuschend", sagt Gnarr. "Im Endeffekt kann die Seite 'Besseres Reyjkavik' nicht mit der Serie 'Breaking Bad' mithalten. Die Leute sagen am Abend: Ich schaue wohl doch eher 'Breaking Bad' und kümmere mich morgen um die Abstimmung." Was nutzt direkte Demokratie, wenn kaum einer mitmacht? Gnarr hat Angebote gemacht, keine kulturelle Revolution ausgelöst. Immerhin: Der Stadthaushalt ist saniert und seine Partei hat überlebt. Womöglich auch, weil Gnarrs Politikstil seine Gegner verwirrt hat.

"Sie können es auch Surrealismus or Dadismus oder einfach Nonsens nennen", sagt er. "Vielleicht wird ein Politikwissenschaftler einmal etwas über den 'Gnarrismus' schreiben. Doch am Ende werden Ideologien wohl eher verschwinden und es wird wieder um die Menschen gehen." Im Juni 2014 finden die nächsten Wahlen statt - Umfragen zufolge würden 37 Prozent Gnarr erneut wählen.

Noch 139 Tage - noch viel vor
Doch der fünffache Familienvater will nicht mehr. Das war von Anfang an Teil seines Plans: "Es geht um das Teilen von Verantwortung. Jeder sollte diesen Anspruch in sich entdecken. Jeder kann Verantwortung übernehmen, eine Partei gründen und sie Freiheitspartei, Coole Partei oder Schwimmpartei nennen oder was immer Sie sich für einen Schwachsinn ausdenken wollen." Noch hat Jón Gnarr 139 Tage als Bürgermeister. Und noch hat er ein Ziel, das er durchsetzen will. Reykjavik soll zur ersten militärfreien Stadt der Welt werden. Kein Scherz.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© Klett CottaLupe"Hören Sie gut zu und wiederholen Sie: Wie ich einmal Bürgermeister wurde und die Welt veränderte"
von Jón Gnarr
Übersetzung: Betty Wahl
Tropen Bei Klett-Cotta 2014
ISBN-13: 978-3608503227
VÖ: 24.01.2014
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