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Themen am 16.10.2017Navigationselement
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© dpa Lupe
Khorchide wendet sich gegen die traditionelle Pädagogik der Angstmacherei.
Glaubensstreit
Mouhanad Khorchide und die Islam-Verbände
Mouhanad Khorchide ist Religionspädagoge und leitet das Zentrum für Islamische Theologie in Münster. Dort werden künftige muslimische Religionslehrer für deutsche Schulen ausgebildet. Doch seine Lehre empört die muslimischen Verbandsfunktionäre in Deutschland. Denn Khorchide wendet sich gegen die traditionelle Pädagogik der Angstmacherei.
"Eine solche Pädagogik ist Ausdruck einer Diktatur, die im Menschen selbst errichtet wird", heißt es da. "Einer Diktatur, die sich in erster Linie gegen den Menschen selbst richtet. Denken, geschweige denn kritisches Denken, ist in einem solchen Kontext nicht erwünscht. All das widerspricht jedoch dem Koran." Die Hauptkritik des Koran am Menschen war laut Mouhanad Khorchide: "Sagt nicht dauernd, wir vertreten nur das, was wir von unseren Vätern und Großvätern gehört haben, sondern hört euch das Neue an. Vielleicht bringt euch das ein Stück weiter. Bleibt nicht in dieser Starre."

Kritik: Khorchides Diskurs sei unwissenschaftlich
Das Neue aber kann Bekir Alboga, Sprecher des Koordinationsrates der Muslime, bei Khorchide nicht erkennen. Seiner Meinung nach ist Khorchides theologischer Diskurs unwissenschaftlich und geht am muslimischen Mainstream vorbei. "Also die Streitkultur, das ist nicht das Thema", sagt Bekir Alboga, "sondern wir brauchen erst einmal eine gute solide Theologie, die an den Universitäten aufgebaut wird. Auf der Grundlage dieser guten Basis sollten dann die Meinungen aufeinander prallen." Wir fragen: "Dann ist also Herr Khorchide für Sie keine solide Säule?" - Alboga antwortet: "Wir brauchen eine solide Säule der islamischen Theologie." Wir fragen weiter: "Er ist für Sie kein Theologe?" - "Er ist Soziologe", antwortet Alboga.

Sollte dem Koordinationsrat das Zeugnis der Beiruter Imam-Fakultät für Islamische Studien entgangen sein, das Khorchides Theologiestudium bezeugt? Wieso hatten die vier im Koordinationsrat vertretenen Verbände dann 2010 der Berufung Khorchides zum Leiter des Zentrums für Islamische Theologie zugestimmt? Und nun soll plötzlich, per Gutachten, sein theologisches Denken als unsolide und unwissenschaftlich verworfen werden? Nachdem Khorchides, die traditionelle Theologie kritisierende Bücher erschienen sind? "Mit dem Gutachten wollten wir sein Werk verstehen", erklärt Bekir Alboga vom Zentralrat der Muslime. "Wir wollten feststellen, was er gesagt hat, nachdem er mit dieser Aufgabe beauftragt wurde."

Beauftragt aber war er schon vor vier Jahren. Und jetzt erst interessiert die Verbände , was Khorchide denkt? Vielleicht, weil sie Sätze wie dieser in seinem Buch stören: "Gott aber interessiert sich nicht für Überschriften wie 'Muslim', 'Jude', 'Christ', 'gläubig', 'ungläubig' [...]. Gott sucht nach Menschen, durch die er seine Intention, Liebe und Barmherzigkeit, verwirklichen kann, Menschen, die bereit sind, seine Angebote anzunehmen und zu verwirklichen."

Mouhanad Khorchide schreibt das, wie er sagt, um noch einmal zu betonen: "Es geht nicht nur, dass jemand sagt: 'Jetzt bin ich Muslim. Jetzt bin ich Christ. Ich komme in den Himmel, in die ewige Glückseligkeit, der Rest ist mir egal: wie mein Verhalten in der Gesellschaft ist, meine Einstellung, mein Händeln ist mir egal, Hauptsache, ich habe die richtige Überschrift.'" Bekir Alboga hält dagegen: "Dann sollten wir ehrlich sein und sagen: Wenn jemand ein guter Mensch ist, dann ist er ein guter Mensch. Er muss sich nicht Muslim nennen."

Gutachten: Theologie komme "Zeitgeist" entgegen
Was das Einmalige daran ist, Muslim zu sein, scheint Khorchide dem Gutachten zufolge nicht ausreichend hervorzuheben. Seine Theologie komme dem "Zeitgeist" entgegen, heißt es im Gutachten, als sei dies an sich verwerflich. Und weiter heißt es: "Khorchides Postulat, die Zehn Gebote beinhalteten die einzige Kernbotschaft der Religionen, zeigt, wie sehr er um die Gunst seiner europäischen und majoritär christlich geprägten Rezipienten ringt."

Der Vorwurf lautet also auch, Khorchide verwässere den Koran, diene sich dem westlichen Denken an. Ist das nun Theologie-Kritik oder Beharren auf Abschottung? In der Blütezeit des Islam, vom 9. bis zum 12. Jahrhundert, so Khorchide, habe es die heutigen Berührungsängste gegenüber fremdem Denken nicht gegeben. Es sei die Zeit gewesen, in der der Islam auch Europa bereicherte. Die Zeit der Gedankenvielfalt innerhalb des Islam, schreibt er.

Studenten bangen um ihre Chancen
In der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, die die Hälfte der Beiratsmitglieder benennt - die andere benennen die Verbände - ist man vom Verhalten der Islamfunktionäre gegenüber dem Leiter des Zentrums für Islamische Theologie betroffen: "Ich glaube, das ist von keiner Seite so antizipiert worden", sagt Ursula Nelles, Rektorin der Uni, "dass die Verbände das ihnen nach der Verfassung zustehende Recht, Stellung zu nehmen, gleichzeitig dazu benutzen, um - so werte ich das - die politische Deutungshoheit des Islam in Deutschland zu erkämpfen. Es überrascht uns, dass das immer mehr eskaliert." Die Studierenden im Zentrum für Islamische Theologie fühlen sich zunehmend verunsichert. Der Konflikt zwischen Khorchide und den Islamverbänden lässt sie um ihre Chancen, für den muslimischen Religionsunterricht eingestellt zu werden, bangen. Sie seien auf das Wohlwollen der Verbände angewiesen, wird ihnen eingeredet.

"Wir versuchen, ihnen deutlich zu machen, dass es der Staat ist, der diese Lehrer einstellt", so Ursula Nelles, "und dass das mit Sicherheit - so, wie die Stimmung im Land ist und wie der Beirat des Schulministeriums aufgestellt ist - nicht negativ für sie werden wird." Der renommierte Islamwissenschaftler Peter Heine findet das Verhalten der Verbände unislamisch und borniert. Für Heine ist Khorchides Theologie Ausdruck inner-islamischer Vielfalt. Heine hat 2010 mit einem positiven Gutachten zur Berufung Khorchides beigetragen.

"Wir haben es hier im Endeffekt mit etwas zu tun, das mit dem Islam außerordentlich wenig zu tun hat,", konstatiert der Islamwissenschaftler Peter Heine. "Nämlich einer Form von Dogmatisierung, die der Islam so nicht kennt, und Bürokratisierung." Der Islam in Deutschland braucht neue Ideen, wie sie Khorchide formuliert, die über das Hergebrachte hinausgehen. Das wird auch künftigen Islamlehrern an deutschen Schulen nutzen.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
"Islam ist Barmherzigkeit: Grundzüge einer modernen Religion"
von Mouhanad Khorchide
Herder 2012
ISBN-13: 978-3451305726
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