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Themen am 24.03.2017Navigationselement
© dpa Lupe
"Nur die Fantasielosen flüchten in die Realität", sagte Arno Schmidt einmal.
Popliterat der ersten Stunde
Arno Schmidt zum 100. Geburtstag
"Nur die Fantasielosen flüchten in die Realität" - sagte einst Arno Schmidt. Er war Schriftsteller, Einzelgänger, Mythos, ein literarischer Freibeuter, der sich mit keiner Sache gemein machen ließ und lange vor den Umwälzungen der 68er-Revolte gegen Biederkeit, Mief und Verdrängung im Nachkriegsdeutschland wetterte. Am 18. Januar 2014 wäre er 100 Jahre alt geworden.
"Wenn ich nicht schon von Geburt Atheist wäre, würde mich der Anblick Adenauer-Deutschlands dazu machen", sagte Arno Schmidt einmal. "Es ist eine stilistisch kanalisierte Aggressivität", kommentiert Jan Philipp Reemtsma von der Arno-Schmidt-Stiftung. "Damit spielte er zunächst einmal überhaupt nicht, das ist eine ganz klare politische Oppositionshaltung, eine politische Wut über das, was er da passieren sieht."

In Werken wie "Das Steinerne Herz"," "Die Gelehrtenrepublik" oder "Kaff, auch Mare Crisium" lotet Schmidt die Grenzen des Deutschen aus. Orthografie ist für ihn etwas Lebendiges. Mit Witz, Wortspielen und der Verwendung von Umgangssprache schafft er seinen besonderen Sound: eine Art Popliteratur der ersten Stunde.

"Ich bemühe mich um eine möglichst neue, getreue Abbildung der Welt durch das Wort oder eben den Anforderungen der Prosa, doch die Oberflächenbehandlung muss eine andere sein als aus der klassischen Literatur gewohnt, dass die Leserschaft zwangsläufig immer klein bleiben wird."
(Arno Schmidt, 1964)

Der "einzige Schmidt im Ort"
© dpa Lupe
Arno Schmidt: Vom Schreiben kann er kaum leben.
Es sei eine unglaublich exakte Wahrnehmung, mit der Arno Schmidt Alltagsdetails schildere, sagt der Schriftsteller Uwe Timm. So tauche förmlich die Zeit der späten 1940er und frühen 50er Jahre auf, indem Schmidt beispielsweise beschrieb, wie Dosenfleisch aussieht oder welche Bordüren ein Kostüm hat. Schmidt, der zu den Heimatvertriebenen aus Schlesien gehörte, führt nach dem Krieg zunächst eine rastlose Odysee durch die Republik. Vom Schreiben kann er kaum leben. Die Auflage seiner Bücher ist konstant gering. 1958 ziehen sich er und seine Frau Alice gemeinsam nach Bargfeld in die Lüneburger Heide zurück. Dieses Dorf mit seinen 330 Einwohnern ist so klein, dass, so stellt er fest, er der "einzige Schmidt im Ort ist". Dort findet er die Ruhe, sich einzig auf sein Schreiben zu konzentrieren - und sondert sich ab. Fortan zählt für ihn nur noch die Arbeit.

"Ich bin ein fleißiger Mosaik-Arbeiter, kein Dichter, eine Bezeichnung, die ich einwandfrei für mich ablehne. Ein Wortmetz - das wäre mir viel lieber."
(Arno Schmidt, 1964)

Schmidt schottet sich nach außen ab
Schmidt gibt keine Lesungen, unternimmt keine längeren Reisen. Selbst einen Führerschein hat er nicht. Ein hoher Zaun trennt ihn von der Außenwelt. Die Haushälterin Erika Knop ist neben Schmidts Frau Alice eine der wenigen Personen, die überhaupt Kontakt zu ihm haben. "Arno Schmidt passte eigentlich immer auf, wenn die Post morgens kam", sagt Erika Knop. "Dann nahm er sie entgegen. Und wenn er keine Zeit hatte, wurde der Beutel - ein Plastikbeutel, mit einem Stein drin und einem Strick drum - ans Tor gehängt. Und dann hat Herr Bangemann, der die Post damals brachte, den Beutel aufgemacht, Post rein, zugebunden und über den Zaun geworfen."

© dpa Lupe
Arno Schmidts Wohnhaus - eher eine Hütte - in Bargfeld (Niedersachsen)
In einem bescheidenen Holzhaus lebend, erschafft sich Schmidt in Bargfeld seine eigene Welt, seine "Self Made World". Und führt ein Inseldasein mitten in Deutschland. Zehn Jahre arbeitet er an nun dem Buch, das seinen literarischen Mythos begründen wird: Ausgehend von mehr als 120.000 Zetteln, die er in mehreren Kästen sortiert, verfasst er den Roman "Zettels Traum", der 1970 erscheint, zehn Kilogramm Buch im Din-A3-Format. Zum Preis von 300 D-Mark. Ein Mammutwerk.

Für die einen elitärer Freak, für andere unlesbar
Die Erstauflage ist sofort vergriffen, das Buch gerät zu einem bürgerlichen Statussymbol und Spekulationssobjekt, von dem sich Rudolf Augstein gleich zwei Exemplare gesichert haben soll. Das Tragische: Wirklich gelesen wird es nicht. Für die einen wird Schmidt zu einer Art Guru und Literatur-Titan, für die überwiegende Mehrheit jedoch haftet ihm fortan der Nimbus des Unlesbaren, des elitären Freaks an. "Ich würde mir wünschen, dass man auch mehr diese Bücher wiederentdeckt, die von diesem Brocken 'Zettels Traum' abgedeckt sind", sagt der Schriftsteller Uwe Timm. 'Brand’s Haide', 'Aus dem Leben eines Fauns', 'Das steinerne Herz'. Er hätte eine ganz andere Aufmerksamkeit verdient - in doppelter Hinsicht."

Der Planet Schmidt, er harrt seiner dringenden Wiederentdeckung: entzückend komische, brillant verspielte Texte, die vor Einfallsreichtum, Wortwitz und Experimentierlust nur so strotzen.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Sendung zum Thema
Arno Schmidt - "Mein Herz gehört dem Kopf"
Mittwoch, 15.01.2014,
um 22.35 Uhr auf Arte