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© Saschko Frey Lupe
Bis 1992 arbeiteten in der "Field Station" auf dem Berliner Teufelsberg bis zu 1500 Briten und US-Amerikaner im Drei-Schichtsystem rund um die Uhr.
Laus im Pelz
Abhören in Zeiten des Kalten Krieges
Einst schmuggelte ein Spion des DDR-Auslandsgeheimdienstes brisante Akten aus der heute verfallenen US-Abhörstation auf dem Berliner Teufelsberg. Nur landeten die nicht wie im Fall Edward Snowden in der Öffentlichkeit, sondern beim Systemgegner in der DDR - und dort war ihre Reise noch lange nicht vorbei.
Der Teufelsberg in Berlin war während des Kalten Krieges eine wichtige Abhörstation der US-Amerikaner in Europa. Der Historiker Josef Foschepoth beschäftigt sich seit Jahren mit der Überwachung Deutschlands. Die NSA-Affäre hat ihn wenig überrascht, denn sie steht in einer jahrzehntelangen Tradition. "Man kann diese NSA-Affäre eigentlich nur verstehen", so Foschepoth, "wenn man sie nicht als singuläres Ereignis begreift, sondern als einen jetzt erreichten Höhepunkt einer über 60-jährigen Geschichte der Überwachung."

"Dinge, die nicht angenehm sind, aber nötig"
© Saschko Frey Lupe
Was auf dem Teufelsberg vor sich ging, darüber dachte niemand nach.
Bis 1992 arbeiteten in der sogenannten Field Station auf dem Teufelsberg bis zu 1500 Briten und US-Amerikaner im Drei-Schichtsystem rund um die Uhr. Aufnahmen aus der aktiven Zeit der Abhörstation gibt es so gut wie nicht. Doch es gibt Bilder der Bauarbeiten, zufällig eingefangen von ein paar schnellen Kameraschwenks in einem ZDF-Film über das bunte Leben auf dem Teufelsberg Anfang der 1970er Jahre. Gedanken über das, was auf dem Teufelsberg genau vor sich geht, machte sich niemand. "Vor 20, 40 Jahren war die Empfindlichkeit nicht so hoch", erklärt Christopher McLaren, ehemaliger Abhörspezialist auf dem Teufelsberg. Man habe gewusst, "es gibt Dinge, die nicht angenehm sind, aber nötig."

"Damals hatten wir den Spruch: In Gott vertrauen wir, alle anderen hören wir ab", erinnert sich McLaren. Er ist immer noch Geheimnisträger. 40 Jahre ist das alles jetzt her. Ob vom Teufelsberg auch der Westen belauscht wurde, das will er uns nicht sagen. "Die Frage ist immer, wie geht man mit Alliierten, mit Freunden um?", so McLaren. "Wie tief muss man graben, um sicher zu sein? Und man muss bei Sicherheitsleuten wissen, die nehmen ihren Job sehr ernst."

"Da ist insgesamt viel Heuchelei dabei"
Auch Gotthold Schramm und Klaus Eichner waren solche Sicherheitsleute - nur auf der anderen Seite, in der DDR. Bezüglich des Abhörskandals von Angela Merkel müssen sie schmunzeln. "Wie dumm sich Politiker und auch nicht wenige Journalisten stellen, ach, was sie alles neu erkennen", sagt Klaus Eichner, NSA-Spezialist der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA). "Die sollten mal in ihre Archive schauen oder im Internet recherchieren - dann wüssten sie, was Sache ist. Da ist insgesamt viel Heuchelei dabei." In Gosen, südlich von Berlin, unterhielt der DDR-Auslandsgeheimdienst HVA eine Agentenschule und seine Abhöreinrichtungen gen Westen. Seit den 1980er Jahren hatte die HVA einen Spion in der NSA: James W. Hall. Der spielte der DDR tausende streng geheimer Unterlagen zu - darunter die "National Sigint Requirement List", in der die weltweiten Spionage-Interessen der US-Amerikaner aufgelistet waren. Die für die Bundesrepublik füllten 35 Seiten.

"Das Problem ist ganz einfach", so Klaus Eichner: "dass mit diesem Dokument auch heute noch nachweisbar wäre, wenn man es denn noch hätte, wie Freund und Feind von den Amerikanern ausgespäht werden sollten und ausgespäht wurden." Doch dank der damals von Joachim Gauck geführten Stasi-Unterlagenbehörde gibt es die NSA-Akten nicht mehr. Gaucks Mitarbeiter Hansjörg Geiger, später Chef des Bundesnachrichtendienstes, gab 20 laufende Meter Akten an das Bundesinnenministerium heraus. Das schickte eigens bewaffnete Einheiten des Bundesgrenzschutzes zum Aktenabtransport. Darunter war auch jene "National Sigint Requirement List". Sie trug die höchsten Geheimhaltungsstufe "Top Secret Umbra", wurde gar von Hand zu Hand an den Innenminister gegeben. Der händigte die Akten 1992 dann ungesichtet den US-Amerikanern aus. Geblieben sind allein die geschwärzten Übergabeprotokolle jener Akten, die hätten zeigen können, dass die Bundesrepublik bereits Jahrzehnte vor Edward Snowden ein Überwachungsziel der US-Amerikaner war und die Bundesregierung davon wusste.

Jede Regierung hat abgewiegelt
© Saschko Frey Lupe
Heute ist die Field Station auf dem Teufelsberg Geschichte.
"Wenn Anfragen hinsichtlich der Geheimdienste oder der Überwachungsmaßnahmen gestellt wurden", erinnert sich Josef Foschepoth, "hat jede Bundesregierung das mit dem Argument abgewiegelt, hier handele es sich um Geheimhaltungspflicht und um Staatsgeheimnisse und diese Staatsgeheimnisse müssen von beiden Seiten respektiert werden. Deshalb keine Antwort. Dieses System ist jetzt aufgebrochen. Und das ist die große Chance dieser Affäre, die wir im Moment durchleben." Die Field Station auf dem Teufelsberg ist Geschichte. Das große Radar zur Überwachung der Telekommunikation bauten die US-Amerikaner nach 30 Jahren ab. Die Abhörspezialisten lauschen nun von anderer Stelle weiter.

"Der Vorwurf, die amerikanischen Stellen hätten deutsche Bundesbehörden oder Botschaften ausgespäht oder verwanzt, lässt sich mit keinerlei Hinweis oder Erkenntnissen belegen", erklärte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich im Sommer 2013. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte zur gleichen Zeit: "Mir selber ist kein nichts bekannt, wo ich abgehört wurde." Wird der Bundestag die Chance zur Aufklärung nutzen? "Dafür wird man sich auch mit der eigenen Geschichte neu auseinander setzen müssen", sagt Josef Foschepoth. Und damit, dass man die Überwachung durch die Alliierten viel zu stillschweigend akzeptiert hat.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Kulturzeit extra
© Saschko Frey"Land unter Kontrolle - Die Geschichte der Überwachung der Bundesrepublik Deutschland""
Montag, 27.01.2014
um 21.00 Uhr auf 3sat