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© dpa Lupe
Für glänzende Spiele müssen Häuser und Menschen in Sotschi weichen.
Sotschi und die Folgen
Der Dokumentarfilm "Homes For Games"
Olympische Winterspiele in Sotschi, in einem Badeort am Schwarzen Meer? Für Wladimir Putin kein Problem. Was aber macht der große Umbau mit dem ehemals beschaulichen Sotschi? Das hat Steffi Wurster in ihrem Film "Homes For Games" dokumentiert. Die Langfassung zeigt sie Ende November 2013 im Sacharow-Zentrum in Moskau und diskutiert mit einem russischen Menschenrechtler.
Vier Jahre lang hat Regisseurin Steffi Wurster in Sotschi gefilmt. Eigentlich ist sie Künstlerin und Bühnenbildnerin, gerade das schärft ihren Blick dafür, was in Sotschi geschieht. Anfangs habe sie die Frage von Modell und Realität interessiert, so Wurster. "Was nicht im Modell vorkommt, sind die Menschen", konstatiert sie. Da werden Häuser auch mal kurzerhand zum "illegalen Bauprojekt" erklärt, Familien umgesiedelt.

Stadtverwaltung sorgt für reibungslosen Ablauf
"Man hat uns gesagt, dass man unser Haus in den nächsten zwei Wochen räumt", erklärt der Anwohner Volodja. "Und ich bin nicht der Einzige. Ich kann nirgendwo hin. Ich besorge mir einen Karton, in dem mal ein Fernseher oder ein Kühlschrank drin war, und lege mich hinein, direkt vor die Stadtverwaltung. Die Stadtverwaltung - das ist vor allem Bürgermeister Anatolij Pachomov - soll für einen reibungslosen Ablauf des Mammutprojekts sorgen - und sich um diejenigen kümmern, die vom Beton des präsidialen Großprojekts überrollt werden.

"Wir haben hier mehr als 2000 Umsiedler", erklärt der Bürgermeister. "Und man muss schon sagen, dass so etwas wie in China oder Vancouver bei uns nicht vorkommt. Bei uns werden keine Leute gegen die Olympiade schreien. Diese Aufgabe hat uns Wladimir Putin gestellt. Als unsere Umstrukturierung begann, sagte er: 'Wir bauen ein großes Sportfest für die ganze Welt, aber nicht ein einziger Einwohner Sotschis darf dabei leiden.' Deshalb kann ich sagen: Jedem Einzelnen wird glasklare Aufmerksamkeit gewidmet."

Bewohntes Gebiet als leere Fläche verkauft
Der Grundkonflikt liegt - laut Steffi Wurster - von Anfang an darin, "dass diese Fläche als leere Fläche verkauft wurde, als weißes Papier, als Neuland, auf dem man wunderbar seine olympischen Träume realisieren kann. Das entsprach einfach nicht der Realität, da lebten ungefähr 4000 Leute. Mich hat interessiert, wie der Staatsapparat es schafft, in den nächsten fünf Jahren diese Flächen, die er für sein Olympiaprojekt braucht, freizuräumen." Vier Jahre lang hat Steffi Wurster auf eigene Faust den Großumbau mit ihrer Kamera beobachtet. Den kühnen Plan, bei dem Menschen nur im Wege stehen.

Pavel erinnert sich: "Zu meiner Mutter sagten sie: 'Wissen Sie, wir bräuchten das Jahr 1939, dann könnten wir Sie in die Waggons setzen und nach Solowki oder Kasachstan schicken.'" Keine leeren Drohungen: Ein Räumkommando der Polizei stürmt das Haus von Volodja, einem anderen Anwohner, und steckt die Familie in ein Wohnheim. Zurück bleiben nur Trümmer. "Damals bin ich davon ausgegangen, dass es das jetzt war, dass er mit seiner Familie in diesen zwei kleinen Zimmerchen im Wohnheim hocken bleibt", sagt Wurster. Doch es kommt anders: Unverhofft sieht sich Volodja in ein schickes neues Vorzeigehäuschen am Stadtrand einquartiert. Schöner wohnen auf Befehl - auch das zeigt der Film. Vom Bürgermeister gibt's eine Lampe, als Einzugsgeschenk. "Und da sagt man, bei uns gibt es wenig Demokratie", grinst er. "Kein Land der Welt hat so viel Demokratie, oder?"

Wer aufmuckt, wird zwangsgeräumt
"Homes For Games" zeigt, was diese Fülle an Demokratie für die Olympischen Spiele bedeutet. Vielleicht werden die Spiele künftig nur noch in autoritären Staaten stattfinden - in denen die Freiheit des Einzelnen nichts zählt angesichts eines milliardenteuren Mega-Events. Wer aufmuckt, wird zwangsgeräumt - und zwangsbeglückt mit einem neuen Häuschen.

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