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© dpa Lupe
"Sankt-Martins-Umzug" oder "Sonne-Mond-und Sternefest"?
Der Sinn der Rituale
Hitzige Debatte um den "Sankt-Martins-Umzug"
Die Stimmung dieser Tage ist aufgeheizt, wenn es um den heiligen Sankt Martin geht, den Soldaten, der seinen Mantel mit einem armen Bettler teilte und deshalb im Jahr 372 zum Bischof ernannt wurde - bis heute eine vorbildliche Figur. Und doch mussten die Kinder in einer hessischen Kita 2013 mit Polizeischutz feiern. Der Grund: Sie hatten das Martinsfest in "Sonne-Mond-und Sternefest" umbenannt.
Was in manch einem die Wut aufkochen lässt, findet der Linke Rüdiger Sagel eigentlich selbstverständlich. "Wir sind als Linke für die strikte Trennung von Kirche und Staat", sagt er. "Deswegen möchten wir auch, dass auch in den Kitas, die auch aus öffentlichen Geldern finanziert werden, überkonfessionelle Feste stattfinden, denn viele Eltern sind nicht gar nicht mehr in der Kirche." Haben christliche Feste und Bräuche noch eine Berechtigung in einer Gesellschaft, deren Bevölkerung entweder gar nicht mehr oder an andere Religionen glaubt?

Hauschild: "Kinder brauchen Mythen"
Kulturelle Vielfalt statt Gleichmacherei - doch die Diskussion uferte schnell aus. Internetforen mussten wegen menschenverachtender Äußerungen geschlossen werden. Rechtsradikale nutzten das Thema, um Stimmung zu machen. Der Ethnologe Thomas Hauschild sieht die hitzige Debatte in erster Linie als Ausdruck einer Angst, Rituale und Bräuche aufgeben zu müssen. "Das mögen die Menschen nicht, wenn ihre Bräuche einfach so gestört werden", sagt er. "Das kann auch für die Kinder ganz unangenehme Folgen haben. Kinder brauchen Märchen, Kinder brauchen Mythen, Rituale, Feste, die eine gewisse Tiefe haben, nicht so laue 'Sonne-Mond-Festchen' mit Kerzen, das funktioniert nicht."

Das Martinsfest - ein Brauchtum, bei dem es nicht nur um Religion geht, sondern vor allen Dingen um Werte wie Zusammenhalt und Solidarität. Auf die Figur des Sankt Martin dabei zu verzichten, das finden viele - auch aus anderen Glaubensrichtungen - absurd. Das Fest ist auch eine Chance, gemeinsam zu feiern. "Die Immigranten in diesem Land sind alle mündige Bürger", sagt Ismail Tipi von der CDU in Hessen. "Sie wollen nicht wie Extrawürste behandelt werden, sie leben in diesem Land in Frieden und das soll auch so bleiben. Gerade solche Diskussionen sind in der Frage der Integration nicht förderlich, eher ein Hindernis, das führt zu einem Keil, den wir nicht haben wollen."

"Political correctness" als vorauseilender Gehorsam? Auch Weihnachtsmärkte wurden vielerorts schon in Wintermärkte umbenannt. Die Schnittstelle des kulturellen Wandels der Gesellschaft wird hier sichtbar. "Das Problem ist, dass wir alle in der Zwickmühle sind", so Thomas Hauschild. "Muslime verändern sich, wenn sie nach Deutschland kommen, Atheisten verändern sich, wenn sie in die Weihnachtszeit geraten, und Christen verändern sich, wenn sie ihre Feste neu anpassen müssen, an 50 Prozent muslimische Kinder in bestimmten Kindergärten. Also müssen jetzt alle ein bisschen experimentieren und kreativ sein, und das geht natürlich nicht über behördliche Verbote oder Einschreiten von irgendwelchen Autoritätspersonen."

Nicht nur dumm, sondern gefährlich
Brauchtum wird laut Hauschild unterschätzt. Die Menschen bräuchten Rituale und Feste, bei denen sie ihre Gemeinschaft ausdrücken können. Das Austilgen von Brauchtum sei nicht nur dumm, sondern auch gefährlich. "Wir müssen sehen, dass unsere Kinder - und damit meine ich Kinder muslimischen, ungläubigen, heidnischen und christlichen Ursprungs - dass die auch ein öffentliches Gefühlsleben haben, dass es auch ein Festleben für diese Kinder gibt und dass da Identität für alle geschaffen wird", so der Ethnologe.

Das Martinsfest - keine geschlossene Veranstaltung für Christen, sondern eine Chance, den Begriff Integration mit Leben auszufüllen. In einer offenen Gesellschaft müssen in Zukunft Feste aller Religionen ihren Platz finden. "Ich glaube, dass es weiter viele Feste geben wird, und es wird auch neue Feste geben, in denen wichtige Werte, wie das Teilen, das sich gegenseitige Einladen und Wärmen im Winter, das Schenken, wo alle diese Dinge hochgehalten werden, gegen die Konsumgesellschaft oder mit der Konsumgesellschaft, neue Gestalt annehmen", so Hauschild. "Und ich bin überzeugt davon, dass auch die alten christlichen Feste dabei eine Rolle spielen." Die Geschichte von Sankt Martin jedenfalls fragt nicht nach Religion oder Politik, sie lehrt zu helfen und zu teilen. Das scheint in der Debatte vergessen worden zu sein.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Meinung
Margot Käßmann hält die Debatte um eine Umbenennung des Sankt-Martins-Festes für absurd, so die Nachrichtenagentur dpa. "Das erinnert mich an die DDR, wo Engel zu 'Jahresendzeitfiguren' erklärt wurden", sagte die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) den in Dortmund erscheinenden "Ruhr Nachrichten". Es sei falsche Rücksichtnahme, wenn Sankt Martin zum "Sonne-Mond-und-Sterne-Fest" werde. Muslime oder Nicht-Gläubige könnten Sankt Martin ohne weiteres mitfeiern, erklärte Käßmann. Der Heilige Martin stehe nicht nur für das Christliche, sondern auch für Barmherzigkeit und Zuwendung zu Kindern.