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© dpa Lupe
Erdem Gündüz - der wohl bekannteste von vielen mutigen Türken, die auf dem Taksim-Platz für die Menschenrechte auf die Straße gegangen sind.
Steherqualität
Der Tänzer und Choreograf Erdem Gündüz
Sein Protest war still, aber auffällig: Nach der Räumung des besetzten Gezi-Parks in Istanbul im Juni 2013 stand der Tänzer und Choreograf Erdem Gündüz acht Stunden lang schweigend und unbeweglich auf dem Taksim-Platz. Der "Stehende Mann" erhielt rasch Unterstützung, hunderte Menschen schlossen sich in der Folge seinem demonstrativen, aber friedlichen Widerstand an - den Blick auf das Porträt von Atatürk gerichtet, für viele Türken der Visionär moderner westlicher Werte.
"Einer meiner Gedanken war, dass ich die aktuellen Geschehnisse hinterfragen wollte", sagt Gündüz, "den Zustand hinterfragen wollte, was im Grunde jeder Künstler tut. Und wenn es um den Tanz geht, dann muss man auch sehen, dass Stehen ebenfalls ein Ausdruck des Tanzes sein kann. Genauso wie auch die Stille eine Musik sein kann." Trotz seines friedfertigen Stand-Ins wurde Gündüz dreimal von Polizisten gefilzt und hart von ihnen angegangen. Andere Demonstranten wurden festgenommen. Die extreme Polizeigewalt war auch ein Auslöser für die lang andauernden Proteste.

Stiller Protest
© dpa Lupe
Mit seinem Protest wurde Gündüz zur Ikone des friedlichen Widerstandes.
"Ich kenne meine Rechte", so Gündüz. "Wenn eine einzelne Person eine Aktion unternimmt, dann gibt es keine Probleme. Wenn es aber drei Personen sind, die irgendwo Tee trinken, dann können diese schon als eine Terrorgruppe bezeichnet werden, so ist die Rechtslage in der Türkei." Am 5. September 2013 bekam Gündüz in Potsdam den Medienpreis M100. Er wurde damit für seinen stillen Protest gegen die Brutalität der Polizei sowie gegen die selektive Berichterstattung türkischer Medien ausgezeichnet. Er sei zu "einer Ikone des friedlichen Widerstandes" geworden, sagt die Jury. Ein Widerstand, der auch gefährlich werden kann: Es gab vier Tote, mehr als 7000 Verletzte und unzählige Verhaftungen, als die Polizei im Sommer die Demonstrationen niederschlug.

Erdem Gündüz selbst ist bescheiden. Die Auszeichnung gehe an alle Protestierenden, die auf dem Taksim-Platz für die Menschenrechte auf die Straße gegangen seien, sagt er. "Die Ikone des Widerstandes ist der 'Stehende Mann', nicht ich, nicht Erdem Gündüz. Deshalb hat dieser Preis für mich vielmehr symbolische Bedeutung, als Signal für das Prinzip des Friedens auf der Welt. Das ist die Ausstrahlung dieses Preises. "

Keine geplante Aktion
Eigentlich prägt sonst eher Bewegung das Leben des 34-jährigen Tänzers. Sein "Stehender Mann" sei eine ganz spontane Idee gewesen, keine geplante künstlerische Aktion. "Ich bin eigentlich als Bürger dorthin gegangen, nicht so sehr als Künstler", so Gündüz. "Ich habe mich dorthin gestellt, als ein engagierter Bürger, der in der Türkei lebt. Ich hatte nicht unbedingt die Absicht, eine Performance dort abzuhalten, es war eher ein Bürgerprotest."

Der Vorname Erdem bedeutet "Tugend". In einem Land wie der Türkei eine Aktion mit solch einer weltweiten Strahlkraft durchzuführen, erfordert zudem Zivilcourage und Unerschrockenheit. Der "Stehende Mann" ist ein Vorbild für alle, die die Hoffnung auf Veränderung nicht aufgeben.

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