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Themen am 22.09.2017Navigationselement
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Der Berliner Informatiker Wolfgang Both arbeitet seit 2008 daran, die schwer auffindbaren Buchverbotslisten online zu publizieren.
Vergessene Geschichte
NS-Buchverbotslisten digital zugänglich
Das Bild der brennenden Bücher-Scheiterhaufen vom 10. Mai 1933 hat sich in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingebrannt. Weniger bekannt ist, dass zwischen 1933 und 1941 systematisch Publikationen durch Buchverbotslisten aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt wurden. Der Berliner Informatiker Wolfgang Both arbeitet seit 2008 daran, die schwer auffindbaren Buchverbotslisten online zu publizieren und sie so für Öffentlichkeit und Forschung zugänglich zu machen.
Am Beginn seiner Arbeit stand die frustrierende Erfahrung, dass kaum eine Bibliothek die drei Buchverbotslisten aus der NS-Zeit führt. An digitalisierte Versionen im Internet war gar nicht zu denken. Dagegen spuckte Google sofort eine Aussonderungsliste mit mehr als 10.000 Buchtiteln nationalsozialistischer Literatur aus, die von den Alliierten unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg erstellt worden war. "Es hat mich maßlos geärgert, dass NS-Machwerke in Hülle und Fülle im Netz zu finden sind, während Werke, die damals zur Weltliteratur zählten, nirgendwo verzeichnet sind", erklärt Wolfgang Both. Für ihn lag darin der Ansporn, sich der vergessenen, indizierten Literatur der NS-Zeit anzunehmen.

Im Kulturzeit-Interview spricht er über die historischen Hintergründe der Buchverbotslisten, offene Fragen der Vergangenheitsaufarbeitung und vergessene Literatur von Weltrang:

Die NS-Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 gilt vielen als früher Ausdruck der NS-Terrorherrschaft – tatsächlich gab es aber schon Monate zuvor die erste Buchverbotsliste. Wer fertigte sie an?

Ein Berliner Bibliothekar namens Dr. Hermann erarbeitete als Erster eine "Schwarze Liste". Er wollte die Bibliotheken von "linkem Schmutz" und "jüdischer Asphaltliteratur", wie es im NS-Jargon hieß, säubern. Diese Listen wurden dann schon im März 1933 in verschiedenen Berliner Tageszeitungen veröffentlicht. Es folgte eine ganze Reihe weiterer Aktivitäten - Alfred Rosenbergs "Kampfbund für deutsche Kultur" hat sie aufgegriffen. Außerdem wurde sie an die NS-Studentenschaft weitergegeben, die später Bibliotheken plünderte. Dann hat sich der Buchhandel diesem Systembruch angeschlossen, und gesagt: Wir produzieren und vertreiben nichts mehr, das nicht im deutsch-nationalen Geist ist. Bis zum Sommer 1933 war diese "Schwarze Liste" im Kopf von Geschäftsführern, Leitern und Vorständen aus dem Verlagswesen und den Bibliotheken verankert. Die Hermann-Liste war ein Ausgangspunkt für alle späteren Buchverbotslisten. Sie ist allerdings niemals offiziell vom Reichspropagandaministerium oder von der Reichsschrifttumskammer anerkannt worden.

Sie haben zusammen mit einigen ehrenamtlichen Helfern aus der Berliner Senatsverwaltung die verschiedenen Buchverbotslisten aus der NS-Zeit ins Netz gestellt. Was kam beim Stöbern in den alten NS-Listen heraus?

Die größte Überraschung gab es für mich, als wir die NS-Buchverbotslisten mit den Aussonderungslisten der Alliierten, die direkt nach dem Krieg erstellt worden waren, verglichen. Erstaunlicherweise war nämlich eine ganze Reihe von Büchern auf beiden Listen enthalten. Das kann ich bis heute nicht so richtig nachvollziehen. Viele Fragen sind da noch offen: Wer hat hier welche Kriterien angesetzt, um diese Bücher auf den Index zu setzen?

Im Laufe der NS-Herrschaft schwoll die Liste immer stärker an: Unterscheidet sich die erste "Schwarze Liste" inhaltlich von den späteren Buchverbotslisten?

Die großen Kriterien blieben gleich. Sowohl bei der 1935 vom geheimen Staatspolizeiamt erarbeiteten Verbotsliste, als auch bei dem Index, der zwischen 1939 bis 1941 im Auftrag von Göbbels Propagandaministerium erstellt wurde. Indiziert wurden jüdische Autoren, linke Autoren, und ausländische Autoren, die sich gegen den Nationalsozialismus ausgesprochen hatten, wie zum Beispiel Aldous Huxley, Jack London und Upton Sinclair. Hinzu kamen noch Autoren erotischer Literatur. Es gab allerdings noch weitere Aussonderungskriterien, die wir aber explizit niedergeschrieben noch nicht gefunden haben.

Was geschah nach dem Ende des 2. Weltkrieges mit den NS-Buchverbotslisten?

Mit dem Ende der NS-Zeit wurde auch die nationalsozialistische Indizierung von Büchern beendet. Andererseits sind die Buchverbotslisten aber nie aufgearbeitet worden und damit haben sie, weil wir uns nie damit beschäftigt haben, natürlich entsprechende Nachwirkungen entfaltet. Übrigens in Ost wie in West. Sie sind ja weder in der BRD noch in der ehemaligen DDR bearbeitet worden. Anfangs hatte ich gedacht, dass es in der DDR durchaus ein Thema gewesen sein müsste, die NS-Altlasten aufzuarbeiten, weil ja viele linke Autoren auf den Verbotslisten standen - von Brecht über Becher und Alexander Abusch bis hin zu Hans Marchwitza. Niemand hat das aber gemacht. Deswegen gibt es eine Vielzahl von Autoren, die noch heute von den Verboten, den Aussonderungen und den Vernichtungen betroffen sind. Wir erinnern uns nicht mehr an sie. [...] Es braucht nicht den offiziellen Akt der Rehabilitierung jedes einzelnen Autors von dieser Liste, aber es braucht zumindest den offiziellen Akt der Erinnerung für diese Schriftsteller, der über eine Gedenkveranstaltung zur Bücherverbrennung hinausgehen muss.

Haben Sie ein Beispiel für einen Autor, der aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden ist?

Ich denke da zum Beispiel an Artur Landsberger. Er war zu seiner Zeit ein sehr bekannter Schriftsteller und Publizist. Von manchen war er als Theaterkritiker geradezu gefürchtet. Schon 1933 ging er angesichts der Aussichtslosigkeit der Lage in Deutschland, die er äußerst früh erkannt hatte, in den Selbstmord. Die Geschichten und die Rezensionen, die er geschrieben hat, könnten uns möglicherweise heute auch noch etwas sagen, denn ein Teil dieser Theaterstücke wird ja wieder aufgeführt. Erst knapp 70 Jahre nach seinem Tod, im Jahr 1998, ist nun ein Buch von ihm, sein bekanntester Roman "Berlin ohne Juden" in einer Neuauflage erschienen.

Was müsste konkret mit den von Ihnen bereitgestellten Daten passieren?

Wir brauchen eine wissenschaftliche Aufarbeitung, um herauszufinden, nach welchen Kriterien die Selektion erfolgte, aber auch, um andersherum die Frage zu klären: Warum sind die Listen bis heute vergessen, warum wird nicht daran gearbeitet? Ein ganzer Lehrstuhl beschäftigt sich mit der Aufarbeitung der Ausstellung "Entartete Kunst" die von den Nationalsozialisten 1937 organisiert wurde, obwohl es dazu nur einen kleinen Ausstellungskatalog gibt. Wir haben eine Liste mit fast 6000 Autoren, und wenn man berücksichtigt, dass bei vielen Autoren sämtliche Werke indiziert wurden, kommt man insgesamt auf einen Umfang von ungefähr 9000 Buchtiteln.

Wie geht es mit Ihrem historischen Digitalisierungsprojekt weiter?

Als nächstes haben wir vor, eine englischsprachige Startseite einzurichten, sie wird im Herbst online gehen. Dann soll die Suchmaske technisch erweitert werden, so dass man auch für Fachleute eine gezieltere Suche ermöglichen kann. Es sollen so weitere Datenformate angeboten werden, die auch für Bibliothekare interessant sind. Darüber erhoffe ich mir ein bisschen mehr wissenschaftliche Forschung. Außerdem entsteht an der Hochschule Potsdam eine Masterarbeit, die sich mit den verbotenen Schriften aus einem einzelnen Verlag, dem Malik-Verlag, beschäftigt.

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