Montag bis Freitag 19.20 Uhr
Kalender
Dezember 2016
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
28
29
30
0102
03
04
0506070809
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
01
Mediathek
SENDUNG vom 05.12.2016
Sendung verpasst?

Navigationselement
Navigationselement
© AP
Es gibt tausende afrikanische Flüchtlinge, die gefoltert werden - für Lösegeld.
Folter-Hölle
Wie Beduinen afrikanische Flüchtlinge quälen
Es ist eine Geschichte von Entführung, Menschenhandel - und Folter. Der Journalist Michael Obert hat für das "Süddeutsche Zeitung Magazin" dokumentiert, wie Beduinen-Clans auf der Sinai-Halbinsel afrikanische Migranten quälen und Lösegeld erpressen.
Es ist eine Geschichte, für die das Schicksal von Selomon exemplarisch steht. "Selomon ist 28 Jahre alt", so Michael Obert, "Hoffnungsträger des afrikanischen Kontinents. Er hat Informatik studiert, spricht fließend Englisch, ist hochintelligent." Selomon muss aus Eritrea fliehen, weil er sich für die Meinungsfreiheit eingesetzt hat. Er wird von Menschenhändlern aus einem UN-Flüchtlingslager entführt - und an Beduinen-Clans auf dem Sinai verkauft. "Die Folterer haben ihn tagelang an Fleischerhaken aufgehängt", so Michael Obert. "Als sie ihn herunter geholt haben, hat er seine Hände nicht mehr gespürt. Das Gefühl ist nie mehr zurückgekommen."

40.000 Dollar für ein Menschenleben
Ein Jahr lang hat Obert diese Geschichte recherchiert. Es gibt tausende afrikanische Flüchtlinge, die gefoltert werden - für Lösegeld. 40.000 US-Dollar ist ein Menschenleben inzwischen wert. "Die Folterer sind auf den Menschenhandel spezialisierte Gruppen unter den Beduinen, die ihre Geiseln so lange schlagen und misshandeln, bis sie ihnen die Telefonnummern ihrer Angehörigen in Eritrea oder in der Exilgemeinschaft geben" erklärt Obert. "Sobald die Verbindung steht, beginnt die Folter." Und solange das Lösegeld nicht überwiesen wird, hören die Anrufe nicht auf - und auch die Folter nicht. Sieben, acht, neun Monate - viele überleben die Foltercamps nicht. 4000 Menschen sind bislang gestorben, heißt es. Ihre Körper verrotten in der Wüste.

Michael Obert gelingt es, mit einem der Folterer zu sprechen. "Er erzählt mit einer Selbstverständlichkeit - als ginge es um die Pfirsichernte - von grausamsten Misshandlungen", so seine erschütternde Erkenntnis. "Migranten, die nackt ausgezogen, eingerollt werden in Strohzäune, um sie anzuzünden, glühende Metallroste, die man über Kohlen im Sand legt, um Migranten daraufzuwerfen, kommentierte er mit einem Lächeln, nachdem er nochmal am Tee genippt hatte, mit den Worten: 'black meat' - 'schwarzes Fleisch'. Für mich war das auch sehr wichtig zu verstehen: Wie kommt man zu solchen brutalen Grausamkeiten? Und er sagte: 'Wir Beduinen sind jahrzehntelang unter Mubarak grundlos in die Folterkammern des Regimes gewandert. Wir sind selbst jahrelang gefoltert worden - was uns dort angetan wurde, tun wir heute den Afrikanern an.'"

Selbst Teil der Geschichte
Er wolle berührbar bleiben, sagt Obert. So lautet sein journalistisches Credo. Am Ende wird er selbst Teil seiner Geschichte, gerät mitten hinein in die Finsternis. "Als ich schon wieder aus dem Sinai draußen war, schon wieder in Kairo, klingelte das Telefon", erinnert er sich. "Da war eine Frau dran, eine Eritreerin, die einigermaßen Englisch sprach. Sie sagte ihren Namen und hat geweint und gesagt: 'Lösegeldbetrag 30.000, 40.000 Euro.' Und dann habe ich irgendwas im Hintergrund gehört, ein metallisches Geräusch und dann plötzlich fing sie an zu schreien: 'Mein Gott, hilf mir, sie schneiden mir die Finger ab. Ich blute, ich blute, sie schneiden mir die Finger ab.'" Er habe "echt schon viel erlebt in den letzten 20 Jahren, aber das ist so ein brutales Thema, das mich auch ein Stück weit überfordert hat", bekennt er. "Warum hat sie mich angerufen? Natürlich habe ich diese Nummer überall hinterlassen. Das heißt, vielleicht wussten die, das ist die Nummer von diesem westlichen Journalisten, und da setzen wir einen drauf."

Obert lässt sein ägyptisches Handy zurück. Jede Erreichbarkeit, sagt er, hätte für diese Frau Folter bedeutet. Jede Lösegeldzahlung hätte das Lösegeld anderer Entführungen in die Höhe getrieben. Mit den Schreien dieser Frau im Ohr muss er nun leben, mit ihrem Schicksal. Genauso wie mit dem Schicksal von Selomon, der die Folter überlebt hat: "Acht Monate sitzt er in dieser Hölle", so Obert. "Dann wird er von seiner Schwester frei gekauft, halb tot in die Wüste geworfen. Er schafft es nach Israel - und muss dort feststellen: Ich habe keine Hände mehr. Und deswegen ist er für mich das Sinnbild dafür, was tausenden Menschen dort passiert. Auch gerade, während wir hier miteinander reden." Bis heute hält Michael Obert den Kontakt zu Selomon. Er sammelt Geld und hofft mit ihm auf eine Handtransplantation. Dies ist keine Geschichte, die einer wie er aufschreibt - und wieder verlässt.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr