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© dpa Lupe
Wir werden wieder lernen müssen, auf einer ganzen Klaviatur verschiedenster Medien zu spielen, auch auf der guten alten Schreibmaschine, so Norbert Bolz.
Analog statt digital
Geheimdienste vertrauen der Schreibmaschine
In Zeiten von Edward Snowden und Totalüberwachung fühlt sich keiner mehr sicher. Der Feind ist überall. Um sich vor Spionage zu schützen, könnte eine altbewährte Technik helfen: Zurück zur Schreibmaschine. Das zumindest überlegt der NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestags.
"Es ist eigentlich nur logisch", sagt der Medienwissenschaftler Norbert Bolz, "denn Digitalisierung im digitalen Zeitalter heißt Zeitalter der Transparenz. Und niemand und keine Institution ist härter davon betroffen als der Geheimdienst. Das Geheime hat es schwer im Zeitalter der digitalen Transparenz und deshalb greift man auf alte Technologien zurück, 'Low-Tec' um die 'High-Tec'- Möglichkeiten einigermaßen in Grenzen zu halten. Es klingt paradox, aber nach einigem Nachdenken doch ganz konsequent."

Der "Triumph" der Marke Adler
Schon der russische Geheimdienst setzt auf klassische Spionagemethoden, ähnlich dem Motto der Mafia: Vertraue nicht den allerneuesten Medien. Deshalb nutzt man deutsche Schreibmaschinen. Besonders die Marke "Triumph-Adler" ist bei den Russen sehr beliebt und gilt als spionagesicher.

Es ist das Revival der kleinen, praktischen Schreibmaschine gegen die großen Geheimdienste der Welt. "Offensichtlich lassen sich Briefe und Gedrucktes im klassischen Sinn sehr viel besser schützen und abschirmen als Digitales", so Norbert Bolz. "Und das ist im Grunde auch die Geschichte der letzten Jahre und Jahrzehnte, große Diskussionen über Transparenz in der Öffentlichkeit, die Diskussion über die Gefährdung der Privatheit durch die digitalen Medien. Diese Diskussionen sind nicht aus der Luft gegriffen, sie haben einen technischen harten Kern und das ist die Digitalisierung selbst. Wer sich davor schützen will, braucht ältere Medien."

Schreiben, während die Gedanken fließen
Wir werden wieder lernen müssen, auf einer ganzen Klaviatur verschiedenster Medien zu spielen - auch auf der guten alten Schreibmaschine, sagt Norbert Bolz. Viele Schriftsteller sind von Anfang an bei der Schreibmaschine geblieben, haben sich nie der Technik des Computers ergeben. Warum machen sie das? Haben sie Angst vor der Technik? Es ist ein Ritual: das Einspannen des Papiers, der Blick auf das weiße Blatt, das Drücken der Tasten. Ein sinnlicher Prozess. Die Schreibmaschine inspiriert. Die Tasten klackern. Das Denken entwickelt seinen eigenen Rhythmus, die Gedanken fließen in die Tasten.

Ist das die Rückkehr der Langsamkeit? Unser Leben wird immer schneller, die Datenmassen immer mehr - aber technisch müssen wir vielleicht wieder einen Schritt zurückgehen. Wir wollen die Entschleunigung. "Es ist ein Dazulernen gefragt", sagt Bolz, "wir müssen begreifen, dass die naive Vorstellung eines Kannibalismus der Medien, an dessen Ende nur noch ein Medium übrig bleibt, nämlich der Computer, eine naive Vorstellung war. Wir haben verschiedene Sinne, wir haben verschiedene Medien, nichts spricht dagegen, sie alle gleichermaßen zu nutzen, je nach Situation zu sehen, wo die Stärken und die Schwächen eines Mediums sind." Wir müssen sie uns nur zunutze machen - digital und analog. Der russische Geheimdienst hat das schon begriffen.

Mediathek
© ZDFVideoInterview mit Norbert Bolz
geführt von Jutta Heeß
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