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© dpa Lupe
Hamed Abdel-Samad pendelt seit Jahren zwischen Ägypten und Deutschland und verkündet das Ende des Islam.
Todesdrohung
Fatwa gegen Publizisten Hamed Abdel-Samad
Durch den Anruf eines Freundes in seiner Kairoer Wohnung erfuhr der deutsch-ägyptische Publizist Hamed Abdel-Samad am 5. Juni 2013, dass im Internet Fotos kursieren, die zum Mord an ihm aufrufen. Als dieser Aufruf zwei Tage später im ägyptischen Fernsehen verbreitet wurde, war für Abdel-Samad klar, dass eine Fatwa gegen ihn verhängt worden war. Seitdem ist er untergetaucht.
Der 41-jährige Abdel-Samad ist deutscher Staatsbürger, seine Bücher sind sowohl auf Deutsch, als auch in arabischer Sprache erschienen. Regelmäßig tritt er als scharfer Kritiker des politischen Islam auf. Für den Publizisten ist klar, dass die Todesdrohung aus der unmittelbaren Umgebung des neuen ägyptischen Präsidenten Mursi kommt. Am 4. Juni 2013 war Hamed Abdel-Samad zu einem kleinen Vortrag vor Intellektuellen und Studenten nach Kairo zum Thema "Die Muslimbrüder" eingeladen worden. "Ich habe der Muslimbruderschaft islamischen Faschismus vorgeworfen", sagt er. "Und ich habe gesagt, dass dieser Faschismus in der Entstehungsgeschichte des Islams zu begründen ist."

Mordaufruf im Internet
Dem Islam vorzuwerfen, Faschismus bereits in dessen Wurzeln zu beinhalten, war Prophetenbeleidigung. Einen Tag später erhielt Abdel-Samad einen Anruf von einem Freund, der sagte, dass im Internet ein Mordaufruf kursiere. "Wanted Dead", steht in den veröffentlichten Fotos auf Abdel-Hamads Stirn. Daneben stehen Kairoer Adressen, an denen sich Abdel-Samad oft aufhält. "Zuerst habe ich die Sache nicht ernst genommen", sagt er ,"da es sich um Links und Bilder im Internet gehandelt hat. Als die Drohung aber von diesem Anführer der Gamaa Islamija kam, musste ich reagieren. Diese Leute gehen hin und töten Menschen, mit denen sie nicht einverstanden sind."

Zwei Tage später hielt der Anführer dieser Gruppierung, Scheich Assam Abdel-Maged, dann ein Fernsehgericht ab. Er war dem Fernsehsender Al-Hafez, der salafistische Reden verbreitet, per Telefon zugeschaltet und rief zum Mord an dem Publizisten auf. Über Hamed Abdel-Samad sagte er: "Er hat den Propheten beleidigt. Und wer den Propheten beleidigt, muss getötet werden, selbst wenn er bereut. Wir haben das Parlament gebeten, das Todesurteil an jedem zu vollstrecken, der den Propheten beleidigt." Nach dieser Sendung nahm Abdel-Samad die Fatwa ernst und tauchte unter.

Das Ende des Islam
Hamed Abdel-Samad ist ein Wanderer zwischen den Welten. In einem ägyptischen Dorf wurde er geboren und dort wuchs er auf, aber in München ist er zuhause. In seiner Heimat war er ein Moslem, aber in Deutschland fiel er vom Glauben ab. Seine arabische Familie liebt ihn, sein deutsches Publikum versteht ihn. Seit Jahren reist er zwischen Ägypten und Deutschland hin und her und verkündet das Ende des Islam. "Ich sage den Muslimen: Wacht auf, wir leben in anderen Zeiten", so Abdel-Samad. "Die Zeiten der Herrlichkeit des Islam sind vorbei, die Sprache der heutigen Zeit heißt Wissenschaft, heißt Kommunikation, heißt gegenseitiger Respekt."

Das hat ihm in Ägypten massive Ablehnung, aber auch einige Fürsprecher eingebracht. 2010 veröffentlichte Abdel-Samad seine These in Buchform. "Der Untergang der islamischen Welt" erschien auch in Ägypten. Allein der Titel ist eine Zumutung. Jetzt kam der Aufruf zum Mord, die Fatwa. Kommt diese aus dem Umfeld der ägyptischen Regierung? Wer aber ist der Mann hinter der Drohung? Wer ist Assam Abdel-Maged, der in aller Öffentlichkeit ein Todesurteil verhängen kann? "Er ist eigentlich einer der Topterroristen", sagt Abdel-Samad. "Er ist mitverantwortlich für die Ermordung des Präsidenten Sadat. Er ist mitverantwortlich für die Ermordung von 118 ägyptischen Polizisten, er ist mitverantwortlich für die Ermordung von vielen Touristen."

Das letzte Mittel
Heute gehört Abdel-Maged zur unmittelbaren Umgebung von Präsident Mursi. Er hat dessen Wahlkampf unterstützt und wurde dafür mit Gouverneurs-Posten belohnt. Mursi liefert sich derzeit eine harte Auseinandersetzung mit der Opposition. Auch sie ist gläubig und kämpft dennoch für ein demokratisches Ägypten. Mit ihr will sich der Präsident aber nicht politisch auseinandersetzen, erklärt Abdel-Samad: "Die Muslimbruderschaft versucht, das letzte Mittel in Einsatz zu bringen, nämlich die Aufteilung der Bevölkerung in Gläubige und Ungläubige."

In diese Auseinandersetzung ist Abdel-Samad mit seinem Vortrag geraten. Einer Fatwa kann man nicht durch Widerruf entgehen und sie gilt für immer. Abdel-Samad will Publizist bleiben - wie das gehen soll, wenn man zugleich im Versteck leben muss, ist nur eine der Fragen, auf die er jetzt eine Antwort finden muss. "Ich habe keine Angst", sagt er. "Ich kann es mir nicht leisten, Angst zuzulassen. Ich mache mir nur Sorgen um meine ägyptische Familie, die vielen Drohungen und Beschimpfungen ausgesetzt ist. Ein Schriftsteller kann nicht mit Angst leben und darf auch nicht mit Angst leben, sonst manipuliert er seine eigenen Gedanken."

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
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© reutersArabische Revolution
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