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© dpa Lupe
Für die Dresdner Sinfoniker gilt weiterhin: Nicht aufgeben! Sie wollen "Symphony For Palestine" als Nächstes im Iran aufführen.
Musik hinter Mauern
Dresdner Sinfoniker spielen für Palästina
Ein deutsches Orchester kommt mit einer Sinfonie für Palästina, komponiert von einem Iraner, ins Westjordanland und nach Ost-Jerusalem: Die Dresdner Sinfoniker haben ihre "Symphony For Palestine" präsentiert - ein Werk, das zwei getöteten Bewohnern der Stadt Dschenin gewidmet ist.
"Man hatte eine Idee, vielleicht auch eine Meinung zu dem Konflikt, aber eigentlich hatten wir keine Ahnung", sagt Projektmanager Benjamin Deiß. "Den Musikern die Möglichkeit zu geben, es mit eigenen Augen zu sehen, das ist für mich eine ganz wichtige Sache gewesen." Die Dresdner Sinfoniker sind derweil wieder zurück in Deutschland, auch Markus Rindt und Benjamin Deiß, die beiden Initiatoren des Projekts. Eine Woche lang waren sie auf Konzerttournee. Ein eigenes Filmteam hat sie begleitet.

Gegen große Widerstände
Sie mussten hin und her zwischen israelischen und palästinensischen Gebieten, immer wieder durch Sicherheitszonen und Grenzkontrollen. "Israel ist ein Land der Zäune, alles ist eingemauert, ein Land der Grenzen", sagt Markus Rindt, der auch Intendant der Dresdner Sinfoniker ist. "Ständig trifft man auf Behinderungen." Die Mauerschluchten seien bedrückend. "Assoziationen zur deutsch-deutschen Grenze sind da." Hinter die Mauern Musik zu bringen, war ihr Anliegen. Die "Symphony For Palestine" hat Kayhan Kalhor komponiert, ausgerechnet ein Iraner. Die Dresdner Sinfoniker spielten zusammen mit palästinensischen und aserbaidschanischen Musikern, in Ramallah, Dschenin und Ost-Jerusalem.

Die Anspannung war groß, was Israel zur "Symphony For Palestine" sagen würde. Doch "das Problem entstand vielmehr durch das Misstrauen vieler palästinensischer Menschen", sagt Markus Rindt. "Wir hatten ständig damit zu kämpfen, dass man uns gesagt hat: 'Wir haben gehört, es gibt Gerüchte. Das ist nicht so astrein, euer Projekt. Ihr arbeitet mit Israel zusammen. Das ist Normalization.' Normalization ist ein Schimpfwort. Normalization heißt, dass man gegen die Politik der Palästinenser, mit Boykott und Sanktionen gegen Israel, verstößt. Nach dem Ende der Intifada ist es jetzt der Kampf mit friedlichen Mitteln. Alles wird boykottiert, das mit Israel zu tun hat. Eben auch die kulturelle Zusammenarbeit."

Keine Zusammenarbeit mit Israelis
Die erste Idee für das Projekt war, Konzerte in Palästina und Israel zu geben und mit Musikern aus beiden Ländern zu spielen. Doch sie stellten fest: Der Gedanke war naiv. Eine Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg ist momentan undenkbar. "Wenn man eine Agentur kontaktierte oder jemanden, der uns dabei helfen konnte, Musiker zu finden, haben die gesagt: 'Also wenn ihr hier irgendwelche Musiker ansprecht und mit Israelis zusammenarbeitet, dann werden wir alle informieren, dass alle davon wissen, dass keiner da mitspielen darf" erinnert sich Markus Rindt. "Und jemand, der dort mitspielt von den palästinensischen Musikern, wird nie wieder irgendein Konzert kriegen. Dafür werden wir sorgen.' Das war richtig strikt."

Also nur Palästina - und kein Frieden im Titel der "Symphony". Ursprünglich sollte sie "Symphony For Peace" heißen. "'Symphony For Peace' durfte es aus palästinensischer Sicht nicht heißen, weil das Wort 'peace' - 'Frieden' - für die Palästinenser einfach abgegriffen ist. Die hören das seit 20 Jahren fortwährend. Es geht um Friedensprozesse, die nicht in Gang kommen. Sie sind immer noch unter Besatzung. Das ist für die eine leere Worthülse. Die Palästinenser sagen dann: 'Na klar, können wir zusammen Geige spielen oder zusammen Sport machen. Aber das Problem ist hier vor unserer Haustür. Wir haben keine Arbeit, wir haben kaum Wasser, wir haben keinen eigenen Staat, wir haben keinerlei Selbstverwaltung, Stück für Stück wird uns unser Land abgenommen.'"

Gedenken an zwei getötete Bewohner Dschenins
Gewidmet ist die "Symphony" zwei getöteten Bewohnern von Dschenin: dem 2005 von einem israelischen Soldaten erschossenen zwölfjährigen Ahmed Khatib, dessen Organe israelischen Kindern gespendet wurden, und dem 2011 ermordeten Leiter des "Freedom Theater", Juliano Mer-Khamis. Bereits 2011 sollte die "Symphony" im Cinema Jenin uraufgeführt werden. Doch da Juliano Mer-Khamis erschossen wurde, kam es nicht dazu. "Es wurde vom Auswärtigen Amt die Parole ausgegeben, dass wir besser alle abziehen sollen, nachdem plötzlich noch ein anderes Schreiben in Dschenin im Ort zirkulierte, wo alle Kulturorte generell an den Pranger gestellt wurden", sagt Benjamin Deiß. "Wo gesagt wurde: 'Was Juliano Mer-Khamis passiert ist, das hat schon seine Richtigkeit.' Allen anderen Westlichen, die hierher kommen, blüht das gleiche Schicksal. Warum haben wir nicht aufgegeben? Das entsprach auch ein bisschen der Art und Weise von Juliano, der sein ganzes Leben den Palästinensern und den Kindern im Flüchtlingslager gewidmet hat. Deswegen war es uns auch ein Anliegen, das Projekt ihm zu widmen."

Menschen aus allen Schichten saßen im Publikum und genossen die Musik. Konzerte sind für sie selten geworden. Für die Dresdner Sinfoniker gilt weiterhin: Nicht aufgeben. Sie wollen "Symphony For Palestine" im Iran aufführen. Dafür werden sie wohl wieder den Titel ändern.

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Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
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