Montag bis Freitag 19.20 Uhr
Kalender
November 2017
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
30
31
010203
04
05
0607080910
11
12
1314151617
18
19
2021222324
25
26
27
28
29
30
01
02
03
Moderation
SENDUNG
Themen am 17.11.2017Navigationselement
Navigationselement
© reuters Lupe
Protest gegen das Staudammprojekt: Die indigene Bevölkerung wird systematisch übergangen, ihr Lebensraum unwiderruflich zerstört.
Protest gegen Belo Monte
Der Dokumentarfilm "Count-Down am Xingu III"
Es ist ein Kampf David gegen Goliath: Brasiliens Urbevölkerung gegen das Mega-Staudammprojekt Belo Monte. Der Frankfurter Filmemacher Martin Keßler hat das Projekt begleitet und einen Dokumentarfilm gedreht: "Count-Down am Xingu III".
Januar 2013: Angehörige der indigenen Bevölkerung des Amazonas-Urwalds halten seit Wochen die Belo-Monte-Baustelle besetzt. Zwei Jahre zuvor haben die Bauarbeiten für den drittgrößten Staudamm der Welt am Fluss Xingu begonnen. Der Journalist Martin Keßler zeigt mit seinem beeindruckenden Dokumentarfilm, wie bei dem Bau die Ureinwohner systematisch übergangen und ihr Lebensraum unwiderruflich zerstört wird.

"Politik der vollendeten Tatsachen"
Der katholische Bischof Erwin Kräutler zählt zu den Unterstützern ihres Widerstands. "Die Staatanwaltschaft hat 50 Prozesse angestrengt, doch die liegen alle auf Eis", erklärt Kräutler. "Und hier wird einfach weitergebaut. Diese Arbeiten müssen gestoppt werden - zu Gunsten der Indigenen. Das ist doch absurd. Es nützt nichts, drei, vier Jahre auf eine Entscheidung des obersten Gerichtshofs zu warten. Bis dahin sind hier alle tot." Es sei "eine Politik der vollendeten Tatsachen", sagt auch Filmemacher Martin Keßler. "Man setzt sich über brasilianische Rechtsnormen hinweg. Der Punkt ist, dass laut brasilianischer Verfassung die Indigenen bei einem solchen Projekt gehört werden müssen. Das ist nicht erfolgt."

Martin Keßler ist seit 2008 Jahren mit der Kamera vor Ort, hat beobachtet, wie der Protest gewachsen ist. Obwohl die gestellten Bauauflagen nicht erfüllt wurden, ist der Belo Monte zu einem Drittel fertig. 600 Quadratkilometer Urwald wurden gerodet, mit verheerenden Konsequenzen für das weltweite Ökosystem. 40.000 Menschen wurden zwangsumgesiedelt. Entschieden wird über die Köpfe der Indigenen hinweg - so auch Im Goldgräber-Dorf Resaca am Xingu. Hier will der kanadische Minenkonzern Belo Sun noch 2013 die wohl größte Goldmine Brasiliens errichten. Drei Dörfer sollen dafür weichen. Die angekündigten Bemühungen des Konzerns hält Antonia Melo vom Protestbündnis Xingu Vivo für Heuchelei. "Diese Firmen sind eng mit staatlichen Organen verbunden", beklagt Antônia Melo vom Protestbündnis Xingu Vivo. "Denn aus den Gewinnen dieser Firmen werden die Kampagnen der Politiker finanziert. Die halten sich dadurch an der Macht und verscherbeln unsere Naturreichtürmer an diese Firmen. Für das Volk bleiben Armut und Zerstörung."

Protestler stehen unter Beoabachtung
Der staatseigene Energiekonzern Norte Energia ist mit dem Bau von Belo Monte beauftragt. Martin Keßler hat die Verflechtung von Politik und Profit von Anfang an begleitet - und sich damit auch selbst in Gefahr begeben. Keßler erhält ein Video eines Mannes, der auch ihn bei seinen Dreharbeiten begleitet hat. Der Mann gesteht, vom Baukonsortium als Spitzel für die Protestbewegung eingeschleust worden zu sein. Seine Berichte gehen auch an den brasilianischen Geheimdienst. Vor allem Antonia Melo steht unter ständiger Beobachtung. Ohne sie, davon ist das Baukonsortium überzeugt, würde es den Protest nicht geben.

Lupe
Der katholische Bischof Erwin Kräutler hat Polizeischutz.
Aufklärung ist gefährlich. Bei einem Mordanschlag 1987 wurde der katholische Bischof Erwin Kräutler schwer verletzt. Seitdem steht er unter Polizeischutz. "Die Gefahr, in der die Leute, die gegen Belo Monte kämpfen, schweben, ist sehr groß", sagt Martin Keßler. "Erwin Kräutler hat noch das Glück, dass er in seiner Position als katholischer Bischof entsprechend geschützt wird, dass er ständig Polizeischutz hat. Bei Antonia Melo, die die Widerstandsbewegung anführt, ist das nicht so. Deshalb ist Öffentlichkeit hier in Europa auch so wichtig für diese Menschen: damit sie nicht isoliert sind. Die sind die vorgeschobenen Beobachter der Weltöffentlichkeit."

Wie demokratisch ist Brasilien?
Als aufstrebendes Schwellenland setzt Brasilien alles auf Wachstum. Dafür braucht das Land Strom. Bis 2022 Jahren sollen 19 weitere Wasserwerke gebaut werden. Die staatliche brasilianische Entwicklungsbank sowie die großen nationalen Baukonzerne sind bei dieser "wirtschaftlichen Erschließung" des Amazonas auch beteiligt. Der Aufschwung wird von der Präsidentin Dilma Rousseff angeschoben. Und so werden verhängte Baustopps für Belo Monte immer wieder auf höherer Instanz aufgehoben. Wie demokratisch ist Brasilien? 2011 drängt die Präsidentin den Chef der Umweltbehörde zum Rücktritt. Er wollte Belo Monte keine Lizenz erteilen. Sein Nachfolger unterschreibt sofort.

© dpa Lupe
Wollen wir die weitere wirtschaftliche Ausbeutung des Amazonasgebietes?
Nicht nur die Baubranche Brasiliens profitiert von dem gigantischen Bauvorhaben. Die österreichische Firma Andritz liefert Ausrüstung für Belo Monte. Die deutschen Firmen Voith und Siemens liefern die Turbinen. Sie berufen sich auf die Rechtsstaatlichkeit Brasiliens. Doch reicht das aus? Keßlers Film wirft unbequeme Fragen auf. "Belo Monte", so sagt er, "ist ein exemplarischer Fall. Daran kann man thematisieren: Wollen wir wirklich weitere hundert Talsperren? Wollen wir die weitere massive wirtschaftliche Ausbeutung des Amazonasgebietes? Oder wollen wir diesen Urwald erhalten, den Lebensraum der Indigenen erhalten und wollen wir nach Alternativen schauen? Nach Solarenergie, Windenergie?" Es sind diese kompromisslosen Fragen, die nach eindeutigen Antworten suchen. Martin Keßler fordert mit seinem Film die Verantwortlichen auf umzudenken - und will auch in Deutschland eine Diskussion anregen.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Film
Count-Down am Xingu III
(Dokumentarfilm)
DE 2013
Regie: Martin Keßler
Kulturzeit-Gespräch ...
Video... mit Martin Keßler, Filmemacher
(08.05.2014)