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© colourbox Lupe
Geschäftsideen haben oft ein Problem: die Finanzierung. Die Lösung: Crowdfunding
Alle für einen
Das Phänomen Crowdfunding
Keine Krise, aus der nichts Neues entsteht: Im Februar 2013 startete die erste deutsche Crowdfunding-Plattform für journalistische Ideen. Auf "Krautreporter.de" können Journalisten ihre geplanten Themen vorstellen und für finanzielle Unterstützung werben.
Mittlerweile wurden die einzelnen Projekte mit 43.000 Euro unterstützt. Realisiert werden unter anderem ein Dokumentarfilm, eine Online-Plattform, die Lobbyeingaben in EU-Gesetzestexten aufdecken will, diverse Print-Projekte und die Videoreihe "Jung und Naiv" von Tilo Jung, der entwaffnende Politiker-Interviews führt. Gespielt ahnungslos, aber neugierig und unvoreingenommen befragt er Politiker und stellt die unaufwändig produzierten Gespräche bei Youtube ein.

Erfolgsstory Tilo Jung
In Zukunft kann Tilo klotzen: Ihm stehen plötzlich dank "Krautreporter.de" mehr als 5000 Euro zur Verfügung, die er in seine technische Ausrüstung stecken will. "Ich war gespannt, was das für Leute sind, und wie viel da am Ende zusammen kommt, sehr viele kleine Beiträge von fünf bis zehn über 20 Euro", sagt er. "Ein paar haben 100, 200, 250 Euro gespendet, wo ich mir gedacht habe: Ich kenne die Menschen nicht, woher kommt das Geld und warum finden die das Projekt so gut?"

Autor und Publikum zusammenbringen, das war die Idee des Medien-Journalisten Sebastian Esser. Dank "Krautreporter.de" konnten seit Februar 2013 12 journalistische Projekte ermöglicht werden, mehr als 56.000 Euro wurden eingespielt. Vom Dokumentarfilm bis zum aufwändig recherchierten Text - eines haben alle Projekte gemeinsam: Die Aussichten, bei traditionellen Medien zu landen, sind gering. Zu langwierig, zu teuer, zu speziell. Crowdfunding als Chance für Autoren - aber zugleich ein Indiz, dass kostspielige Recherchen oft gestrichen werden. "Es wird immer klarer, dass die großen Medienunternehmen, die Zeitung und TV machen, auf traditionelle Weise als Massenmedien kein Geschäftsmodell mehr haben", so Esser. "Die alte Gleichung, dass Umsätze und Werbeeinnahmen guten Journalismus finanziert haben, gilt so nicht mehr. Und jetzt sind alle in einem großen Experiment begriffen, wie Journalismus zu finanzieren ist. Und wir denken, dass Crowdfunding eine Form sein kann, wie Journalismus in Zukunft finanziert wird."

Weitere Crowdfunding-Projekte
The Dresden Dolls-Sängerin Amanda Palmer musste für ihr neues Projekt Fans um finanzielle Hilfe bitten. Die Band hatte keine Lust, sich von einem Major-Label abhängig zu machen und wollten die Promotion für ihr Album selbst übernehmen. Auf "kickstarter.com" erklärte Palmer ihr Anliegen. Sie wünschte sich knapp 100.000 US-Dollar, ihre Fans überhäuften die Gruppe innerhalb eines Monates mit 1.192.793 US-Dollar. © pa dpa-bildfunkLupeAmanda Palmer
Wie viel kostet Erotik? Im Falle des Kurzfilms "Hotel Desire" 170.000 Euro. Die Produktionsfirma nahm sich 80 Tage Zeit, um Kinoliebhaber für ihr Projekt zu begeistern. Mit rund 500.000 Klicks und tausenden Unterstützern konnte der 45 Minuten lange Film von Sergej Moya 2011 schließlich finanziert werden. © dpaLupeHotel Desire
"Netzpolitik.org" hat sich bewusst gegen die Finanzierung über Werbung entschieden. Via Crowdfunding  baten die Betreiber des Blogs ihre Leser um Geld. "Wir brauchen nur 1000 Leute, die zehn Euro im Monat zahlen", so Netzpolitik-Blogger Markus Beckedahl. Der Wunsch ging in Erfüllung. Die Seite wird überwiegend von ihren Lesern finanziert.LupeNetzpolitik

Der Journalist Chris Amico und seine Frau Laura aus Washington D.C. haben eine Plattform gegründet, um Kriminalfälle öffentlich zu machen. 2012 beschrieben sie bei "kickstarter.com" ihr Vorhaben und rechneten aus, dass sie für die Realisierung ihres Blogs "Homicidewatch.org" rund 40.000 US-Dollar benötigen würden. Vom 14. August 2012 bis zum 13. September 2012 kamen insgesamt 47.450 US-Dollar zusammen. Die Seite "homicidewatch.org" ist bereits online. © APLupehomicidewatch.org
Als das US-Blatt "Good Magazine" Arbeitsplätze abbauen musste, stampften einige der Redakteure eine neue Zeitschrift aus dem Boden. Ihre Idee von einem Magazin für Menschen, "die daran arbeiten, was als nächstes kommt", begeisterte so sehr, dass statt der angesetzten 15.000 US-Dollar knapp 45.542 US-Dollar zusammenkamen.  © dpaLupe"Tomorrow"-Magazin
Der Fotograf Jan Schenk war nach dem Lesen eines Buches über die Nazi-Bücherverbrennungen so ergriffen, dass er sich dem Thema beruflich widmen wollte. Seine Idee: ein interaktiver Onlineatlas der Bücherverbrennungen. Auf "krautreporter.de" stellte Schenk seine Idee vor. Innerhalb eines Monats spendeten ihm 84 User 3585 Euro für seine Seite "verbrannte-orte.de". © APLupeVerbrannte Orte.de

Leser finanzieren Schreiber: klingt toll, darf aber nicht dazu führen, dass sich die klassischen Medien gänzlich aus aufwändigen Recherche-Projekten zurückziehen. Die Verlockung dürfte groß sein, denn vor allem der Print-Journalismus in Deutschland hat ein Finanzierungsproblem. Das zeigen die Insolvenzen und Streichungen der letzten Wochen. Vor allem für die vielen freien Journalisten bietet Crowdfunding neue Chancen, aber ebenso für die Unterstützer: In Tilo Jungs Format etwa dürfen Förderer ab einer gewissen Summe eine Frage an die Politiker stellen oder Tilo zum Interview begleiten.

Dialog zwischen Leser, Zuschauer und Reporter
"Es entsteht eine neue Beziehung zwischen Leser, Zuschauer und Reporter oder Journalist", sagt Sebastian Esser. "Das ist ein emotionales, persönliches Verhältnis, die Leute haben das Gefühl, in einen Dialog zu treten, mitzuhelfen, dass da etwas entsteht. Und wie wir es gewohnt sind, ist es eine Klassenlehrersituation: Da steht einer und erzählt irgend etwas und dann hören alle zu, aber es findet kein Dialog statt. Ich glaube, inzwischen haben alle verstanden, so funktioniert Internet nicht und so funktioniert Journalismus inzwischen auch nicht mehr."

Die Leute wollen nicht mehr nur mit Inhalten gefüttert werden, glaubt Esser, sie wollen mitbestimmen, was sie lesen, hören und sehen - auch in anderen kreativen Bereichen wie Film, Kunst und Musik. Crowdfunding ermöglicht ein Dabeisein, es ist nicht bloß ein Finanzierungsmodell, sondern der erste Schritt hin zu einer Beteiligungskultur. Es muss sich aber noch zeigen, wie unabhängig Journalismus tatsächlich bleiben kann, wenn Autoren von ihren Unterstützern gekauft werden.

Der Journalist Dirk von Gehlen hat gerade ein Buch über Schreiben als kollektives Abenteuer geschrieben - finanziert natürlich über Crowdfunding. Seine Autorenhoheit sieht er trotzdem unangetastet: "Ich vergleiche das in meinem Buch mit Fußball. Ein Fußballspiel ohne Fans ist natürlich auch ein Fußballspiel, entscheidet auch über Aufstieg und Abstieg und Meisterschaft, macht nur halb so viel Spaß. Wir sind in unserer Kulturproduktion gerade dabei, nur Geisterspiele zu erleben, ohne Publikum. Das Publikum findet nicht statt, es spielt keine Rolle, über dem Publikum wird der Inhalt abgeworfen, aber dass das Publikum in Interaktion mit dem Künstler tritt, passiert nur bei Live-Events. Und diese Idee, Live-Events in den Journalismus zu holen, in die Kulturproduktion zu holen, das ist eine große Chance und da steckt dann auch eine Möglichkeit der Finanzierung drin."

Was kann übermorgen funktionieren?
Über Finanzierungsmodelle im Journalismus wird viel gesprochen. Print- und Online-Interessen scheinen selbst innerhalb eines Verlagshauses schwer vereinbar zu sein. Das zeigen nicht zuletzt die Querelen im Hause "Spiegel". "Der größte Mangel an dem digitalen Graben, den wir gerade sehen, den sich auftuenden Missverständnissen zwischen den digital Sozialisierten und den analog Sozialisierten, der größte Mangel an dem Graben ist, dass es wenig Verständnis für die beiden Seiten gibt", sagt Dirk von Gehlen, der die Abteilung "Social Media/Innovation" bei der "Süddeutschen Zeitung" leitet. "Meiner Einschätzung nach ist die Haltung immer noch zu sehr nach hinten zu schauen und zu überlegen, was gestern funktioniert hat und viel zu wenig die Haltung nach vorne zu schauen und zu überlegen, was kann denn übermorgen funktionieren?" Crowdfunding-Journalismus kann als kluge Ergänzung zu den Massenmedien funktionieren. Der alleinige Weg aus der Medienkrise ist er sicher nicht. Womöglich ist es aber nur noch eine Frage der Zeit, bis der erste Crowdfunding-Artikel im gedruckten "Spiegel" landet.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Info
Crowdfunding
Personen mit guten Geschäftsideen haben oft ein Problem: die Finanzierung ihrer Projekte. Seit ein paar Jahren kursiert im Internet das Phänomen "Crowdfunding". Auf speziellen Homepages können sich Journalisten, Filmemacher oder andere Personen mit guten Ideen anmelden und für ihr Vorhaben werben. Dabei bitten sie die User der Homepages um finanzielle Unterstützung. Die Besucher dieser Seiten können die Projekte mit Geldspenden meist ab fünf Euro oder US-Dollar aufwärts unterstützen und erhalten kleine Gegenleistungen, wie etwa eine namentliche Erwähnung als Unterstützer. Tun sich genügend Leute innerhalb eines festgesetzten Zeitraumes zusammen, stehen die Chancen gut, dass die verschiedenen Ideen über dieses "Crowdfunding" umgesetzt werden können. Läuft die Frist ohne genügend Spenden ab, erhalten alle ihr Geld zurück.
Mediathek
© Daniel HoferVideoInterview mit Dirk von Gehlen
geführt von Jutta Heeß