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Themen am 17.11.2017Navigationselement
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© reuters Lupe
Laut Polizei-Statistik starben in Brandenburg seit der Wende neun Menschen durch rechtsextreme Gewalt. Opferverbände gehen von mehr als 30 aus.
Ungeklärte Morde
Brandenburg untersucht Fälle aus den 1990ern
Kurz vor Beginn des NSU-Prozesses werden in Brandenburg seit 1990 begangene Mordfälle neu aufgerollt, bei denen ein rechtsextremistischer Hintergrund vermutet wird, die aber nicht als rechtsextreme Gewalttaten registriert sind.
Das Land finanziert ein Forschungsprojekt, das bisher einmalig in Deutschland ist und das Klarheit bringen soll. Im Potsdamer Moses-Mendelsohn-Zentrum werden nun rechtsradikal motivierte Morde untersucht. Laut offizieller Polizei-Statistik starben seit der Wende neun Menschen durch rechtsextreme Gewalt. Opferverbände und Initiativen gehen aber von mehr als 30 Todesopfern aus.

Drei Fälle, drei Opfer
Im brandenburgischen Eberswalde befindet sich einer der Tatorte. "Falko Lüdtke ist von einem Nazi umgebracht worden", sagt der Sozialarbeiter Kai Jahns. "Der Täter hat sich klar als Nazi gekennzeichnet, indem er sich ein großes Hakenkreuz hat tätowieren lassen." In Alt-Dabern bei Wittstock fielen 2002 neben einer Landstraße fünf Männer über den Spätaussiedler Kajrat Batesov her. Wenn jemand "[...] wuchtig gegen den Kopf auf einen am Boden liegenden Bewusstlosen tritt und dabei sagt: 'Bleib endlich liegen, Scheißrusse', dann kann das nur rassistisch motiviert sein", sagt die Opferanwältin Undine Weyers.

In einem kleinen Park in Neuruppin, dem sogenannten Rosengarten, fallen 1992 Skinheads über einen Obdachlosen her. "Sie haben ihn erst zusammengeschlagen, unglaublich gequält und dann liegengelassen", sagt Judith Porath vom Verein Opferperspektive. "Einer der Täter ist zurückgekommen und hat dann wohl mit einem 18 Zentimeter langen Jagdmesser immer wieder zugestochen und ihn erstochen."

Statistik erfasste Gewalttaten nicht
Trotz eindeutiger Motive tauchen die drei Fälle in keiner offiziellen Statistik zu rechter Gewalt auf - auch nicht Falko Lüdtke. "Er war ein total netter Typ und ein Frauenschwarm", so Sozialarbeiter Kai Jahns. "Jemand, der es bei den Frauen leicht hatte, und ein beliebter Mensch." Eberswalde in Brandenburg ist nur ein Tatort von vielen. Kai Jahns zeigt uns, wo wahrscheinlich die Diskussion zwischen dem Täter Maik B. und Falko Lüdtke stattgefunden hat. "Dann kam ein Taxi und der Taxifahrer sagt aus, dass plötzlich - für ihn unerwartet - Falko auf die Straße kam. Dann ist Falko von dem Taxi erfasst worden und 28 Meter weit geflogen. Dabei hat er diese schweren Verletzungen erlitten."

Zur Gerichtsverhandlung verdecken erstmals Haare das Hakenkreuz-Tattoo von Täter Maik B.. Obwohl er als Rechter stadtbekannt ist, spricht die Polizei seinerzeit von einem "normalen" Streit. "Eine Zeit lang gab es auch in der Politik die Tendenz, zu verharmlosen", sagt Dietmar Widke, Innenminister von Brandenburg. "Es ging beim Bürgermeister los, aber endete auch teilweise bei Landesregierungen, die gesagt haben: 'Alles nicht so schlimm, das sind ein paar böse alte Männer aus dem Westen, die hier unsere Jugendlichen ein bisschen irre machen, aber sonst sind es ganz liebe Jungs'." Die Fehleinschätzung seiner Vorgänger will Dietmar Woidke nun wettmachen. Zwei Jahre lang finanziert sein Ministerium eine landesweite Untersuchung sämtlicher strittiger Todesfälle. "Ich denke, das ist wichtig", sagt er, "nicht nur, was die Bereinigung der Statistik betrifft, sondern um hier klar zu zeigen, was rechte Gewalt in Brandenburg, aber auch in Deutschland schon in den vergangenen 20 Jahren angerichtet hat und auch klar daraus die Konsequenzen zu ziehen."

Porath: Offizielle Zahlen stimmen nicht
Dass die offiziellen Zahlen nicht stimmen können, ist für Judith Porath keine Überraschung. Seit Jahren betreut sie Opfer rechter Gewalttaten und deren Angehörige. "Klar habe ich - und nicht nur bei Todesfällen - oft eine große Wut in mir und mitunter auch eine Hilflosigkeit. Die ist damit auch manchmal verbunden, dass man einen Toten auch nicht zurückholen kann", sagt sie. In Neuruppin sind 1992 Skinheads über den Obdachlosen Emil Wendland hergefallen. "Sie haben sich zum 'Pennerklatschen' verabredet und sind dann losgezogen und haben ganz gezielt jemanden gesucht, der sozial schwach ist", berichtet Porath. Im Rosengarten haben sie Wendland gefunden, "der diesem Vorurteil entsprach. Und sie haben ihn genau deswegen und nur deswegen getötet", so Porath.

Im Potsdamer Moses-Mendelsohn-Zentrum werden nun all die rechtsradikalen Morde untersucht. Neun Fälle zählen staatliche Stellen, 32 die Opferverbände. "Wir reden über Fälle, in denen Menschen von einer Gesinnung getrieben werden, dass sie davon ausgehen, dass dieser Mensch, der mir gegenüber steht, den ich geschlagen, getreten und geprügelt habe, sterben muss, sterben soll", sagt Gideon Botsch vom Moses-Mendelsohn-Zentrum. "Vor Gericht sagen sie dann: 'Das war doch nur ein Penner oder das war doch nur ein Neger'." Das Innenministerium finanziert zwei Wissenschaftler, die sich regelmäßig mit Kriminalisten, Vertretern von Opferverbänden und Initiativen zusammensetzen, alte Akten lesen, mit Zeugen und vielleicht gar Tätern sprechen werden. Das werde für die Öffentlichkeit der betroffenen Gemeinden heißen, dass sie sich noch einmal mit diesem Teil der Vergangenheit auseinander setzen müssten, sagt Botsch. Sie müssten auch überlegen, wie das in ihre Ortsgeschichte zu integrieren sei.

Die Zeugen schweigen
In Alt-Dabern bei Wittstock erinnert nichts an die brutale Tat, die 2002 in einer Mai-Nacht passierte. Spätaussiedler Kajrat Batesov besuchte die Dorfdisko. Als er nachhause wollte, wurde er zusammengeschlagen und schließlich ein 17 Kilogramm schwerer Stein auf ihn geworfen. "Kann sein, dass ungefähr 20 Leute zugeguckt haben, wie das passiert ist", sagt Opferanwältin Undine Weyers. "Zumindest hat das alles unter einer Laterne stattgefunden, man konnte eigentlich gut sehen. Eingegriffen hat niemand." Auch beim Prozess schweigen fast alle Zeugen. Seit den frühen 1990er Jahren vertritt Undine Weyers immer wieder Opfer von rassistischer Gewalt. Die neuerliche Untersuchung der Fälle hält sie für längst überfällig. "Wir müssen alle viel sensibler sein", sagt sie. "Wir müssen gucken, was da wirklich passiert, und wir müssen uns das bewusst machen. Wir müssen uns einfach damit beschäftigen, weil es einfacher ist, etwas abzuwehren. Man muss es einfach einmal an sich heran lassen, dann kann man vielleicht auch etwas verändern."

Wie konnten die Morde der Vergangenheit passieren? Was wurde aus denen, die zuschauten? Es wird nicht einfach werden. "Das interessiert die Leute überhaupt nicht", sagt Judith Porath. "Das ist gar nicht in ihrer Denkweise, dass es um einen politisch motivierten Mord geht. Sie wollen einfach nur ihre Ruhe haben, sie wollen damit nichts mehr zu tun haben. Sie wollen vergessen und sie wollen, dass ein Tuch darüber gelegt wird." Doch genau das wird nun nicht mehr ganz so leicht gelingen. Warum mussten 32 Menschen in Brandenburg sterben? Jetzt wird nach Antworten gesucht. Denn rechte Gewalt gibt es auch heute noch, Tag für Tag.

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Schwerpunkt
© dpaDer NSU-Prozess
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