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Innerhalb kürzester Zeit löst sich der Shitstorm oft vom eigentlichen Grund der Empörungswelle und wird agressiv, beleidigend und durch und durch persönlich.
Netz-Ka(c)kofonie
Das Phänomen Shitstorm
Der Shitstorm macht vor niemandem Halt, trifft Mächtige und Ohnmächtige - auf Facebook, Twitter oder via E-Mail. Wer einmal ins Visier des digitalen Mobs gerät, den trifft die Empörung meist mit voller Wucht.
"In dem Moment fühlt es sich an, als wäre man durch ein Loch im Bürgersteig mitten in die Hölle reingefallen", sagt Blogger Sascha Lobo. Er selbst wurde bereits mehrmals Zielscheibe von Empörungswellen im Internet. 2009 machte der Blogger für den Telekommunikationsriesen Vodafone Werbung - obwohl sich das Unternehmen zuvor für Netzsperren stark gemacht hatte. Lobo erhielt daraufhin rund 40.000 digitale Zuschriften. "Lobo, du Vodafone-Nutte", "hoffentlich hängen sie dich auf, du Verrecker". Schmähungen, Beleidigungen - Lobo reagierte, indem er für dieses Phänomen den Begriff Shitstorm erfand. Das bereut er heute.

"Der Begriff Shitstorm ist hochproblematisch", glaubt er, "weil er jede Kritik sofort als fäkalen Sturm darstellt, als sinnlose beleidigende Empörung. Das ist nicht nur für die Leute, die empört sind, schlecht, sondern über kurz oder lang auch für den Adressaten dieser Empörungswelle - denn, wann immer ich so tue, als sei Kritik nicht so substanziell, sondern beleidigend, nehme ich mir selbst die Chance daraus zu lernen."

Modewort, Anglizismus des Jahres 2011
Den Begriff Shitstorm gibt es in dieser Bedeutung nur im deutschen Sprachraum. Es ist ein Modewort, Anglizismus des Jahres 2011 in Deutschland, Wort des Jahres 2012 in der Schweiz. Auch im Duden hat der Shitstorm einen festen Platz bekommen: "Ein Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht", heißt es da. Doch der Shitstorm ist mehr als nur ein Internet-Phänomen. Hanne Detel, Medienwissenschaftlerin an der Universität Tübingen, glaubt eher, dass es "ein Mini-Skandal ist, weil er sehr flüchtig ist, sehr schnell entsteht, aber auch sehr schnell abflaut. Aber von den Merkmalen ist es eigentlich ähnlich wie ein Skandal auch. Es gibt immer einen Missstand, eine Normverletzung, einen Verstoß gegen die herrschende Werte, der öffentlich wird und dann zur Empörung führt."

Doch wie entwickeln sich Shitstorms - und wer steckt dahinter? Daniel Graf von der Züricher Werbeagentur "Feinheit" klärt auf: "Das eine sind die einfachen User, die einen Shitstorm erzeugen können. Das kann eine nicht-intendierte Handlung sein, in einem komplexen System, eben ein Schmetterlingseffekt. Der zweite wichtige Akteur sind professionelle Nichtregierungsorganisationen, die Kampagnen nach dem Billiard-Prinzip starten, mit einem viralen Video eine große Öffentlichkeitswirkung erreichen. Der dritte Effekt sind Medien, die auch einen Shitstorm auslösen können, weil einzig sie die Möglichkeit haben, ein Thema aus dem Social-Media-Umfeld auf eine höhere Flugbahn herauszukatapultieren, damit das wirklich eine Breitenwirkung entfacht."

Gezielt von Organisationen lanciert
Der frühere Pressesprecher von Amnesty International berät heute Menschenrechts- und Umweltorganisationen, zeigt ihnen, wie sie gezielt Shitstorms lancieren. "In der Regel", so Daniel Graf, "stecken hinter Shitstorms Akteure, die ein klares Ziel verfolgen, die Druck auf einen Konzern ausüben möchten und dafür die Mobilisierung der Leute brauchen. Deshalb sind die Shitstorms ein Billard-Effekt, die von professionellen Akteuren angestoßen werden und dann eine Öffentlichkeit bringen, die das Thema auf die Agenda setzt."

Greenpeace hat genau das bereits 2010 mit einer Kampagne gegen Kitkat vorgemacht. Der Vorwurf: Durch die Nutzung von Palmöl in den Nestlé-Schokoriegeln werde der Regenwald und damit der Lebensraum der Orang-Utans zerstört. Es gab wenig Belege, doch der Skandal war da. Das drastische Video von Greenpeace veranlasste tausende zu wütenden Einträgen auf der Kitkat-Seite bei Facebook. Die Empörungswelle überforderte den Konzern. "Dieser Skandal ist eigentlich erst außer Kontrolle geraten - und da kann man von einem Shitstorm sprechen - als Nestlé etwas unglückliches Skandalmanagement betrieben hat", erinnert sich Hanne Detel, Autorin von "Der entfesselte Skandal". "Sie haben versucht, das Video, das dort von Greenpeace online gestellt wurde, zu zensieren und das führte bei Internetnutzern zu einer extremen Entrüstung."

Geschäfte mit der Entrüstung
Mit den digitalen Möglichkeiten der Entrüstung lassen sich mittlerweile gute Geschäfte machen. Bei "www.change.org" können Bürger Online-Petitionen starten - egal, zu welchem Thema. Ein Beispiel: Vor wenigen Wochen startete dort der Protest gegen den Abriss des letzten Stücks der Berliner Mauer. Sogar David Hasselhoff kam daraufhin nach Berlin. Change.org hat 2012 weltweit 15 Millionen Dollar Umsatz gemacht. Das Unternehmen verkauft die Daten Empörungswilliger einfach weiter. "Bei uns sind 30 Millionen Menschen und jeden Monat werden hunderttausende mehr aktiv", sagt Paula Hannemann, Campaigns-Director Deutschland bei Change.org. "Auf der anderen Seite gibt es ganz viele zivilgesellschaftliche Organisationen, also die großen NGOs, den WWF, Amnesty international, Oxfam und wie sie alle heißen, und wir bringen diese beiden Gruppen zusammen."

Profit mit dem Protest, manipulative Shitstorms, Meinungsbildung per Reflex - sieht so die schöne, neue Welt der digitalen Demokratie aus? Was passiert, wenn Empörungswellen instrumentalisiert werden - und am Ende keiner mehr weiß, welchen Interessen er in die Hände spielt? Heute gibt es Versicherungen gegen Shitstorms und Social-Media-Wetterberichte, um deren Stärke im Internet zu messen. Doch diese Spielereien nehmen dem Einzelnen die eigene Verantwortung nicht ab. Der mündige Bürger ist gefragt. "Das heißt für mich", so Sascha Lobo, "einschätzen zu können, ob eine Empörungswelle ganz substanziell zur öffentlichen Diskussion gehört oder einfach wieder nur so ein Tsunami der substanzlosen Kritik geworden ist. Dieses Wissen braucht man als Bürger im 21. Jahrhundert, damit man sich politisch richtig beteiligen kann." Das Netz als Allheilmittel für die Demokratie ist längst entzaubert. Genau das offenbaren auch die unterschätzten Risiken und Nebenwirkungen von Shitstorms.

Sendedaten
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Bericht in Bildern
© reutersLupeShitstorm
Prominente Opfer
Kulturzeit-Gespräch mit ...
mit Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler