Montag bis Freitag 19.20 Uhr
Kalender
Oktober 2017
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
25
26
27
28
29
30
010203040506
07
08
091011121314
15
1617181920
21
22
2324252627
28
29
30
31
01
02
03
04
05
Moderation
CLIP
Nina Mavis BrunnerNavigationselement
Navigationselement
© Reuters Lupe
Bibelfilme schwanken zwischen oft zeischen Kommerz und Kitsch. Versuchen sie Ernsthaftigkeit, werden sie zum Skandal, wie Mel Gibsons "Passion Christi".
Leiden mit Christus
Gewalt in Bibelfilmen
Ostern steht vor der Tür und damit auch die Flut der klassischen und neueren Bibelfilme. Sie sind nicht nur kitschige Reminiszenzen an Klischees von Glaube und Christentum, auffällig ist auch die oft voyeuristisch ausgeschmückte Darstellung von Gewalt in diesen Filmen.
Wohl keine Geschichte wird häufiger erzählt als die vom Leiden Jesu. Das Kino macht sich ein Bild des Herrn. Mit dem Kino wurde die Bibelverfilmung erfunden. "Die Bibel ist von Anfang an der beliebteste Stoff der Kinogeschichte", sagt der Theologe Reinhold Zwick, "weil sie von vielen Menschen gekannt wird und sie sie gern illustriert sehen wollen. Die Bibel hat keine Bilder. Die Bilder im Kopf wollen Gegenstücke auf der Leinwand. Aber sie ist gleichzeitig natürlich einer der schwierigsten Stoffe für eine Verfilmung, denn die Geschichte ist bekannt, sie hat wenige Spannungsmomente, man weiß, wie sie ausgeht. Insofern war es immer wieder eine große Herausforderung, die bekannte Geschichte neu zu inszenieren."

Kennen Sie das Buch zum Film? John Huston spielt Noah und gibt sich als Stimme Gottes selbst die Regieanweisung. "Die Bibel" ist Vorlage für einen klatschbunten Bilderbogen voller Wundergeschichten im Stil mittelalterlicher Wandmalerei. Ob der Film ein Werk des Glaubens ist? Der Einsatz von Tieren und Sensationen deutet eher auf Befriedigung von Schaulust unter dem Deckmäntelchen religiöser Erbauung.

Diskussion mit Werten der Gegenwart
"Die Filme sind für ein ganz großes Publikum inszeniert, für ein Massenpublikum", so Zwick. "Sie trafen auch in den 1950er Jahren punktgenau den Publikumsgeschmack. Vor dem Fernsehzeitalter ging man regelmäßig ins Kino. Das war ein Hunger nach Bildern und auch nach einer Art moralischer-ethischer Neuorientierung. In den biblischen Filmen wird im Gewand des Historienfilms eigentlich eine Diskussion mit Werten der Gegenwart geführt."

In Cecil B. DeMilles Monumentalfilm "Die zehn Gebote" wird mit feurigem Bombast der Wille Gottes verkündet. Es ist der Inbegriff des Filmkitschs. Sehnsucht nach Größe mit billigen Mitteln: Moses agiert in einer Pappkulisse mit angeklebtem Bart. Nicht die biblische Botschaft steht im Mittelpunkt, sondern der Spezialeffekt, wie die Gesetzestafeln entstanden.

Bibelfilme pädagogisch umstritten
Münster in Westfalen ist seit mehr als 1000 Jahren Bischofssitz. An der Universität Münster lehrt Reinhold Zwick Theologie. Intensiv hat er sich mit der der Darstellung von Religion im Bibelfilm auseinandergesetzt. "Die Jesusfilme sind eigentlich bis heute religionsdidaktisch umstritten", sagt er, "weil man sagt: Jugendliche und Kinder, die einen Jesus-Film sehen, sind von den Filmen übergebührlich beeinflusst. Die Bilder setzen sich im Kopf fest und ein womöglich schlechter Jesus-Darsteller zieht dann die ganze Sache des Evangeliums mit nach unten."

In Oberammergau findet alle zehn Jahre ein monumentales Laienspiel mit Folgen statt. Seit fast 400 Jahren werden hier die letzten fünf Tage im Leben Jesu erzählt. Oberammergau setzte ästhetische Standards auch für den Film. Jesus ist dort ein Bild von einem Mann - und echt ist er natürlich nur mit Bart. Oberammergau und Bibelllustrationen wie die Gustave Dorés sind die klassischen Vorbilder fürs Kino. Die visuellen Standards sind gesetzt, und inzwischen kann man sie kaum mehr ändern.

Die Passion - eine unendliche Geschichte
Fast in jedem Film ist die Darstellung der Kreuzigung gleich. Die Kamera fängt ein monumentales Bild ein. Das Leiden am Kreuz überschattet die ganze Welt. Die Kameraperspektive will die Jesus-Perspektive nachvollziehen. Geht es um die Kreuzigung, ist es gleich, wann der Film gedreht wurde - durch die Jahrzehnte bleibt die Bildsprache unverändert. Und weil das Leiden immer lange währt, gibt es im Kino immer eine Pause. Die Passion ist eine unendliche Geschichte von unendlicher Komplexität. Als Mel Gibson sie 2004 verfilmte, hagelte es Proteste: War sein Film antisemitisch oder einfach nur sehr brutal? Die Geschichte Jesu als Blutrausch. Mel Gibsons Christusbild ist eines des fundamentalen Glaubens an das Leid.

"Mel Gibson meint, das noch mal zu steigern", so Reinhold Zwick, "zu verdoppeln, zu vervier-, verfünffachen. Was Jesus leidet, würde ein normaler Mensch nie und nimmer aushalten, weil er eben dieses quantifizierende Verständnis hat. Der Bibel kommt es nicht auf die Gewalt an, es wird in der Bibel keine Silbe über die Drastik dieser Todesstrafe verloren. Die wird einfach als Leerstelle behandelt oder die bringt man als Wissen mit. Aber das wird nicht ausgemalt, weil es darum nicht geht, sondern es geht darum, wer sich opfert. Nicht wie opfert er sich, leidet er mehr als die anderen, sondern dass es Gottes Sohn ist, der gekreuzigt wird." Es ist eine unendliche Geschichte. Im Kino sehen wir sie bestimmt bald wieder.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© SchürenLupeReinhold Zwick (Hrsg.)
"Religion und Gewalt im Bibelfilm"
Schüren 2012
ISBN-13: 978-3894727604
Mediathek
VideoInterview mit Reinhold Zwick
Theologe (geführt von Lotar Schüler)
mehr zum Thema