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Moderation
Ernst A. Grandits
Sein kulturelles Interesse ging immer schon weit über den Fernsehbereich hinaus: "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit - und beiden die Kulturzeit", sagt Ernst A. Grandits.
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2012 besetzten Aktivisten der "Génération Identitaire" eine Moschee.
Gegen Multi-Kulti
Die "Identitäre Bewegung"
Sie marschieren vor dem Brandenburger Tor mit gelb-schwarzen Fahnen auf, organisieren Techno-Tanz-Flashmobs und machen in Blogs und bei Facebook mobil: Die "Identitäre Bewegung" sieht sich als Speerspitze einer neuen Bewegung. Bei den "Identitären" präsentiert sich alter Islamhass im neuen Gewand. Was verbirgt sich hinter dieser neuen Jugendbewegung?
"Neu an dieser Bewegung ist ihre Form der Inszenierung", sagt der Rechtsextremismus-Experte Alexander Häusler. "Sie bedient sich sehr stark popkultureller Stilmittel, 'Agitprop'-Muster, wie wir sie langläufig eher bei alternativen oder linken Bewegungen kennen." Tanzen gegen Toleranz - seit einigen Monaten sorgt die "Identitäre Bewegung" mit Flashmobs im Internet für Aufsehen. "Multikulti wegbassen" - mit derartigen Slogans wollen sie provozieren. Bei der Eröffnung der "Interkulturellen Wochen" in Frankfurt am Main im Oktober 2012 hatten die "Identitären" ihren ersten öffentlichen Auftritt in Deutschland. Bis dahin hatte kaum einer etwas von der selbsternannten Jugendbewegung gehört.

Popkultur trifft auf Geschichtsinszenierung
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"Rassismus in moderner Verpackung", sagt Alexander Häusler.
"Letztendlich steckt dahinter, rassistische Vorstellungen gegen unsere Einwanderungsgesellschaft in einer modernen Verpackung aktionsorientiert unter die Leute zu bringen", so Häusler. "Sprich, gerade jüngere Leute dazu zu mobilisieren, sich gegen Zuwanderer und besonders gegen muslimische Zuwanderer zu Wehr zu setzen." Fremd im eigenen Land - mit dieser Angstkulisse macht die "Identitäre Bewegung" gegen Muslime in Europa mobil. Ein Film wird zur Metpaher ihres Selbstverständnisses: "300". Ein kleines Heer von Spartanern behauptet sich gegen eine Übermacht barbarischer Perser. Auch das Symbol der identitären Bewegung, das schwarz-gelbe Lambda, stammt aus "300". Popkultur trifft auf Geschichtsinszenierung: Mit ihrem Slogan "Reconquista" erinnern sie daran, wie Christen die Iberische Halbinsel von ihren arabischen Invasoren zurückeroberten.

"Diese Bewegung versucht sich mit ihren historischen Insignien zu bewaffnen, um ihrer rassistischen Ausrichtung eine kulturhistorische Note zu geben", so Rechtsextremismusexperte Alexander Häusler. "Sie sehen sich als die Verteidiger des freien Europas. So wollen sie sich selbst verstehen." Die Idee einer identitären Generation stammt aus Frankreich. Im Oktober 2012 besetzten Aktivisten der "Génération Identitaire" ein Moscheedach in Poitiers. Die Wahl des Ortes war kein Zufall: In Poitiers besiegte Karl Martell, der Heerführer der Franken, 732 das Heer muslimischer Eroberer.

"Kriegserklärung"
Vor der Besetzung hatte sich ein Manifest der Bewegung bei Youtube verbreitet. Da heißt es: "Wir sind die Generation der ethnischen Brüche, des totalen Versagens von Koexistenz und der erzwungenen Vermischung von Rassen. Wir sind die doppelt bestrafte Generation. Wir sind verdammt in ein Sozialsystem einzubezahlen, das so großzügig zu Fremden ist, dass es für die eigenen Leute nicht mehr reicht. Glaubt nicht, dass das hier nur ein simples Manifest ist. Es ist eine Kriegserklärung."

"Allen Augenscheins nach gibt es keine zentrale Steuerung für diese Bewegung", sagt Alexander Häusler. "Diese Bewegung ist eine Art rechte Graswurzel-Bewegung, die nach dem Prinzip des 'work in progress' funktioniert. Es werden bestimmte Leitideen wie dieses Manifest aus Frankreich mit eindeutig rassistischen Konnotierungen ins Netz gesetzt und es wird dazu aufgerufen, bestimmte Formen von Aktionen nachzumachen, zu wiederholen, die andere vorgemacht haben, sie abzufilmen, ins Netz zu setzen und damit diese Gedanken weiterzuverbreiten." In Deutschland verbreiten sich diese Gedanken bei Facebook weiter und das gefällt bereits mehr als 3000 Usern. Nach eigenen Angaben gibt es in Deutschland 35 lokale Gruppen und insgesamt mehr als 350 Aktivisten - Männer aus westdeutschen Großstädten, meist zwischen 18 und 25 Jahren.

Alte Inhalte mit neuem Label
Als Rassisten wollen sie nicht wahrgenommen werden. Vielmehr wollen sie ihre "ethnokulturelle Identität" erhalten. Ethnien sollten demnach in einem "Europa der Völker" voneinander getrennt werden. Sie sprechen vom "Überleben des Volkes", den NS-Begriff "Volkstod" vermeiden sie. Bereits in den 1970er Jahren prägte Alain de Benoist, Vordenker der Neuen Rechten, diese völkische Ideologie des sogenannten Ethnopluralismus. "In der Konsequenz ist diese Kampagne im Rekurrieren auf eine ethnokulturelle Identität ein Denken", so Häusler, "was demokratiefern und auch nicht mehr verfassungskonform ist, weil sie das Verständnis des Politischen und der Menschenrechte nicht mehr auf das Individuum beziehen, sondern nach einem ethnisch-kulturellen Abstammungsprinzip herleiten, und damit per se Menschen, die nicht nach ihrem Denken dazu passen, aussondern wollen."

In Österreich trägt dieses Denken erste Früchte. Asylsuchende hatten an der Votivkirche in Wien bis vor Kurzem mit einem Hungerstreik für mehr Rechte protestiert. Mitglieder der Identitären Bewegung Österreich starteten daraufhin eine "Gegenbesetzung" der Kirche. Nur ein paar Stunden dauerte der Spuk. Die Bewegung will raus aus dem Internet und ihren Kampf auf die Straße tragen. "Letztendlich wird dort so etwas wie der ethnokulturelle Bürgerkrieg gepredigt", sagt Alexander Häusler. "Und das wird auch noch mit einer Art ethno-kulturellen Selbsterhalt begründet. Diese Generation nennt sich selbst die letzte Gerneration, die noch in der Lage wäre, etwas zu tun. Da stellt sich natürlich die Frage, was die tun wollen und was dabei heraus kommt - und das hat durchaus auch eine gefährliche Note." Bei Flashmobs und auf Facebook trauen sie sich laut und bestimmt zu sein, doch den Mut, seine Maske für ein Interview mit Kulturzeit abzunehmen, hatte am Ende keiner.

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Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr