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Themen am 16.10.2017Navigationselement
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© dpa Lupe
Iris von Roten forderte schon vor 50 Jahren eine Mutterschaftsversicherung.
Ihrer Zeit voraus
Die feministische Streiterin Iris von Roten
Vor 55 Jahren erschien das Buch "Frauen im Laufgitter" von der Juristin Iris von Roten, eine 600 Seiten starke feministische Streitschrift, die die absolute Gleichstellung von Mann und Frau forderte. Es war ein Skandal. Iris von Roten sezierte schonungslos die Rolle der Frau in unsere Gesellschaft, forderte eine Mutterschaftsversicherung, Krippen und eine Verdienstausfall-Kompensation. Ihre Thesen kamen zu früh, die Gesellschaft war damals überfordert. Doch wie haben ihre Ideen die nachfolgenden Frauen-Generationen beeinflusst?
Wir schreiben das Jahr 2013. Alles läuft bestens für die Frau von heute. Wir sind emanzipiert. Einige von uns haben es sogar bis ganz nach oben geschafft. Ob Familie, Beruf, Selbstverwirklichung - wir sind gleichberechtigt. Oder etwa nicht? Wenn es nach Iris von Roten gegangen wäre, wären die Schweizer Frauen schon vor 50 Jahren so weit gewesen. Die Feministin veröffentlichte 1958 das Buch "Frauen im Laufgitter". Eine schonungslose Abrechnung mit derMännerherrschaft, ein Plädoyer für absolute Gleichberechtigung von einer Frau, die ihre Ideale auch im Alltag lebte, wie ihre Tochter bestätigt. "Meine Mutter hatte einen unglaublich scharfen Verstand und einen unbestechlichen Blick", sagt Hortensia von Roten. "Und das hat dazu geführt, dass sie den Mut zueinem eigenem Urteil hatte."

Eine unvorstellbare Provokation
Die Mutter und Juristin von Roten empörte sich über die Bürden der Mutterschaft und undankbare Hausarbeit. Sie forderte eine befreite weibliche Sexualität, verlangte das Frauenstimmrecht und sie attackierte das Ehejoch - eine unvorstellbare Provokation. Der Film "Verliebte Feinde" erzählt die Lebensgeschichte dieser streitbaren, intelligenten und kompromisslosen Frau, die ihrer Zeit weit voraus war. Ihre Selbstverwirklichung war ihr wichtiger als mütterliche Aufopferung. Zeitweise lebte ihre Tochter deshalb bei anderen Familien in der Ostschweiz.

"Das waren alles ausgewählte Familien mit Kindern in meinem Alter", so Hortensia von Roten heut. "Wenn ich dort war, war ich glücklich. Ich war traurig als meine Mutter wegging, aber sonst war ich dort immer glücklich. Und meine Mutter hat alle Orte sehr sorgfältig ausgesucht." Hortensia von Roten hat den freien, unabhängigen Geist und die Ideale ihre Mutter weitergelebt. Vieles war für die studierte Historikerin selbstverständlich. So gab sie ihre eigene Tochter in die Krippe, um auch als Mutter weiter arbeiten zu können. "Ich habe das verinnerlicht, das war meine Muttermilch", sagt sie. "Viele Sache, die anscheinend ein Problem sind, kann ich auch gar nicht nachvollziehen. Zum Beispiel den Spruch einer Freundin, die ganz ernsthaft behauptete, alle Kinder, die in die Krippe gehen, würden drogensüchtig. Das ist für mich eine Kuriosität."

Immer noch Forderungen offen
Eine der größten Leistungen von Iris von Roten war es, viel voraus zu denken, was in der Schweiz erst Jahrzehnte später verwirklicht wurde: Das Frauenstimmrecht wurde erst 1971 eingeführt, die Gleichstellung von Mann und Frau ist erst seit 1996 offiziell und die im Buch geforderte Mutterschaftsversicherung wurde erst 2005 realisiert. Sind damit alle Forderungen eingelöst? Nein, denn Familie und Beruf lassen sich immer noch nicht selbstverständlich vereinbaren. Frauen verdienen immer noch rund 20 Prozent weniger als Männer. Mann und Frau verfallen auch heute noch in alte Verhaltensmuster, die schon in "Frauen im Laufgitter" beschrieben sind. "Es gibt gewisse Gedanken in dem Buch, die noch heute gut sind", sagt Hortensia von Roten. "Es ist ein Buch für junge Leute. Weil junge Leute noch dieWeichen stellen können." Auf dem Weg hinaus aus dem Laufgitter, hin zu einem wirklich selbstbestimmten Lebensentwurf können wir uns immer noch an Iris von Roten orientieren.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© Efef VerlagLupeIris von Roten
"Frauen im Laufgitter"
Efef Verlag, 1996
ISBN-13: 978-3905561098