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Themen am 29.03.2017Navigationselement
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Erfolg im Netz dank Discountpreisen und Spannung
Literarische Ich-AG
Kulturvermarktung im Internet
Am Anfang war die Kunst. Dann kam das Internet - und mit einem Mal wurde alles anders. Seither kämpfen Filmemacher und Musiker für das Urheberrecht - und in der Buchbranche gilt das E-Book im besten Fall als notwendiges Übel. Andere aber sehen die neue, digitale Welt als Goldgrube.
Der Schriftsteller Jonas Winner aus Berlin veröffentlichte seinen ersten Roman noch bei einem traditionellen Verlag. Inzwischen publiziert er seine Bücher im Internet. "Im Prinzip war es so, dass ich bei dtv den ersten Thriller und ihnen einen zweiten verkauft hatte und plante, eine Trilogie zu schreiben", erklärt Winner. "Die wären 2013, 2014, 2015 erschienen. Darüber nachgedacht habe ich in 2011. Da erschien mir 2015 unendlich weit weg, und ich hatte keine Lust, vier Jahre lang zu warten." Stattdessen lädt er seine Thriller-Reihe "Berlin Gothic" auf die Seiten mehrerer E-Book-Shops. Von dort kann man sie gegen Geld herunterladen - als Datei natürlich. Papier kommt in diesem Konzept nicht mehr vor. Lektoren, Verleger oder Buchhändler auch nicht. Winner ist eine literarische Ich-AG.

Die Masse überzeugen
"Ungefähr 1200 Seiten hat mein 'Berlin Gothic'-Roman", so Winner. "Ich habe ihn in sieben Teile geteilt und jeden Teil verkaufe ich für 99 Cent. Das sind ungefähr 200 Seiten. Davon hab ich jetzt etwa 120.000 Stück verkauft. Das rechnet sich schon." Winner bekommt 35 bis 50 Prozent vom Preis und hat an die 40.000 Euro verdient - dank Discountpreisen und Spannung. Denn wer im Web erfolgreich sein will, muss die Masse überzeugen - keine Lektoren und Verleger. "Der wichtigste Faktor ist, dass man einen Text schreibt, der die Leute interessiert", erklärt der Autor. "Wenn jemand den Text herunterlädt und ihn liest und feststellt: 'Das war jetzt so mittelinteressant', wird es nicht funktionieren. Er muss begeistert sein."

Begeistert hat auch Daniel Lieskes Comic "Wormworld". Das Prinzip der unendlichen Leinwand, auf der seine Fantasy-Saga ohne Seitenunterbrechung voranschreitet, hätte außerhalb der digitalen Welt sowieso nicht funktioniert. "Das hat Aufsehen erregt", sagt der Comiczeichner selbst. "Und solche Faktoren, die Aufsehen erregen, helfen enorm dabei, dass die Leute sagen: 'Das find ich cool. Das erzähle ich jetzt meinem Kumpel.' Und das geht ja heute schnell. Da schreibt man einen Tweet, da schreibt man auf Facebook und schon wissen wieder zehn andere Leute, dass es das gibt, und gucken auf die Webseite."

Amanda Hocking: Erste E-Book-Millionärin der Welt
Lieske ist im Web zu Hause. Er zeichnet ausschließlich am Rechner und stellt sein Werk sogar kostenlos zur Verfügung. Geld macht er nur mit Spenden und dem Verkauf von Fanartikeln. Dank seiner mehr als anderthalb Millionen Fans verdient er dabei inzwischen so gut, dass er davon leben kann. Daniel Lieske und Jonas Winner gehören zu den Stars der deutschen Selbstverleger-Szene. Sie sind sozusagen das männliche Doppelpendant zu Amanda Hocking. Die US-Amerikanerin wurde mit ihren Vampir-Romanzen zur ersten E-Book-Millionärin der Welt - und katapultierte eine Szene, die bisher von den traditionellen Verlagen bloß belächelt wurde, mitten in die Gesellschaft. Seither reden viele von Amazon statt von Buchhandlung, Selbstvermarktung statt Verlag. Aber gehören die alten Vertriebswege wirklich bald der Vergangenheit an?

"Für einen Autor ist es wichtig", sagt Jonas Winner, "so viele Leser wie möglich zu erreichen. Wenn ich als Self -Publisher ein E-Book herausbringe, erreiche ich nur die, die einen Reader haben. Das sind in Deutschland, glaube ich, fünf oder sieben von hundert Leuten. 93 oder 95 von hundert Lesern erreiche ich überhaut nicht als Self-Publisher, weil sie keine E-Books lesen. Aber natürlich will ich sie auch erreichen." Verlage machten nach wie vor unglaublich nützliche Arbeit, ist Daniel Lieske überzeugt. "Wenn man wirklich ein Buch herausbringen will, sind Verlage einfach der Ort, wo die Leute sitzen, die wissen, wie man so etwas macht."

Facebook, Google, Youtube
Kein Wunder, dass Winners "Berlin Gothic"-Reihe nun auch bei einem Verlag erscheint. Daniel Lieskes "Wormworld"-Serie gibt es bereits in gedruckter Form - trotz des Erfolgs im Internet. Sein Verleger sieht die Euphorie rund um Web-Autoren und das freie Netz eher kritisch. "Natürlich finden einzelne Dinge ihren Weg durch das Internet", sagt Joachim Kaps. "Aber auf der anderen Seite gibt es eben auch Facebook und Google und Youtube, also sehr viel mächtigere Kommunikatoren als Verlage das jemals sein konnten, die die Ströme im Internet ganz massiv mit beeinflussen."

Aber nicht nur die großen Konzerne könnten die Selbstverleger im Netz in Bedrängnis bringen. Auch die vielgepriesene Freiheit erweist sich als manchmal als Bumerang, wie Jonas Winner berichtet: "Wenn ich mich selbst google, dann finde ich mich auf Tauschbörsen, wo man meine Bücher umsonst herunterladen kann. Das ist natürlich eine Schweinerei. Wenn der Trend in diese Richtung gehen würde, wäre es für mich als Autor ein Genickbruch." Frisst die Internet-Revolution also ihre literarischen Kinder? Die digitalen Dichter jedenfalls glauben an ihr Modell - ihm verdanken sie ja ihren Erfolg. Aber ganz verzichten wollen sie auf das traditionelle Buch dann doch nicht.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Schwerpunkt
Urheberrecht, Wikileaks, Internet
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