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© dpa Lupe
Wie kann man Jugendliche halbwegs sorgenfrei in die digitale Welt führen?
Digital ist besser
Aufzucht und Pflege der Generation Internet
Tanja und Johnny Haeusler schreiben in "Netzgemüse - Aufzucht und Pflege der Generation Internet", wie man Kinder und Jugendliche halbwegs sorgenfrei in die digitale Welt führen kann.
Computer im Kinderzimmer - in vielen Haushalten ist das die Normalität. Kinder und Jugendliche surfen im Netz, chatten in sozialen Netzwerken, spielen am Computer, laden Musik und Filme herunter. Eine Selbstverständlichkeit - zum Leidwesen mancher Eltern. Die Haeuslers haben keinen Ratgeber verfasst, sie verzichten auf Anweisungen für besorgte Eltern. Stattdessen schildern sie eigene Erfahrungen mit ihren Kindern, und entwickeln daraus ein Plädoyer für eine digitale Sorgepflicht.

Die positiven Seiten des Internet zeigen
"Das, was wir dieser jungen Generation so oft vorwerfen - dass sie nämlich die ganze Zeit vorm Rechner sitzt - währenddessen eignen sie sich ja auch Kompetenzen an", sagt Johnny Haeusler, Autor und Blogger von www.spreeblick.com. "Und das wird oft unter den Teppich gekehrt. Es werden immer nur die negativen Seiten beleuchtet. Die positiven aber, was es da zu entdecken und auch für das zukünftige Arbeitsleben zu lernen gibt, das lassen wir oft unter den Tisch fallen. Und das war der Grund, warum wir Netzgemüse geschrieben haben."

Nicht alle Eltern sehen die positiven Seiten. Verunsicherung ist weit verbreitet. Ballerspiele Pornos, illegale Downloads, Internetsucht - die Ängste der Eltern hat vor kurzem der Hirnforscher Manfred Spitzer bedient. In seinem Buch "Digitale Demenz" verteufelt er Computer und Internet. "Was immer behauptet wird, man müsste so früh wie möglich mit den Medien in Kontakt kommen, um mit ihnen so gut wie möglich umgehen zu lernen, das halte ich für falsch", sagt er. "Weil zu viel Medien in Kindheit und Jugend die Gehirnentwicklung beeinträchtigen können."

"Die Zukunft unserer Kinder wird mehr oder weniger im Internet stattfinden", ist im Gegensatz dazu Tanja Haeusler, Mitveranstalterin der re:publica überzeugt. "Je früher sie darauf vorbereitet sind, desto besser ist es. Ich glaube tatsächlich, dieses spielerische Lernen ist ganz wichtig, dass sie da früh einsteigen. Sie müssen deswegen aber nicht die ganze Zeit vor dem Monitor sitzen. Wir müssen uns ja nicht entscheiden, ob wir die eine oder die andere Welt wollen. So kommt es mir bei Herrn Spitzer vor: Als würde die virtuelle Welt die physische Welt ausschließen. Ich glaube, die beiden vertragen sich wunderbar miteinander und ich sehe da gar keine Probleme."

Internet-Seepferdchen als Vorbereitung
Spitzer kritisiert auch die Bildungspolitik und die Ausstattung von Schulen mit Laptops und Computern. Medienunterricht vergleicht er mit dem Ausschank von Bier an Kinder, Computer an Grundschulen mit dem Anfixen durch Heroindealer. An der Herman-Nohl-Grundschule in Berlin-Neukölln gibt es keine grünen Tafeln und keine Kreide mehr, sondern Whiteboards sowie 200 Computer für 400 Schüler. Die Lehrer wurden intensiv geschult, die Schüler machen einen Führerschein fürs Netz, das Internet-Seepferdchen. Die Schüler nutzen Internet und Computer nicht zum Konsum, sondern aktiv: Sie recherchieren, arbeiten mit Lernsoftware, gestalten die Schul-Homepage. Durch diese Medienkompetenzstrategie eröffnen sich vor allem für Kinder aus benachteiligten Familien neue Bildungs-Chancen - die Herman-Nohl-Schule liegt in einem sozialen Brennpunkt Berlins.

"Es gibt viele Kinder, die zuhause gar keinen Computer und kein Internet haben", sagt Ilona Bernsdorf, Direktorin der Herman-Nohl-Schule. "Nichtsdestotrotz bin ich aber der Ansicht, dass wir gerade für diese Kinder einfach ein Regulativ sind, sie mit neuen Medien in Kontakt zu bringen, damit sie fit werden. Denn ein Kind, das heutzutage in die Schule geht, wird mit Sicherheit im Laufe der Berufsvorbereitung, des Berufslebens, auch Kontakt mit den neuen Meiden haben, egal wie wir Erwachsenen das jetzt bewerten."

"Je mehr das in den gesamten Unterricht, in den gesamten Schulalltag einfließt", glaubt auch Johnny Haeusler, "desto mehr wird dem Rechner und dem Netz dieses Mysterium genommen, das es gibt - speziell, wenn Eltern das ablehnen. Umso kompetenter kann ich als Kind damit umgehen. Ich glaube, die Schule ist gefragt, sie kann aber nicht komplett die Medienerziehung übernehmen, sondern da müssen die Eltern mitarbeiten, und am Ende eigentlich die ganze Gesellschaft, die Leute, die das Netz bevölkern. Und wenn wir das alles zusammen machen und uns bewusst ist, dass das Internet nicht nur für Erwachsenen zugänglich ist, sondern auch für teilweise ganz junge Kinder, desto besser kann es dann auch funktionieren."

Die Antwort ist: das Internet
Ein Zurück in eine Welt vor Internet und Computer ist unmöglich. Das Netz ist für unsere Kinder ein Kulturgut, schreiben Tanja und Johnny Haeusler. Und je intensiver Erwachsene sich damit auseinandersetzen, desto besser können sie ihre Kinder fördern und schützen, ihren spielerischen Umgang mit den digitalen Medien bewahren. Die Antwort auf das Internet nämlich ist: das Internet.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© GoldmannLupeTanja und Johnny Haeusler
"Netzgemüse: Aufzucht und Pflege der Generation Internet"
Goldmann 2012
ISBN-13: 978-3442157433ISBN-13: 978-3442157433
Mediathek
Interview mit Tanja und Johnny Haeusler
(geführt von Jutta Heeß)