kulturzeit
Kalender
März 2019
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
25
26
27
28
01
02
03
0405060708
09
10
1112131415
16
17
1819202122
23
24
25
26
27
28
29
30
31
© ap Lupe
Fotos der Opfer des arabischen Frühlings in Tunesien als Collage
Gespaltenes Land
Tunesien zwei Jahre nach dem arabischen Frühling
Zwei Jahre nach dem Beginn der Revolution steht Tunesien am Scheideweg. Die Generalamnestie für politische Gefangene erlaubte den Islamisten, ihre Aktivitäten wiederaufzunehmen. Das alarmierende Ansteigen der Salafisten bedroht nun die Chancen, die durch die Revolution entstanden sind.
Am Stadtrand von Tunis versammeln sich die Mitglieder der radikal-islamistischen Partei Hizb Ettahrir. Die Konferenz beginnt mit einer Lesung aus dem Koran, danach werden politische Reden gehalten und diskutiert. Alle Generationen sind vertreten, selbst Kinder. Die Redner attackieren die Vorschläge zu einer neuen Verfassung. "Unsere Lösung kann nur der Islam sein", sagt Ridha Belhaj, Sprecher der Ettahrir-Partei. "Es gibt keine Alternative. Alle anderen Ideologien und Meinungen lehnen wir ab, das ist nur die Fortsetzung der Korruption. Gebt das nicht an Eure Kinder weiter."

Kritische Phase in der Geschichte
Fast 60 Jahre lang war Tunesien säkular und der Staat kontrollierte die Moscheen. Jetzt befindet sich das Land in einer sehr kritischen Phase seiner Geschichte: Das Erstarken der Salafisten zwingt alle Tunesier, sich zu organisieren und den säkularen Staat zu verteidigen. Der promovierte Verfassungsrechtler Jawher Ben Mbarek gründete die Organisation für Freiheitsrechte, "Doustourna" - "unsere Verfassung". Er sagt: "Die Salafisten glauben nicht an ein demokratisches Fairplay. Die größte Gefahr ist, wenn sie in die Politik gehen, weil sie es schaffen könnten, den Staat von innen zu zerstören."

Die tunesische Revolution, die am Beginn des arabischen Frühlings stand, die Jasmin-Revolution, produziert im Moment mehr Bärte als Jasminblüten. Viele der jungen bärtigen Männer haben sich bereits auf den Weg nach Syrien gemacht, um den Dschihad zu unterstützen. Bei ihren Zusammenkünften zeigen die Salafisten Propaganda-Videos, die andere ermutigen sollen, sich dem Weg nach Syrien anzuschließen.

Salafisten profitieren von nachrevolutionärer Lage
"Die wachsende salafistische Bewegung hat andere Vorstellungen von Leben und Glauben", erklärt Jawher Ben Mbarek. "Sie ist gegen nationale, tunesische Interessen. Für sie ist Tunesien nur Teil eines größeren politischen Projekts. Deshalb sind sie auch gegen einen tunesischen Islam, gegen die Nation, gegen die tunesische Flagge und lehnen die tunesische Hymne ab, sogar eine tunesische Identität." Die Salafisten profitieren von der nachrevolutionären Situation. Sie demonstrieren gegen die Gewerkschaften und verkünden ihre Propaganda gegen säkulare Führer und oppositionelle Parteien. Die Polizei unter der Führung der Ennahda-Partei hat einen schweren Stand. Die Säkularen kritisieren, dass sie diese Proteste erlaube, und die Salafisten klagen den Innenminister an, weil er die Interessen der Säkularen unterstütze. "Die Ennahdha-Partei durchlebt eine Krise", sagt Jawer Ben Mbarek. "Ihre Änhänger bewegen sich in Richtung Radikalisierung, im Gegensatz zu den eher moderaten Rhetorikern der Vergangenheit."

Bislang unveröffentlichte Fotos zeigen den gewaltsamen Angriff extremistischer Salafisten auf die US-Botschaft und Schule im September 2012. Dass dabei vier Menschen umkamen, darunter zwei Salafisten, wurde der Präsidentengarde zur Last gelegt. Diese verteidigte sich damit, ihre Aufgabe sei es, nur den Präsidenten zu schützen. Beunruhigend ist für Jawer Ben Mbarek auch, "dass die salafistische Bewegung in großem Umfang finanziell und logistisch unterstützt wird, hinzu kommen wachsende Beziehungen innerhalb der internationalen Netzwerke."

Gesellschaft aus Gläubigen und Nichtgläubigen
Die Zivilgesellschaft reagiert auf die salafistischen Drohungen: Frauen versammeln sich in den Straßen, zünden Kerzen an, Tanzen und Singen. Tunesiens 60-jähriges Projekt eines säkularen Staates sieht sich einer robusten islamistischen Herausforderung gegenüber. An den Wänden kommentieren Graffittis. Die Gesellschaft spaltet sich in Gläubige und Nichtgläubige - bis in die Kunstszene hinein. Als 2012 eine große Kunstausstellung von Salafisten angegriffen und teilweise zerstört wurde, hat die "Nationale Agentur zur Entwicklung und Förderung des Kulturellen Erbes" den Fall im Abdhalliya-Kunst-Zentrum untersucht und kam zu dem Urteil: Die Kunstausstellung war ein moralischer Angriff auf die Gesellschaft. Daraufhin wurde die Galerie geschlossen und die Künstler wegen Störung der öffentlichen Ordnung angeklagt.

Nadia Jelassi war eine der teilnehmenden Künstlerinnen. In ihrer Arbeit setzt sie sich mit der neuen religiösen Atmosphäre im Land auseinander. "Einige Künstler, die es sich leisten konnten", sagt sie, "haben Tunesien verlassen. Andere hatten richtig Angst und sind für einen Monat untergetaucht. Diese Attacken und ihre Konsequenzen geschehen mit voller Absicht. Man will, dass Politiker und Salafisten die Künstlerszene zerschlagen." Nach dem Ereignis fand sich ihr Name auf einer "Wanted Liste" in den sozialen Netzwerken veröffentlicht - mit Anleitungen, wie man sie fertigmachen sollte. Nadia Jelassi ist sich sicher, "dass es ein langer und ein schwieriger Kampf sein wird. Aber irgendwie bin ich doch optimistisch, dass wir trotz allem am Ende siegen werden."

Innerhalb der Länder des arabischen Frühlings gilt Tunesien als eine Art Modell für demokratische Veränderung, aber von wo nach wo? Die soziökonomische Situation ist beunruhigend, der Tourismus dramatisch eingebrochen, die Geschäfte leiden und die Investoren bleiben aus, weil sie politische Spannungen befürchten. Und ganz oben steht die Salafistenfrage. "Die Medien, die Polizei und das Militär sollten befreit und eingebunden werden in das große Projekt einer islamischen Nation", fordert Ridha Belhaj, Sprecher der Ettahrir-Partei. "Dann wird der Islam die Herrschaft übernehmen." Die Demokratie bleibt in Tunesien eine Verheißung und fordert jeden einzelnen heraus.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Schwerpunkt
Arabische Revolution