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© dpa Lupe
Kaum ein Tag, an dem die Presse nicht über ihre eigene Krise berichten muss.
Zeitungssterben
Wo liegt die Zukunft der Print-Medien?
Wer blättert noch durch Zeitungspapier, wenn er wissen möchte, was in der Welt passiert? Die Informationen im Internet sind schließlich schneller und oft kostenlos verfügbar. So gibt es auch in letzter Zeit kaum einen Tag, an dem die Presse nicht über ihre eigene Krise berichten muss. Das Wort "Zeitungssterben" macht die Runde.
Am 7. Dezember 2012 erschien beispielsweise die letzte Ausgabe der "Financial Times Deutschland". Die Journalisten nahmen Abschied von ihren Lesern, zwölf Jahre gab es das Blatt. Doch auch die traditionsreicheren Zeitungen haben zu kämpfen: Die "Frankfurter Rundschau" ist insolvent, die spanische "El Pais" entlässt gerade ein Drittel ihrer Belegschaft. Und auch das politische US-Wochenmagazin "Newsweek" - eine Institution - hat im Dezember 2012 seine Druck-Ausgabe eingestellt. Es existiert nur noch im Netz.

Hohe Qualität im Netz wird angestrebt
So weit ist die "Neue Zürcher Zeitung" ("NZZ") noch nicht. Doch auch die "alte Tante" lässt gerade aufhorchen und verkündet kühn, ihre Leser "bräuchten kein Papier". Das Kerngeschäft der "NZZ" ist seit Neuestem die elektronische Ausgabe, sagt der Chefredakteur. Bedeutet das, dass man dem gedruckten Traditionsprodukt nicht mehr vertraut? "Eigentlich ist das ein Versprechen: Die Qualität soll auch im Digitalen so hoch werden, wie wir sie im Print jeden Tag anbieten", sagt Markus Spillmann, Chefredakteur der "NZZ". "Und: Kluge Informationsleistung ist nicht an ein Trägermedium gebunden, zum Beispiel an eine Tageszeitung."

Warum also nicht alle Möglichkeiten ausschöpfen? Das gute alte Papier für die vertiefte Reflexion - und das Internet für das Aktuellste und die Schätze des Archivs. Doch lässt sich das überhaupt auf Dauer bezahlen? Noch immer finanziert die gute alte Zeitung die Online-Abenteuer der Verlagshäuser. Doch das Geschäftsmodell wankt: Ein Drittel weniger Auflage, ein Drittel weniger Anzeigen innerhalb von zehn Jahren bei vielen Blättern. Plötzlich reden alle über Bezahlschranken, "Paywalls". Doch ist der Leser überhaupt bereit, Zeitung im Netz zu berappen?

Gratiszeitungen haben Leser verdorben
Der Medienforscher Kurt Imhof hat diesbezüglich Zweifel. In einem Langzeitprojekt an der Universität Zürich observiert er die Schweizer Presselandschaft - mit dem Fokus auf deren Qualität. "Die Verleger haben stark am Schaden der Zeitung mitgearbeitet", sagt Imhof. "Sie haben Nachrichten gratis zur Verfügung gestellt. Sie stellen es auch gratis zur Verfügung in Form von Gratiszeitungen. Das bedeutet, dass das Preisbewusstsein beim Publikum für Journalismus gefallen ist. Das Publikum hat das Gefühl: Journalismus ist etwas, das ich gratis bekommen muss. Gleichzeitig ist aber auch das Qualitätsbewusstsein gefallen, sowohl auf Verlegerseite als auch auf Publikumsseite."

Es klingt besorgniserregend, wenn sich ein Großteil im Land nur noch 20 Minuten nimmt - für Nachrichten, die nichts kosten. Wer sichert dann das Überleben des Qualitäts-Journalismus, der recherchiert und kommentiert? Kurt Imhof meint, "man müsste über staatsferne Stiftungen die Presse fördern, aber nur die, die auf Gratiszeitungen verzichten. Das Publikum muss auch wieder dazu erzogen werden, dass Journalismus etwas kostet. Was nichts kostet, hat in dieser Gesellschaft auch wenig Wert."

Idee: eine Stiftung im Hintergrund
Der englische "Guardian", eine Zeitung, die immer wieder auffällt, Dinge durch gut recherchierte Geschichten aufdeckt, ist ein Pionier im elektronischen Angebot. Ohne eine Stiftung im Hintergrund wäre das nicht zu finanzieren. Hinter der deutschen "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" steckt beispielsweise schon seit 1959 eine Stiftung. Auch in der Schweiz gibt es erste Gehversuche in diese Richtung. "Die Stiftung für Medienvielfalt" ermöglicht die Basler "TagesWoche" - gedruckt als Wochenzeitung und täglich aktuell im Netz. Welchen Weg will die "NZZ" gehen, falls Online nicht die Kosten tragen kann? "Wir versuchen in neue Geschäftsfelder zu expandieren", sagt Chefredakteur Markus Spillmann. "Wir haben ins Konferenzgeschäft investiert, wir wollen in die Bildung gehen, stärker in Wirtschaftsthemen investieren. Und Mäzenatentum ist möglicherweise auch eine Variante." Um die "NZZ" muss man sich wohl keine Sorgen machen, meint Kurt Imhof: "Too big to fail" sozusagen.

"Die Frage ist aber: Was passiert mit den dutzenden von anderen Zeitungen in der Schweiz?", so Kurt Imhof. "Auch sie müssen aufrechterhalten werden - auch im Regionalbereich. Wir haben in der Schweiz eine komplexe, förderungswürdige Demokratie auf drei Ebenen. Auf Gemeindeebene - kantonal und national. Damit wir eine aufgeklärte Demokratie haben, braucht es auf allen diesen Ebenen entsprechenden Journalismus." Die Zeitung ist nicht antiquiert. Wir brauchen sie, gedruckt und elektronisch - Hauptsache gut, als Lotsen in einer unübersichtlichen, schnellen Zeit."

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Kulturzeit: montags bis freitags,um 19.20 Uhr
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