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© ap
"Unsere viel größere Freiheit ist doch, aktiv die Zukunft unserer Gesellschaft mit zu gestalten", so der Moralphilosoph Michael Sandel.
Richtig leben
M. J. Sandels "Was man für Geld nicht kaufen kann"
Der Moralphilosoph Michael Sandel füllt mit seinen Vorlesungen ganze Stadien. Mit Fragen wie "Finden Sie, man sollte ein Adoptivkind ersteigern dürfen?" bringt er das Weltbild seiner Zuhörer ins Wanken. In seinem neuen Buch "Was man für Geld nicht kaufen kann", erzählt er, wie der Wert der Dinge sich wandelt, wenn sie käuflich werden - und wie sehr die Amerikaner sich daran gewöhnt haben.
"Im Kern geht es bei all diesen Fragen um Ethik, Moral und das 'richtige Leben'", sagt Sandel. "Nehmen Sie ein extremes Beispiel: Wenn Sie in Kalifornien zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden und Sie mögen die Standardunterbringung nicht, dann können Sie sich einen Zellen-Upgrade kaufen, das kostet sie etwa 90 Dollar pro Nacht. Ich denke, wir müssen von Fall zu Fall entscheiden, ob wir nicht unsere Werte aufs Spiel setzen, wenn wir die Regeln des Marktes überall anwenden."

Den begehrten Campingstellplatz im Nationalpark etwa ersteigern sich US-Amerikaner für absurde Summen auf dem Schwarzmarkt, die rührende Rede zur Hochzeit ist längst im Internet zu kaufen. "Das ist", so Sandel, "ein Lebensstil, in dem die Mechanismen des Handels fast alle Bereiche durchdringen. Und das passiert bei uns seit einiger Zeit. Alles dem Markt zu überlassen, scheint zunächst ein Zeichen von Freiheit zu sein. 'Soll doch jeder selbst entscheiden, was ihm die Dinge wert sind.' Aber das ist bloß Konsumentenfreiheit. Unsere viel größere Freiheit ist doch, aktiv die Zukunft unserer Gesellschaft mit zu gestalten."

"Wollen wir wirklich Wetten auf den Tod erlauben?"
Der Markt wird sich in moralischer Hinsicht niemals von allein zügeln. Entscheiden müssen wir, ob wir in einer Welt leben wollen, in der Menschen ihre Organe verkaufen, ihre Stirn als Werbefläche vermieten, ein Kind gegen Cash austragen oder ihre eigene Lebensversicherung meistbietend verscherbeln. Das hat Moderator Larry King getan. Er fürchtet sich nun, weil er nicht weiß, wer die Policen gekauft hat - und auf seinen baldigen Tod hofft. Ein Hedgefond? Oder die Mafia? "Wollen wir wirklich Wetten auf den Tod erlauben?", fragt Sandel. "Wetten darauf, dass irgendein Fremder, dessen Police ich gekauft habe, stirbt? Das stellt doch die Idee der Lebensversicherung auf den Kopf. Es korrumpiert ihren moralischen und sozialen Zweck und macht daraus eine Art Glückspiel mit dem Leben."

Den derzeitigen Präsidentschaftwahlkampf findet Sandel ziemlich öde - weil keiner sich an die wirklich großen Fragen wagt. Nicht, ob wir mehr Staat brauchen oder mehr Markt, sei die Frage, sondern welche Güter überhaupt auf den Markt gehören oder nicht. "Niemand", beklagt er, "fragt nach den moralischen Grenzen des Systems. Wie weit sollte der Markt in den Bildungsbereich hineinspielen, in die medizinische Versorgung, den Umweltschutz, in private Beziehungen und ins gesellschaftliche Leben? Das wäre die eigentliche Debatte." Sandel ist überzeugt, dass bedingungslose Marktgläubigkeit letztlich die Demokratie bedroht, weil sie schleichend den Sinn für Gemeinschaft zerstört. Das Geheimnis seines Erfolges sind Sandels Fragen. Antworten gibt er nicht - weshalb die Lektüre seines Buches bisweilen frustierend ist. Aber er macht Lust auf eine Debatte, die auch in Europa, spätestens seit der Finanzkrise, überfällig ist.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© UllsteinLupeMichael J. Sandel
"Die moralischen Grenzen des Marktes"
Ullstein 2012
ISBN-13: 978-3550080265