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Themen am 23.06.2017Navigationselement
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Verstörende Innenansichten eines menschenverachtenden Milieus: Der Journalist Thomas Kuban hat undercover im braunen Untergrund recherchiert.
Undercover rechts
"Blut muss fließen" dokumentiert die Nazi-Szene
Seit der Enttarnung der Zwickauer Terrorzelle ist das öffentliche Interesse am Neonazi-Untergrund groß. Der Journalist Thomas Kuban, sein Name ist ein Pseudonym, hat neun Jahre lang undercover mit versteckter Kamera im braunen Untergrund recherchiert - vor allem bei Rechtsrock-Konzerten. Eine Dokumentation darüber mit dem Titel "Blut muss fließen" lief 2012 auf der Berlinale. Am 8. Oktober 2012 erschien sein gleichnamiges Buch.
Thomas Kuban hat seit 2003 auf verbotenen Nazi-Konzerten gedreht. Jahrelang ist er quer durch Europa gefahren, um verdeckt zu filmen. Er verkleidet sich als Nazi, wenn er zu den Konzerten fährt, bewegt sich in den einschlägigen Internetforen, bereitet sich auf die Konzerte vor, indem er vorher stundenlang Nazi-Musik hört. Kubans Bilder entstehen unter Lebensgefahr.

"Die Bedrohungslage war klar", sagt er. "In den Foren hieß es: 'Wenn wir den erwischen, den stellen wir auf die Bühne, der Rest ergibt sich von selbst.' Oder es hieß: 'Wenn wir den mal kriegen, dann wird er froh sein, wenn es schnell geht.' Wobei, ich muss dazusagen, lange Zeit war überhaupt nicht klar, dass es eine Person ist, die diese ganzen Drehs realisiert. Es gab ja nicht einmal ein Pseudonym für mich. Die haben auch spekuliert, ob es möglicherweise der Verfassungsschutz ist oder der israelische Geheimdienst Mossad."

Im Regelfall so, "dass die Polizei nicht eingreift"
Doch Thomas Kuban ist nur ein Einmann-Geheimdienst, ein Aufklärer im Dienste des demokratischen Gemeinwesens, der die hässliche Fratze der Nazis zeigt. Wie sie Lieder grölen mit volksverhetzenden und rassistischen Texten, voller Hass auf Schwule, Kommunisten, Ausländer. Kuban enthüllt mit seinen Bildern auch das Versagen des Staates und seiner Behörden. 130 solcher Konzerte gibt es jährlich - 130 zu viel. "Leider", beklagt er, "ist es im Regelfall so, dass die Polizei nicht eingreift. Ich habe im Extremfall erlebt, dass der polizeiliche Staatsschutz sogar im Konzertsaal vertreten war. Das wurde von der Bühne gesagt. Trotzdem haben die Nazis hemmungslos Straftaten begangen. Es wurde der Hitlergruß gezeigt, Sieg Heil, es gab volksverhetzende und damit strafbare Lieder, wo dazu aufgefordert wird, ganz Berlin-Kreuzberg dem Erdboden gleichzumachen, weil das eine türkische Stadt auf deutschem Boden sei. Und die Polizei hat nicht eingegriffen, obwohl die Hundertschaften vorm Zelt standen."

Aber warum fühlen sich Menschen überhaupt vom Rechtsextremismus angezogen? Seit 30 Jahren untersucht der Soziologe Wilhelm Heitmeyer die Anziehungskraft dieser Ideologie vor allem auf junge Männer: die Faszination von Ordnung, Hierarchien, brutaler Musik. "Natürlich spielen diese Rituale eine Rolle, denn Rituale geben Sicherheit", sagt er. "Und je unsicherer der Alltag ist, desto mehr muss man darauf achten, dass auch bestimmte Hierarchien vorhanden sind. Das sind alles Sicherheits- und stabilisierende Elemente, die auch in diesen Gruppen gesucht werden. Und diese Rituale werden an vielen Stellen auch emotional aufgeheizt. Dabei spielt Musik eine ganz wichtige Rolle, einschließlich der ganz harten Texte, die auch wieder Macht demonstrieren wollen."

"Zahl der Neonazis ist größer geworden"
Kubans erschreckende Bilder waren in vielen deutschen Polit-Magazinen zu sehen. Für große politische Bewegung sorgten sie nicht. Erst als die Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds NSU öffentlich wurden, setzte das Erschrecken ein. Für Thomas Kuban, der sich jahrelang im Nazi-Milieu bewegte, war das keine Überraschung. "Die Zahl der Neonazis ist viel, viel größer geworden", weiß er. "Aus einer Szene ist eine Bewegung geworden. Übrigens ist das auch ein Grund, warum der Rechtsterrorismus möglich war. Je größer eine Bewegung wird, desto wahrscheinlicher wird es, dass eine hinreichend radikalisierte Gruppe findet, die ein Unterstützerkreis für Terroristen bildet."

Kuban hört auf - aus Selbstschutz. Sein Buch "Blut muss fließen. Undercover unter Nazis" ist der Abschluss seiner Recherche. Es war eine anstrengende Zeit, so schreibt Thomas Kuban - in der er nicht mehr abschalten konnte, ständig über neue Identitäten nachdachte, die Angst ihn ständig begleitete. So bleiben die Nazis wieder unter sich.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
Thomas Kuban
"Blut muss fließen: Undercover unter Nazis "
CAmpus 2012
ISBN-13: 978-3593398020
Film
"Blut muss fließen - Undercover unter Nazis"
(Dokumentarfilm)
DE 2012
Regie: Peter Ohlendorf
Vorführtermine:
05.11.2012: Burghausen
06.11.2012. Gießen und Friedberg
07.11.2012: Büdingen und Friedberg
08.11.2012: Rottal/Inn
09.11.2012: Nürnberg
12.11.2012: Neuruppin