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Für Passagiere, die auf der "No Fly List" stehen, ist die Reise hier zuende.
Geheime Liste
US-Aktivisten im Visier
Was haben Nelson Mandela, US-Senator Edward Kennedy und Bollywood-Star Sharukh Khan gemeinsam? Sie alle standen oder stehen auf der "No Fly List" der Flugsicherung der "US Homeland Security". Immer mehr Künstler und politische Aktivisten geraten ins Visier der sogenannten Transportation Security Administration, kurz TSA.
Der US-Journalist und Dokumentarfilmer Mark Faulk lebt in Oklahoma City. Jahrelang arbeitet er an dem Film "Wallstreet Conspiracy" über die Machenschaften der Finanzindustrie. Im Frühjahr 2012 feiert sein Film Premiere in New York. Faulk will dort hinfliegen. Doch am Flughafen erlebt er eine böse Überraschung: "Der Angestellte von United Airlines zeigt auf mich und sagt: 'Er ist auf der 'No Fly List'", berichtet Mark Faulk. "Ich war entsetzt. 'Was, was soll das heißen, ich bin auf der 'No Fly List'?"

Geheime Liste des FBI
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Dokumentarfilmer Mark Faulk steht auf der "No Fly List".
Die" No Fly List" ist eine geheime Liste des FBI. Wer draufsteht, darf die USA nicht überfliegen, weil das FBI glaubt, von ihm gehe eine Terrorgefahr aus. Das sind immerhin 27.000 Personen. Eine Stunde lang wird Mark Faulk an diesem Tag von der TSA, der US-Flugsicherheit, überprüft und mit Fragen traktiert. Schließlich darf er fliegen. Faulk ist wahrscheinlich nur auf der "Watch List", mit 400.000 Personen, die streng kontrolliert werden. Wer auf der "No Fly List" oder "Watch List" steht und warum, ist geheim. Selbst die Flugsicherheit weiß das nicht, erfährt Faulk von einem TSA-Mann. "Er sagte: Die schicken Sie zu uns. wir wissen nicht, warum", so Faulk. "Aber was meinen Sie, warum Sie auf der Liste sind? Ich sagte: Vielleicht, weil ich bei Occupy sehr aktiv war. Da sagt der TSA-Mann daneben: Na, da haben Sie es."

Schon vor der Finanzkrise deckt Faulk in seinen Artikeln faule Geschäfte an der Wall Street auf. Für Recherchen fliegt er oft nach New York - ohne Probleme. Er hilft sogar dem FBI, Wall-Street-Kriminelle hinter Gitter zu bringen. Doch seit er sich bei Occupy engagiert, wird er schikaniert. Dabei ist Occupy eine legale Organisation. Bereits 2011 merkt Faulk, dass sein Haus beobachtet wird. Doch er lässt sich nicht einschüchtern. Zu einer Aktion vor der Bank of America begleiten wir ihn mit der Kamera. Die Bank of America will ein Haus zwangsversteigern lassen. Die Aktivisten begleiten die Hausbesitzerin zur Bank. Faulk besorgt ihr einen Anwalt und fragt sich, warum er auf der Watch List steht, nicht die Banker.

Böse Überraschung am Flughafen
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Ex-Marine Abe Mashal ist auf der "No Fly List".
"Sie glauben, ich sei ein potentieller Terrorist, aber das bin ich nicht", so Mark Faulk. "Ich hecke nicht hinter verschlossenen Türen etwas gegen mein Land aus. Ich versuche nur, die faulen Geschäfte zu stoppen, die zum Zusammenbruch der Weltwirtschaft geführt haben." Es kann noch schlimmer kommen: Nicht weit weg von der Metropole Chicago wohnt ein Ex-Marine. Auch er stellt am Flughafen plötzlich fest, dass er nicht mehr fliegen darf. "Ich stand am Check-In, hörte ein Geräusch, drehte mich um und 30 TSA-Männer und Polizisten sahen mich an", erinnert sich Abe Mashal.

Abe Mashal ist stolz, dass er ein Marine war, eine Elitesoldat. Jetzt aber gilt er wegen seiner militärischen Ausbildung als Sicherheitsrisiko, weil er auch Moslem ist. Für den Ex-Marine ist das ein Schlag in die Magengrube. Denn eigentlich lebt er den US-amerikanischen Traum. Er hat ein Haus und vier Kinder. Jetzt aber kann er mit seiner Familie nicht mehr zu den Großeltern fliegen. Mashal ist heute Hundetrainer. Durch das Flugverbot hat er auch geschäftliche Einbußen. Er und 14 weitere Betroffene verklagen das FBI und das Justizministerium wegen der "No Fly List". Unterstützt werden sie von der ACLU, einer Organisation von Menschenrechtsanwälten.

Klage gegen "No Fly List"
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Nusrat Choudhry ist Anwältin für die ACLU.
"Die Kläger wollten, dass der Irrtum beseitigt und sie von der Liste gestrichen werden", sagt die ACLU-Anwältin Nusrat Choudhry. "Aber von Regierungsseite bekamen sie nicht einmal eine Erklärung. Nun ziehen sie vor Gericht, um diese verfassungswidrige Praxis zu stoppen." Die US-Verfassung garantiert, dass man reisen darf. Niemand darf stigmatisiert oder grundlos bestraft werden. Beschuldigte haben ein Recht zu erfahren, was genau man ihnen vorwirft.

Das FBI verspricht Abe Mashal Abhilfe und lädt ihn zu einem Treffen in einem Hotel ein. Sie sagten: 'Die gute Nachricht ist, wir können Sie von der 'No Fly List' streichen", so Mashal. "'Aber Sie müssen uns auch helfen.' Was kann ich tun?, fragte ich. Sie wollten, dass ich ihr Undercover-Informant in meiner Moschee werde." Es sähe so aus, als benutze das FBI die 'No Fly List' als Druckmittel, sagt Choudry. "Drei der Kläger wurden gefragt, ob sie FBI-Informanten werden, wenn ihre Namen von der Liste gestrichen werden", so die Anwältin. Der Ex-Marine lehnt ab. Nun sucht das FBI bei Freunden, Verwandten, Kunden und bei Mashals Bank nach etwas Belastendem. Ein Freund, der beim FBI arbeitet, wird sogar eingespannt, um ihn von der Klage abzubringen.

FBI überwacht Telefon und E-Mails
"Er sagte: Abe, Du musst weg von der ACLU", so Abe Mashal. "'Das FBI hat mir gesagt, dass du auf der Liste bleibst, wenn du weiter mit diesen Menschenrechtsanwälten zu tun hast. Trenn dich von denen!' Und dieser Mann war mein Trauzeuge." Mashal fühlt sich zuhause nicht mehr sicher. Das FBI hört sein Telefon ab und liest seine E-Mails. Verantwortlich dafür ist ausgerechnet Präsident Barack Obama, der versprochen hatte, die schmutzigen Praktiken im Namen der Terrorbekämpfung zu beenden.

Mark Faulk fährt nur noch Auto. Will er aber seinen Beruf weiter ausüben, wird er wieder fliegen müssen. Er wünscht sich nur eines von Obama: "Seien Sie der Präsident, der Sie als Kandidat zu sein versprochen hatten", so Faulk. "2008 gaben Sie uns Hoffnung und Amerika hat geglaubt, Sie würden den Kurs ändern und sich für uns einsetzen." Ganz gleich, wer Präsident wird: Weder Romney noch Obama wollen die Bürgerrechte stärken. Abe Mashal, Mark Faulk und tausende Betroffene können nur hoffen, dass das Gerichtsurteil ihnen zu ihrem Recht verhilft.

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