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Themen am 16.10.2017Navigationselement
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Immer mehr Menschen wollen eine ausgeglichene Work-Life-Balance.
Wertewandel
Von Karriereverweigerern und Work-Life-Balance
Es ist doch klar: Bildung ist der Grundstein für eine erfolgreiche Karriere. Je mehr man in die eigene Zukunft investiert, desto mehr holt man später raus. Dann beginnt der Aufstieg, und irgendwann ist man ganz oben. Oben in einem rastlosen Metier, das kein Innehalten kennt. Druck, Stress, Getriebensein, keine Zeit mehr für Freunde und Familie - Karriere hat ihren Preis. Und den wollen viele heute nicht mehr zahlen.
Stefan Lang ist das, was man als "High Potential" bezeichnet: Wirtschaftsjurist, zwei Jahre Unternehmensberater, auf eine Führungsrolle abonniert. Dann steigt er aus. Heute arbeitet er bei Itzebitz, einer Kindertagesstätte. Ganz bewusst hat er sich gegen Karriere entschieden. Für ihn passt "dieser klar vorgezeichnete Aufstiegsweg" nicht zu seinem Leben - insbesondere nicht zu seinem Leben mit Familie. "Individualität und Flexibilität waren da nicht gegeben. Ich musste feststellen, dass es in den nächsten 15 Jahren zwangsläufig zum Bruch kommen würde", erklärt er.

Authentizität zählt
Immer mehr Führungskräfte vollziehen diesen Bruch. Und selbst die, die eine klassische Karriere noch vor sich haben, steigen aus, so auch Christina Veldhoen. Trotz eines Top-Abschlusses als Kulturmanagerin hat sie sich gegen eine traditionelle, hierarchische Karriere entschieden. "Karriere zu verweigern, hat für mich sehr viel Sinn", sagt sie. "Ich kann Karriere nur dann in einer Authentizität verfolgen, wenn ich das mit dem zusammenbringe, wofür ich als Person stehen möchte und mich dafür einsetzen kann, wie sich unsere Welt verändert." Klassische Karrieren in alteingesessenen Institutionen würden nicht bereit halten, "dass der Mensch sich entfalten darf und ich meine Qualitäten in die Karriere einbringe".

Mit ihrer Skepsis gegenüber klassischen Karrierepfaden steht Christina Veldhoen nicht allein. Mit zwei Kommilitonen hat sie das Projekt "Rock Your Life" gegründet. Die Idee: Ehrenamtliche Studenten coachen Hauptschüler, um Ihnen bessere Berufschancen zu verschaffen - Weltverbesserung statt Karriere. Stephan Jansen, Rektor der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen, kennt das Phänomen der Karriereverweigerer aus eigener Anschauung. Er bildet diejenigen aus, die die Chefs von morgen werden sollen. Doch die "Generation Y", die in den 1980er Jahren geboren wurde, will gar nicht mehr Chef werden. Das klassische Versprechen vom Aufstieg durch Bildung hat ausgedient.

Generationenvertrag gilt nicht mehr
"Dieses Versprechen, dass es der nächsten Generation besser gehen wird als der eigenen, ist dechiffriert", sagt Jansen. "Die letzte Generation hat sich durch Verschuldung, durch eine nicht-nachhaltige Energiepolitik, eine nicht-nachhaltige Ernährungspolitik auf Kosten der nächsten Generation bereits bereichert. Dieser Generationenvertrag - 'Du sollst es besser haben als wir' - wird als Rhetorik noch verstanden, aber auch klar interpretiert als: 'Du hast schon auf meine Kosten gelebt, daher mache ich jetzt nicht mehr das Höher-Besser-Weiter-Spiel, sondern ich spiele das Anders-Spiel.'"

Wie soll dieses Spiel aussehen? Für die "Generation Y" sind Geld und Macht keine Antriebsfaktoren mehr. Eine Studie des Deutschen Führungskräfteverbandes zeigt: Ganz oben auf der Wunschliste stehen mehr Zeit für Familie und Freunde, mehr Work-Life-Balance. Karriere? Ach, lass mal. Ist die "Generation Y" zu verwöhnt, zu bequem geworden? "Den Vorwurf der Bequemlichkeit würde ich zurückweisen", sagt Andreas Zimmermann, vom Verband Deutscher Führungskräfte. "Sicherlich begünstigt die gute Wirtschaftslage, dass gewisse Wünsche geäußert werden. Wäre die Arbeitslosigkeit so hoch wie beispielsweise in Italien oder in Spanien, würden es sich Bewerber überlegen, offensiv nach Elternzeit oder Sabbaticals zu fragen. Trotzdem handelt es sich um mehr als um eine Eintagsfliege, das ist ein grundlegender Wertewandel."

Heterarchie statt Hierarchie
Auch dies ein Ergebnis der Studie: Stressresistenz und Problemlösebereitschaft gehen immer weiter zurück. Ist es vielleicht so, dass die Generation Y nicht nur nicht führen will, sondern es gar nicht mehr kann? Ist sie feige vor der Verantwortung? "Ich wurde alles über diese Generation sagen, aber nicht, dass sie feige ist", so Stephan Jansen. "Sie ist eher so klug, dass sie sich nicht mehr in die alten Spiellogiken der Karriere einbauen lässt. Die Hierarchie als Ordnung des Heiligen, indem man immer hochschaut, wird ersetzt durch die Heterarchie. Die wird in der Kindheit auch durch die sozialen Netzwerke eingeübt. Man ersetzt den Blick nach oben durch den Blick nach außen, heterarchisch."

Der Blick weitet sich also: Bildung, nicht Ausbildung rückt wieder in den Vordergrund. Es geht darum, Mensch zu sein, nicht Chef zu werden. Wilhelm von Humboldt hätte seine helle Freude daran.

Kulturzeit extra
© dpa"Tempo Bildung - Wo sind die Ideale geblieben?
Donnerstag, 18.10.2012
um 19.20 Uhr auf 3sat
Schwerpunkt
Zwischen Elite-Unis und Hochschulchaos
Blog
© dpaBildung im Zeitraffer
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