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Themen am 16.10.2017Navigationselement
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© dpa Lupe
Studienanfänger werden immer jünger.
Reifeprüfung
Vom Leben, Lernen und Erwachsenwerden
Endlich Abi! Doch wie reif sind Schüler mit dem Zeugnis der Allgemeinen Hochschulreife in der Tasche wirklich? Einen reifen Apfel kann man erkennen, aber einen reifen Menschen?
Der deutschen Bildungspolitik geht es weniger um Reife als um Verjüngung. Und in der Tat: Die Studienanfänger werden immer jünger. Das hat bereits zu bizarren Situationen geführt. "Wir haben in dieser Universität die ersten 30, 40 jungen Menschen gehabt, die noch nicht mündig sind", sagt Dieter Lenzen, Präsident der Universität in Hamburg, "das heißt, die noch der Sorgerechtsbeobachtung der Eltern unterliegen, so dass wir beispielsweise wenn eine Exkursion in Geografie gemacht werden muss, die Eltern um Genehmigung bitten müssen, dass ihre Kinder mitkommen dürfen."

In seinem Buch "Mythologie der Kindheit" hat Dieter Lenzen schon in den 1980er Jahren ein interessantes Phänomen beschrieben: Die Kindheit will kein Ende nehmen. Lenzens Diagnose: Junge Menschen werden immer später wirklich erwachsen. Diese Entwicklung hat bereits vor vielen Jahrzehnten begonnen und die Bologna-Reform verstärkt die Tendenz zum Kindlichen. Sie macht Studenten unmündiger, indem sie das Studium verschult. Lenzens alte Thesen sind von bestürzender Aktualität. "Wir wissen heute, dass viele junge Menschen, die gar nicht mehr so jung sind, auch über ihren weiteren Lebensverlauf von den Eltern Unterhalt bekommen oder zumindest mitfinanziert werden", so Lenzen. "Das ist ein Beispiel dafür, dass der Zeitpunkt der sozialen Selbständigkeit, für sich selbst verantwortlich und eben kein Kind mehr zu sein, sich immer weiter nach hinten schiebt."

Bloß nicht erwachsen werden!
Beispiele finden sich überall: Menschen, die mit Ende 30 noch bei den Eltern wohnen und sich kleiden wie Teenager. Ihr Motto: Bloß nicht erwachsen werden! Und wieso sind die großen Bestseller der letzten Jahre fast ausnahmslos Kinderbücher? Gelesen werden sie von Erwachsenen, die keine sein wollen. Längst verwässert auch die Mode den Unterschied zwischen Alt und Jung. Models sehen aus wie Kinder: kein Busen, keine Schambehaarung. Die äußeren Merkmale fürs Erwachsensein sollen verschwinden. Aufschlussreich ist Lenzens Vergleich mit anderen historischen Epochen.

"Der klassische Lebenszyklus war in etwa zwölf Segmente aufgeteilt", so der Autor. "Die Grundidee dabei war die, dass der Mensch ein Segment seines Lebens verlässt und in ein neues tritt, getötet wird als der Mensch des ersten Segments, um wiedergeboren zu werden als der Mensch des zweiten Segments. Die Idee dahinter war zu sagen: Das ist ein ganz anderer Mensch. Das heißt, eine junge Frau, die entbunden hat, ist nicht mehr dieselbe Frau wie vorher." Für Urvölker sind schmerzhafte Rituale, die den Übertritt in eine neue Lebensphase einleiten, ganz zenral.

Bewährungsproben
"Das Wichtige im klassischen Lebenszyklus war wirklich ein Krisenerlebnis", sagt Lenzen. "Das heißt, wenn ich den alten Teil meines Lebens verlasse, um in einen neuen einzutreten, ist das ein Sterbenserlebnis. Und die klassischen Gesellschaften haben das unterstützt, indem sie zum Beispiel in dem Ritus Tätowierungen eingebaut haben - die tun weh - oder die Zähne auf die Hälfte abgefeilt haben, das tut auch weh." Doch Schmerzen und Riten haben in unserer Gesellschaft keinen Platz. Was aber sollen wir tun mit einer Jugend, die gar nicht mehr in eine neue Lebensphase eintreten will? Welche Bildung braucht sie? Die Antwort liegt jenseits von G8 oder Bologna, denn sie betrifft die ganze Gesellschaft. Sie muss der Jugend mehr zutrauen und ihr auch mehr abverlangen, Kinder wollen und sollen sich bewähren.

"Man wird sicher nicht aus heiterem Himmel heraus Riten einführen können", so Dieter Lenzen. "Ich glaube aber, dass die Menschen sich danach sehnen, dass sie es auch suchen. wenn Sie die Begeisterung sehen, mit der Jugendliche sich in Gefahr begeben, indem sie Autorennen fahren, Freeclimbing machen oder Fallschirm springen, dann ist das die Suche nach Grenzerfahrungen, das Leben aufs Spiel zu setzen, bis an die Grenze des Möglichen zu kommen. Das zeigt, dass der Mensch, eigentlich der menschliche Organismus, Erfahrungen sucht, die die Todesnähe darstellen, um das Sterben zu lernen." Oder das Erwachsenwerden. Die Politik wollte, dass die Kids schneller lernen, früher arbeiten. Doch manche wollen nicht mit 17 Jahren an die Uni. Sie gehen erstmal ins Ausland, weil sie ahnen, was ihnen fehlt: Reife. Denn aus unreifen Äpfeln kann man keinen Saft machen.

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© dpa"Tempo Bildung - Wo sind die Ideale geblieben?
Donnerstag, 18.10.2012
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Zwischen Elite-Unis und Hochschulchaos
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© dpaVideoInterview mit Dieter Lenzen
Präsident der Universität in Hamburg, geführt von Teresa Corceiro
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