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© reuters Lupe
Die Nobelpreise werden traditionsgemäß am 10. Dezember überreicht.
Literaturnobelpreis 2012 geht an Mo Yan
Akademie entscheidet für Chinesen
Der Nobelpreis für Literatur geht 2012 Jahr an Mo Yan aus China. Das teilte die Schwedische Akademie am 11. Oktober in Stockholm mit. Der Schriftsteller vermische mit "halluzinatorischem Realismus" Volksmärchen, Geschichte und Gegenwart, so das zuständige Komitee. Mo Yan sei eine "Mischung aus Faulkner, Charles Dickens und Rabelais", sagte der Sprecher der Jury, Peter Englund, im Rundfunksender SR.
Sein Name Mo Yan ist ein Pseudonym und bedeutet so viel wie "Sprich nicht". Ein Befehl, den ihm seine Mutter gab - gehalten hat er sich daran nicht. Neun Romane und mehr als 70 Erzählungen hat Mo Yan bisher geschrieben. Sein Hauptthema ist das harte Leben auf dem chinesischen Land, sein Stil ist oft schonungslos und drastisch.

 

Reihe: Chinesische Autoren (2009)
© Thomas Wedmann
Mo Yan verließ während der Kulturrevolution die Schule und arbeitete in einer Fabrik. Mit 20 ging er als Soldat zur Armee, konnte studieren, schrieb seine ersten Erzählungen, kam zur Literaturabteilung der Armee und wurde Chinas populärster Schriftsteller
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Sprache ist "hart und direkt"
"Die Sprache meiner Romane, besonders in den frühen Werken, ist hart und direkt", sagt er selbst. "Jedes Zeichen kommt wie aus der Pistole geschossen, mit tödlicher Kraft. Diese Sprache ist aber keine Erfindung von mir. Ich habe diese Ausdrucksweise im Alltagsleben, in der Umgangssprache meiner Heimatprovinz gelernt." Mo Yan wird 1955 in der Provinz Shandong geboren. Im Alter von zwölf Jahren verlässt er die Schule, mit 20 geht er zur Armee. Er wird Mitglied der kommunistischen Partei und entdeckt sein Lebensthema als Schriftsteller. "Voraussetzung für einen Schriftsteller ist", so Mo Yan, "dass man als Mensch ein soziales Gewissen hat. Man muss ein gesellschaftliches Gerechtigkeitsgefühl und Mitleid mit den einfachen Menschen haben. Dann spürt man in sich eine Wut auf die Unterdrücker und Ausbeuter. Diese Empathie und Wut verdaue und verwandle ich dann in Literatur."

Mo Yans ländliche Herkunft bestimmt bis heute sein Schreiben. In seinem Buch "Die Knoblauchrevolte" beschreibt er den Aufstand verarmter Bauern gegen korrupte Beamte und dekadente Parteikader. "Das rote Kornfeld", 1988 verfilmt, erzählt vom brutalen Alltag der Landbevölkerung unter der japanischen Besatzung. Mo Yans Bücher sind stets ein Balanceakt zwischen sinnlicher Erzählung und subtiler Kritik am Regime. "Auch wenn mein Roman der Regierung oder der Zensurbehörde nicht gefällt, weil das Buch nicht der offiziellen Linie entspricht", sagt er, "werden sie die Veröffentlichung nicht verhindern. Deshalb ist mir die Reaktion von offizieller Seite egal. Zumindest meine Romane werden publiziert."

Vorwurf "Staats-Schriftsteller"
Mo Yans literarisches Werk passt schwerlich in politische Schubladen. Auf der Frankfurter Buchmesse 2009 gehörte er zur offiziellen chinesischen Delegation. Seitdem muss er sich den Vorwurf anhören, ein "Staats-Schriftsteller" zu sein. Tatsächlich ist offene Kritik an Chinas Machthabern nicht Mo Yans Sache: bis heute ist er Mitglied der kommunistischen Partei. "In der Theorie", so bekennt er, "ist der Kommunismus eine faszinierende und schöne Vorstellung. Allen soll es besser gehen und alle sollen gleichberechtigt sein. Deshalb bleibt der Kommunismus für mich ein schönes Ideal. Vor diesem Hintergrund, denke ich, es ist besser auch weiterhin in dieser Partei zu bleiben." Mo Yan benennt in seinen Büchern die Fehler des kommunistischen Regimes, stellt es aber nicht in Frage. Dem offiziellen China kann dieser Nobelpreisträger nur recht sein.

Reaktionen auf die Bekanntgabe

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) gratulierte dem Autor während eines Besuchs in Peking. "Das ist ein abermaliger Beleg für China als einer großen Literaturnation", sagte er. Mo Yan reagierte nach Angaben chinesischer Staatsmedien "überglücklich und erschrocken". Das deutsche P.E.N.-Zentrum appellierte an Mo Yan, sich für inhaftierte Autoren einzusetzen. "Ich wäre glücklich, wenn sich Mo Yan als würdiger Preisträger entpuppt, der sich die Freiheit nähme, auch in seinem Land darüber zu sprechen, ob es richtig ist, dass 40 chinesische Schriftsteller in Haft sitzen", sagte der Generalsekretär des Schriftstellerverbandes, Herbert Wiesner.

Der Literatur-Experte Peter Ripken nannte die Entscheidung des Nobelkomitees weise und mutig: "Mo Yan schreibt real-kritische, durchaus zum Teil witzig-ironische Geschichten, die man nicht unbedingt als staatstragend verstehen muss", sagte Ripken, der 2009 den China-Schwerpunkt der Buchmesse koordiniert hatte. Die Reaktionen von Herta Müller waren indes eher verhalten. Sie hatte 2009 den Nobelpreis bekommen, als China Gastland in Frankfurt war. Damals hatte sie sich äußerst kritisch dazu geäußert. Als sie jetzt von der Entscheidung erfuhr, blieb sie äußerst diplomatisch und erklärte: "Er war nicht mein Favorit."

Sendedaten
Kulturzeit: montags bsi freitags,
um 19.20 Uhr
Schwerpunkt
BUCHMESSE FRANKFURT
10.-14-10.2012
Auszeichnung
© dpaDie Nobelpreise 2012
Nobelkomitee gibt die Preisträger bekannt
Mediathek
© dpaVideoGESPRÄCH ...
Das Kulturzeit-Gespräch mit dem Sinologen Tilman Spengler (11.10.2012)
Hintergrund
Literaturnobelpreisträger der letzten Jahre:

2011: T. Tranströmer (Schweden)
2010: Vargas Llosa (Peru)
2009: Herta Müller (Deutschland)
2008: J.-M.G. Le Clézio (Frankreich)
2007: Doris Lessing (Großbritannien)
2006: Orhan Pamuk (Türkei)
2005: Harold Pinter (Großbritannien)
2004: Elfriede Jelinek (Österreich)
2003: John M. Coetzee (Südafrika)
2002: Imre Kertész (Ungarn)
2001: V.S. Naipaul (GB/Trinidad)
2000: Gao Xingjian (China/FR)