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© AP Lupe
Zielstrebig, energisch, kompromisslos: der Architekt Le Corbusier (1887-1965).
Die Kunst des Purismus
Vor 50 Jahren starb Le Corbusier
Mit seiner radikal rationalen Bauweise sorgte er für Aufsehen. Er zählt zu den bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Nicht nur in die Kunstgeschichte Europas hat er sich regelrecht eingebaut. Der schweizerisch-französische Architekt mit dem bürgerlichen Namen Charles Édouard Jeanneret-Gris, besser bekannt als Le Corbusier, starb vor 50 Jahren - am 27. August 1965.
In der Schweizer Gemeinde La Chaux-de-Fonds hatte er am 6. Oktober 1887 das Licht der Welt erblickt. Le Corbusier war der zweite Sohn eines Uhrenziseleurs und einer Musikerin. Seine Mutter beeinflusste ihn stark, was sich auch in seinem späteren Schaffen zeigte: "Ce que tu fais, fais-le!" ("Was du machst, mach richtig!"), betonte sie stets.

Sein Arbeitsleben begann er als Goldschmied- und Graveurlehrling. Durch seinen Lehrer Charles L'Éplattenier entdeckte er jedoch schnell die große Leidenschaft zur Malerei und Architektur. Für ihn entwarf der erst 18-jährige Lehrling 1905 ein Wohnhaus. Mit dem neuen Berufsziel unternahm Le Corbusier zwischen 1907 und 1911 mehrere Studienreisen quer durch Europa. In Wien, Paris und Berlin arbeitete er in führenden Architekturbüros, zum Beispiel bei Auguste Perret und Peter Behrens. So eignete sich der weitgehend autodidaktisch Ausgebildete grundlegende Kenntnisse über Architektur an. Nach seinen Ausbildungsreisen kehrte er in seine Heimat zurück, wo er für ein paar Jahre an der École d'Art Architektur und Inneneinrichtung lehrte.

Als Künstler in Paris
© AP Lupe
Hornbrille und Fliege gelten als Markenzeichen des Künstlers.
Mit 30 Jahren zog Le Corbusier nach Paris, wo er als Architekt, Schriftsteller und Maler tätig war. Um sämtliche Passionen ausleben zu können, teilte er seinen Tag streng ein. "Ich male jeden Morgen zuhause, arbeite am Nachmittag und verbringe den Abend mit Schreiben", sagte er einmal in einem Interview. Zusammen mit Amédée Ozenfant, einem französischen Maler, wurde Le Corbusier sowohl künstlerisch als auch publizistisch tätig. Mit der gemeinsamen Ausstellung "Après le Cubisme" im Jahr 1918 präsentierten sie ihre neue Kunstform, den Purismus. Rationale, klar strukturierte Kompositionen von Bildern und Bauwerken dominierten den neuartigen Stil.

Neben weiteren Ausstellungen gründeten Le Corbusier und Ozenfant 1919 die Zeitschrift "L'Esprit Nouveau", um ihre Ideen zu verbreiten. In den Artikeln nutzte Le Corbusier erstmals sein Pseudonym. Den Namen übernahm er von einem seiner Vorfahren. "Le Corbusier ist ein vom Gewicht des Fleisches befreites Wesen", erklärte Le Corbusier später in einem der Briefe an seine Mutter, "Charles-Edouard Jeanneret ist der Mensch aus Fleisch und Blut". Neben dem Pseudonym entwickelten sich in dieser Zeit auch Hornbrille und Fliege zu seinen Markenzeichen.

Einfach, klar und geometrisch
Mit dem Vorschlag, das Pariser Zentrum am rechten Seine-Ufer vollständig abzureißen und in neuem Stil aufzubauen, zeigte sich Le Corbusier, gemäß dem Rat seiner Mutter, zielstrebig, energisch und kompromisslos. Seine Idee beinhaltete die Anpassung der Architektur an die rasante technische Entwicklung und den damit einhergehenden Wandel der Lebensumstände im 20. Jahrhundert. Einfache, klare Linien und geometrische Grundformen bildeten die Basis seiner Kunst. Durch zweckorientierte und funktionale Entwürfe wurde er von Kritikern oft als "Kisten- und Kasten-Architekt" belächelt.

© dpa Lupe
Das Wohnhaus in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung
Die Kisten- und Kastenkunst feierte dennoch regelrechte Welterfolge. Seine Leitsätze zum Städtebau wurden 1933 vom Congrès Internationaux d'Architecture Moderne (CIAM) veröffentlicht. Zu seinen bekanntesten Werken zählen das Stuttgarter Doppelhaus in der Weißenhofsiedlung sowie der Entwurf des Pavillons "Temps Nouvaux" für die Pariser Weltausstellung 1937. In Marseille erbaute er ab 1945 eine sogenannte Unité d'Habitation. Der großflächige Bau bot Platz für 320 Wohnungen sowie zahlreiche Geschäfte. Ein ähnliches Gebäude erbaute Le Corbusier unter anderem auch in Berlin. In zahlreichen Städten arbeitete er an der Neuformung des Stadtbildes, wie in der kolumbianischen Stadt Bogota im Jahr 1950. Die Provinzstadt Chandigarh in Südindien entwarf er komplett neu. Als spektakulär gelten auch seine Kirchenbauten. So ist die Kapelle der Notre Dame du Haut im ostfranzösischen Ronchamp einem am Strand gefundenen Krebspanzer nachempfunden.

Schattenseiten
Die "Modulor", eine eigene, an den "Goldenen Schnitt" angelehnte Proportionslehre, ließ sich Le Corbusier patentieren. Sie diente folgend als Baukasten für schnelle neue Entwürfe. So entwarf er nach eigenen Angaben in 45 Minuten eine Hütte an der Côte d’Azur. Seine ebenso nah aufeinander folgenden und gleichzeitig so einzigartigen Neuerfindungen wirkten für die einen genial, für die anderen höchst fragwürdig. Politiker und Architekturhistoriker empfanden seine städtebaulichen Konzeptionen stark an faschistische Ideale anlehnend. Le Corbusier selbst sympathisierte seit den 1930er Jahren mit Hitler und Benito Mussolini. Dies äußerte sich zeitweise durch "unzweideutige antisemitische Ausrutscher", wie es der "Tages-Anzeiger" 2010 formulierte.

Insgesamt stammen 80 Gebäude und mehr als 200 architektonische Entwürfe von dem radikalen und zu jeder Zeit stark kritisierten Künstler. Schließlich gab es sogar einen Antrag auf die Aufnahme in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes im Jahr 2011. Der Antrag scheiterte jedoch, da die eingereichten 19 Werke dem Komitee nach kein ausreichendes denkmalpflegerisches Gesamtkonzept aufwiesen. Am 27. August 1965 ertrank Le Corbusier im Alter von 77 Jahren beim Schwimmen in der Nähe seines Sommerhauses an der französischen Côte d’Azur. Auch nach seinem Tod bleibt er sich treu: Sein schlichtes Betongrab auf dem Friedhof in Roquebrune-Cap-Martin entwarf er selbst noch zu Lebzeiten und nach seinen Idealen. Von Anfang bis Ende also: "Ce que tu fais, fais-le!".

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