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Themen am 20.11.2017Navigationselement
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© Manuel Herz Lupe
Der Städtebauer Manuel Herz hat Flüchtlingslager in der West-Sahara besucht.
Mehr als nur Auffangstation
Manuel Herz über den Bau von Flüchtlingslagern
Rund 100 offiziell registrierte Flüchtlingslager gibt es weltweit. Mehr als 30 Millionen Menschen leben in diesen Orten des permanten Ausnahme-zustandes. Ihr Alltag ist kein Gegenstand öffentlicher Debatten. Der Architekt und Städteplaner Manuel Herz erforscht seit Jahren die Transit-Zonen von Flucht und Vertreibung. Sein Buch "From Camp to City" über Flüchtlingslager in der West-Sahara ist eine exemplarische Fallstudie.
Sie haben es geschafft, dem Tod zu entkommen: Menschen aus Syrien in einem Flüchtlingslager im Nachbarland Jordanien. Das Hilfswerk der Vereinten Nationen hat mittlerweile Routine darin, innerhalb von wenigen Tagen tausenden verzweifelten Menschen ein provisorisches Zuhause zu geben. Fast alle Notlager, die das UNHCR betreut, werden weltweit nach einem zentralen Handbuch erstellt. Ganz gleich, ob in Afrika oder auf Haiti - der Aufbau von Zelten, Wegen und Straßen, die Anordnung von Verwaltungs- oder Sanitätsbereichen erfolgen nach einem fast immer gleichen Plan.

Lager nach Schema F
Der Architekt und Städteplaner Manuel Herz lehrt an der ETH Zürich und erforscht diese schematische Planung der Lager. In seinem Buch "From Camp to City" übt er massiv Kritik daran dass, "ein Bild einer 'Stadt' oder einer 'Siedlung', die sehr hierarchisch aufgebaut ist" entstehen, "wo es sehr stark um Hygiene, Sicherheit und Ordnung geht und was manchmal an Stadtplanungen der frühen 1920er Jahre oder des frühen 20. Jahrhunderts erinnert.“ Lager, wie zum Beispiel auf Haiti, enstehen nach westlichen Maßstäben und Planer-Idealen. Auf kulturelle Eigenheiten und ethnische Unterschiede der Bewohner nehmen sie wenig Rücksicht. Doch diese Ignoranz - oder ist es nur Gedankenlosigkeit - verschärft die ohnehin tiefe Verunsicherung, die Ängste und das Misstrauen der plötzlich entwurzelten Menschen. Flüchtlinge aus Städten mit von High-Tech geprägtem Leben haben hier erstmals Kontakt mit dem Lagerleben.

2003 entstanden im afrikanischen Tschad mehrere Lager für die im Grenzgebiet zum Sudan verfolgten Menschen aus Darfur. In einem der Camps stellte man den Flüchtlingen vor allem Land für Gemüsegärten zur Verfügung. "Nur wurde dabei nicht berücksichtigt, dass die Flüchtlinge aus der zentral-afrikanischen Republik am liebsten Fleisch essen und Viehzüchter sind", sagt Herz, "und keine Karotten oder Gemüse mögen. Durch einen simplen Planungsakt, der auf den ersten Blick neutraler nicht wirken kann, der nur Gutes im Kopf hat, wurden aus Viehzüchtern plötzlich Gemüsebauern und dagegen wehrten sie sich."

Profiteure der Flüchtlingslager
In der Regel werden Flüchtlingslager befristet geplant, für die Dauer von Wochen oder Monaten. Die Erfahrung des UNHCR, das sich seit 1951 für Vertriebene in aller Welt engagiert, zeigt jedoch, dass aus der Nothilfe nicht selten ein Dauerzustand wird. Seit fast drei Generationen leben Palästinenser im Wartezustand. Politiker und Hilfsorganisationen haben häufig ein Interesse am Status quo von Flüchtlingslagern. "So sehr das Flüchtlingslager symbolisch für Elend und Leiden steht", so Herz, "so sehr muss man aber auch erkennen, dass es sehr viele Profiteure von diesen Lagern gibt. Und die Tatsache, das so viele Menschen von diesen Flüchtlingslagern profitieren, ist vielleicht auch einer der Gründe, warum Flüchtlingslager sehr häufig permanenter sind, als sie eigentlich geplant wurden.“

Nicht nur im Nahen Osten werden Flüchtlingslager mit ihren oft tausenden Bewohnern zum Spielball der Politik. Bis 1991 kämpften die Sahrauis, die Bewohner der West-Sahara, mit militärischen Mitteln für einen eigenen Staat. Bis heute haben ihn vor allem Nachbarländer wie Marokko und Mauretanien verhindert. 1975 begann Algerien Lager für mehr als 150.000 Flüchtlinge aus der West-Sahara zu errichten. So wurde der Konflikt auf eine humanitäre und planerische Ebene verschoben. "Die Tatsache, dass die Flüchtlinge jetzt seit 35 Jahren in der Wüste leben, dass sie genügend Essen und genügend Wasser haben, ist vielleicht auch einer der Gründe, warum dieser politische Konflikt nicht gelöst wird."

Für ein Leben mit Perspektive
Doch die Sahrauis haben sich aus dem Dilemma gelöst, das Lager als Zeit des untätigen Übergangs und organisierter Langeweile zu akzeptieren. Sie haben sich nicht von den Hilfsorganisationen abhängig gemacht. Die Nomaden haben Selbstinitiative entwickelt und kämpfen um ein Leben mit Perspektive. Die Sahrauis nutzen den Kontakt mit westlichen Organisationen, um sich mit den Erfordernissen der modernen Welt von heute vertraut zu machen. "Sie haben es geschafft, selbst organisiert eine Schulbildung anzubieten, eine medizinische Ausstattung aufzubauen und profitieren sozusagen von dieser Urbanisierung, die über Nacht entstanden ist", sagt der Städteplaner Manuel Herz.

Herz empfiehlt den Planern, ihre oft technisch orientierten Modelle zu reformieren und Notunterkünfte als temporäre Städte mit allen Anforderungen im Auge zu haben. Tausende von Menschen jahrelang mit dem Nötigsten zu versorgen, sie aber ohne Ausbildung, ohne Jobs, ohne sinnvollen Alltag sich selbst zu überlassen, kann nicht das Ziel nachhaltiger Hilfe sein. "Es geht dabei auch um Sachen wie Vergnügen, Sport, Spiel, wie Kunst oder Sachen, die wir alltäglich machen", sagt er. Oft werden Flüchtlingslager als Orte von Verlust, Schmerz und Hoffnungslosigkeit wahrgenommen. Sie könnten aber auch Räume für Mut, Tatkraft und neue Ideen schaffen, Chancen für einen Dialog der Kulturen bieten. Mehr Fantasie der Planer und der Wille verantwortlicher Akteure wären eine gute Voraussetzung dafür.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© Lars MüllerLupeManuel Herz
"From Camp to City: Refugee Camps of the Western Sahara"
VÖ: 25. Oktober 2012
Lars Müller Publishers
ISBN-13: 978-3037782910
Fotogalerie
© Manuel HerzFlüchtlingslager der Westsahara