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Video-Porträt
Tina Mendelsohn
Der interaktive Charakter des Fern-
sehinterviews reizt Tina Mendelsohn immer wieder. Idealerweise entwickelt sich dort ein Gespräch mit einem echten Erkenntnisgewinn, sagt sie.
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© dpa Lupe
Kritiker fürchten, der Praena-Test könne bald zur Routine werden - und die vorgeburtliche Selektion von Behinderten gesellschaftsfähig machen.
Für oder gegen das Leben
Der neue Praena-Test schafft Gewissenskonflikte
Vor Kurzem kam der "Praena-Test" auch in Deutschland auf den Markt. Mit einer einfachen Blutuntersuchung ermöglicht er die Früherkennung des Down-Syndroms bei Embryos ab der 12. Schwangerschaftswoche. Seither ist die Diskussion über die gesellschaftliche Akzeptanz von Behinderten erneut entflammt.
Die vorgeburtliche Diagnostik gehört seit vielen Jahren zum Standard der Schwangerenvorsorge. Umstritten ist sie in den Fällen, wo auf die Diagnose keine Therapie folgen kann - also zum Beispiel bei genetischen Defekten wie dem Down-Syndrom ("Trisomie 21"). Bei einem positiven Befund stehen die werdenden Eltern vor der schweren Entscheidung für oder gegen das Leben ihres ungeborenen Kindes. Tatsächlich lassen mehr als 90 Prozent bei der Diagnose "Trisomie 21" die Schwangerschaft abbrechen.

Angst vor der Selektion von Behinderten
© dpa Lupe
Immer weniger Kinder mit Down-Syndrom werden geboren.
Die Nöte der Betroffenen und das ethische Dilemma schildert die Journalistin Monika Hey in ihrem kürzlich erschienenen Buch "Mein gläserner Bauch" aus eigener Anschauung. Gentests, schreibt sie, dienen nicht dazu, "Behinderungen zu verhindern, sondern behinderte Kinder". Bisher wird eine DNA-Untersuchung nur bei sogenannten Risikoschwangerschaften empfohlen. Mit dem neuen "Praena-Test" könnte sich das Spektrum erweitern. Denn er ist sehr viel einfacher durchzuführen und birgt vor allem - anders als die bisher üblichen Methoden - nicht mehr die Gefahr einer ungewollten Fehlgeburt. Kritiker fürchten, er könne bald zur Routine werden - und die vorgeburtliche Selektion von Behinderten gesellschaftsfähig machen.

Damit geht die Diskussion über pränatale Diagnostik weit über die Frage hinaus, was medizinisch sinnvoll und nützlich ist, und rührt an unser soziales Selbstverständnis: Wie geht unsere Gesellschaft mit Krankheit und Behinderung um? Empfinden wir Menschen mit Handicap als Last oder Bereicherung? In den letzten Jahrzehnten hat es viele Anstrengungen gegeben, der Diskriminierung Behinderter entgegenzuwirken - von Barrierefreiheit bis zum Gleichstellungsgesetz. Laut UN-Behindertenrechtskonvention soll unter dem Stichwort "Inklusion" allen Menschen die Teilhabe an gesellschaftlichen Aktivitäten ermöglicht werden. Das bedeutet gemeinsame Erziehung in Kindergärten und Schulen, gemeinsames Arbeiten und Leben.

Solidarität von Behinderten und Nichtbehinderten
Die Realität sieht aber oft anders aus. Drastisch beschreibt das Maria Langstroff in ihrem Buch "Mundtot?!". Die 25-Jährige, die an einer unheilbaren Muskelkrankheit leidet, lässt ihrer Wut freien Lauf, wenn sie von ihren demütigenden Erfahrungen berichtet. Sie appelliert aber auch, ebenso wie der querschnittgelähmte Samuel Koch in seinem Bestseller "Zwei Leben" und der französische Kinohit "Ziemlich beste Freunde", an die Solidarität von Behinderten und Nichtbehinderten. Möglicherweise aber ist gerade diese Solidarität in Gefahr, wenn Behinderung in Zukunft als "vermeidbarer Schadensfall" gilt.

So sieht es auch der Sozialwissenschaftler Thomas Lemke: "Gesundheit ist nicht mehr eine Abwesenheit von Krankheit, sondern es wird begriffen als ein aktiver Prozess. Und es wird begriffen als etwas, an dem die einzelnen mitwirken können, im Hinblick auf die Optimierung." Könnten weitere Gentests den Druck verschärfen und unseren Perfektionierungswahn befeuern? Mit welchen Folgen für all jene, die dennoch unter einer Krankheit oder einem Handicap leiden? "Was man natürlich schon überdenken sollte, das ist die aufgeladene Bedeutung, die Gesundheit in unserer Gesellschaft spielt", sagt Thomas Lemke. "Gesundheit als gewissermaßen Ausweis der moralischen Kompetenz, die Voraussetzung, um in dieser Leistungsgesellschaft adäquat funktionieren zu können?" Es ist höchste Zeit, die Debatte auf eine breite Basis zu stellen.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© DVALupeMonika Hey
"Mein gläserner Bauch: Wie die Pränataldiagnostik unser Verhältnis zum Leben verändert"
DVA 2012
ISBN-13: 978-3421045386
Buch
© Schwarzkopf & SchwarzkopfLupeMaria Langstroff
"Mundtot!? Wie ich lernte, meine Stimme zu erheben - eine sterbenskranke junge Frau erzählt"
Schwarzkopf & Schwarzkopf 2012
ISBN-13: 978-3862651542
nano
© dpaPränataldiagnostik - der große Umbruch
nano spezial zur Diagnose vor der Geburt
Mediathek
Der Beitrag in der ARD-Mediathek
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