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Der interaktive Charakter des Fern-
sehinterviews reizt Tina Mendelsohn immer wieder. Idealerweise entwickelt sich dort ein Gespräch mit einem echten Erkenntnisgewinn, sagt sie.
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© Reuters Lupe
Eine Absage von Anna Netrebko ist ein Desaster für jeden Konzertveranstalter.
Stimmen im Stress
Wenn Klassik-Stars nicht mehr funktionieren
Im Frühjahr 2012 herrscht Wirbel im Opernbetrieb. Das werde der "Sommer der glorreichen Absagen", schreibt das Feuilleton. Vermisst werden Superstimmen wie Anna Netrebko, Jonas Kaufmann, Natalie Dessay. Sind sie Opfer eines parasitären Klassikgeschäfts?
Ein Drama - zumindest im Feuilleton. Absagen gab es allerdings schon immer. Ungewöhnlich ist höchstens die Reaktion der Medien, findet Gerrit Wohlt. Der Stimm-Chirurg ist Leibarzt von Stars wie Netrebko und Kaufmann. 2012 hätten sich die Medien wohl auf einige Künstler und deren Absagen kapriziert.

Vermarktung wie bei Popstars
Die Oper gleicht einem betörenden Spiel, in dem besondere Stimmen vergöttert werden. Doch hinter der Bühne geht es knallhart ums Geschäft und nicht nur um makellosen Gesang. Das überrascht nicht. Sänger werden wie Popstars vermarktet und so sollen sie auch aussehen: wie Super-Models, schlank, schön und sexy. Diese Entwicklung missfällt der früheren Mezzosopranistin und Innsbrucker Theater-Intendantin, Brigitte Fassbaender. Heute müsse man sich pausenlos von der Publicity-Maschinerie vermarkten lassen, sagt sie. Theater-Agent Germinal Hilbert ergänzt: "Ich rate den Sängern, wenn sie zu dick sind, dann schon dazu: 'Nehmt ab, aber langsam'."

Lupe
Der Stimm-Chirurg und Phoniater Gerrit Wohlt kann Stimmen richten.
Der Ton schwingt nicht im Fett, das ist klar. Und das Klischee von der Sopranistin als Schlachtross ist schon lange obsolet. Nicht Schönheitsideale machen einen Sänger krank, der enorme Druck im Opernbetrieb tut es. Besonders junge Sänger sind gefährdet. "Ich weiß einen Fall, wo ein sehr ernstzunehmender Intendant, ein berühmter Intendant, einem Agenten gesagt hat, er suche eine Sängerin für die Turandot", weiß Brigitte Fassbaender. "Turandot ist 17 Jahre alt im Libretto. Und da hat er gesagt: 'Keine Sängerin über 25, die muss so jung sein wie möglich, bitte'." Stimm-Chirurg Gerrit Wohlt sagt dazu: "Ich beobachte zunehmend Stimmprobleme bei den jungen Sängern. Das gibt mir zu denken, weil die jungen Sänger zunehmend in dramatische Rollen gedrängt werden."

Überredet, über die eigenen Grenzen zu gehen
Sänger sind keine Gesangsmaschinen, die Stimme ein filigranes System.Gefahr droht von allen Seiten: Schützende Ensembles werden eingespart, Sänger - besonders an kleinen Theatern - überlastet. Das kennt auch Laszlo Maleczky. Der ausgebildete Tenor stand auf der Opernbühne, bevor er sich dem Klassik-Pop-Quintett Adoro anschloss. "Man bekommt Gagen bezahlt, wenn man krank ist", sagt er. "Ersatz muss gefunden werden, das sind zusätzliche Kosten für die Opernhäuser, die sie nicht ganz so gerne ausgeben. Und dann erlebt man als junger Sänger, dass man mehr oder weniger überredet wird: 'Komm', es geht schon, klingt ja nicht so schlecht, sing' doch nochmal'."

Doch damit nicht genug: Große Regisseure wollen nicht einfach irgendeinen Sänger in ihrer Inszenierung. "Das ist ein wirkliches Problem geworden", sagt Theater-Agent Germinal Hilbert, "diese Dominanz der Regie - und die Unterordnung der Musik. Eigentlich macht der Regisseur die Besetzung. Da wollen wir uns nichts vormachen. Das gibt zwar kein Intendant zu, aber die Top-Regisseure sagen: 'Den will ich nicht und den will ich nicht' - und dann bekommt er's auch nicht." Die Nachfrage nach Stars ist unstillbar. Denn wirtschaftlich war Klassik in Deutschland nie erfolgreicher: ein großartiges Geschäft, das vom Künstler nur eines erwartet: zu funktionieren - wie auf perfekt produzierten Aufnahmen.

Sänger als Biomasse
Lupe
Der Tenor Laszlo Maleczky kennt die Machenschaften des Betriebs.
Doch sind Sänger nicht selbst Schuld, wenn sie den Zirkus mitmachen, ihre Grenzen überschreiten? Eines der wichtigsten Dinge, die man lernen müsse, sagt Laszlo Maleczky, sei das 'Nein'-Sagen. Brigitte Fassbaender ergänzt: "Die ruhige Entwicklung und das Reifen der Stimme, das ist das Allerwichtigste, was ein Sänger wissen muss, dass er sich dem unterwirft und unterzieht, diesem Naturgesetz." Doch im hektischen Betrieb werden Naturgesetze überwunden, Biomasse optimiert. "Wir sind heute in der glücklichen Verfassung", so Dazu der Stimm-Chirurg Gerrit Wohlt, "durch mikrochirurgische Minimaleingriffe einen Sänger wieder stimmlich herzustellen wie einen Fußballspieler, der eine kleine Knie-Operation hatte und dann nach sechs Wochen wieder auf dem Fußballfeld starten kann. So ist es auch bei den Sängern."

Millionen, Glamour, Medienhype - ein absurdes Spiel. Absagen passen nicht ins Konzept. Doch sie sind keine Primadonnen-Folklore, das Business treibt sie hervor. Und diese Krankheit lässt sich nicht weg operieren.

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Kulturzeit: montags bis freitags,
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