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© reuters Lupe
Anklage wegen eines Punk-Gebets: die Band Pussy Riot
Keine Gnade
Kremlkritische Band Pussy Riot weiter in Haft
Ihnen wird "organisiertes Rowdytum" vorgeworfen. Darauf steht in Russland eine Strafe von bis zu sieben Jahren Haft. Deshalb wurden die drei Mitglieder der Frauen-Punkband Pussy Riot ins Gefängnis gesteckt. Und da bleiben sie erst einmal.
Kunst gegen Kreml-Kontrolle, Punk gegen Putin: Die Band Pussy Riot rebelliert mit ihren Guerilla-Aktionen gegen ein System, das mit Kritikern keine Gnade kennt. Seit März 2012 sitzen drei Frauen des Musikkollektivs im Gefängnis. Am 9. Juli 2012 wurde ihre Untersuchungshaft noch einmal verlängert. Dabei sind die Ermittlungen längst abgeschlossen. "Das Stadtgericht handelt so, weil es wie alle Gerichte in Russland unter der Kontrolle von Wladimir Putin und seiner nächsten Leute steht", sagt Pjotr Wersilow, der Ehemann von Bandmitglied Nadeshda Tolokonnikowa. "Sie allein entscheiden über das Schicksal der Mädchen und den Ausgang des Verfahrens, unabhängig von Gesetzen."

"Gottes Mutter, verjage Putin!"
© ap Lupe
Kremlkritisch: Pussy Riot
"Da ist ein Mann, dem die Ermordung von zwölf Menschen angelastet wird, er wird freigelassen", berichtet Dmitrij Muratow, Chefredakteur der Tageszeitung "Novaja Gaseta". "Die Mädchen aber lässt man in Haft. Uns wurde demonstriert, dass der Hauptwesenszug unseres Staates in stupider grober Härte besteht." Man bleibt hart aus Angst vor Machtverlust. Mächtig ist in Russland auch die orthodoxe Kirche, Putins Verbündete in diesem Fall. In Moskaus Christ-Erlöser-Kathedrale hatten die Pussy Riots im Februar 2012 ein Punkgebet angestimmt: "Gottes Mutter, verjage Putin!", schrien sie. Und: "Die Kirche huldigt dem verfaulten Führer." Der Auftritt in dem wichtigen Gotteshaus habe religiöse Gefühle verletzt, so die Anklage.

Dafür drohen den drei Inhaftierten Aktivistinnen bis zu sieben Jahre Haft, wegen "organisierten Rowdytums". Dabei hat selbst die Anklage drei Gutachten gebraucht, bis sie eine strafrechtliche Relevanz gefunden hat. Die Gutachter berufen sich auf eine Synode aus dem 7. Jahrhundert, die das Tanzen in der Kirche untersage - absurd. Experten sind sich einig: Die Kunstaktion ist nicht mehr als eine Ordnungswidrigkeit. Lange Haftstrafen wären somit willkürliche Staatsjustiz. Amnesty International hat die drei Angeklagten inzwischen als politische Gefangene anerkannt. Zwei der Inhaftierten sind junge Mütter, die dritte, Nadeschda Tolokonnikowa, ist seit einer Woche im Hungerstreik und klagt über Kopfschmerzen und Müdigkeit.

© dpa Lupe
Handschellen im Käfig - für eine Musikerin, die ihre Meinung sagt.
Wie Schwerverbrecher werden die Punk-Revolutionärinnen vor Gericht in Gitterkäfigen vorgeführt. Unerbittliche Härte soll demonstriert werden. Doch gerade dieses offensichtlich unausgewogene Kräfteverhältnis zwischen Staatsgewalt und Bürgerrechten provoziert immer mehr Protest. Vor dem Gericht wird für die Feilassung der Pussy-Riot-Musikerinnen demonstriert. Russische Künstler und Intellektuelle setzen sich öffentlich für das Ende dieses Schauverfahrens ein. Darunter sind auch bisher Linientreue, wie die Putin-freundliche Schauspielerin Tschulpan Chamatowa. Es ist ein Warnsignal für den Kremlchef. Er will den Prozessbeginn gegen seine Kritikerinnen jetzt beschleunigen. Avantgarde, Anarchie, ziviler Ungehorsam: Im System Putin haben sie keinen Platz. Dieses System bekommt Risse. Pussy Riots Punk gegen ihn hat dazu beigetragen.

Sendedaten
Kulturzeit kompakt
09.07. bis 10.08.2012
täglich ab 19.20 Uhr