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© dpa Lupe
Das EM-Stadion in Danzig
Runde Sache
Polen feiert die Europameisterschaft
Austragungsort der Fußball-Europameisterschaft zu sein, das war eine große Sache für die Polen - ein Volk, bei dem Massenveranstaltungen und Zeremonielles fest in Kirchen- oder Politikerhand liegen.
So etwas hat Polen noch nie erlebt: Menschenmassen auf den Fanmeilen, Polen hat Europa zu Gast. Fast eine Million Menschen besuchen ein Land, das stets als fremd und verschlossen galt, auf einmal zeigt sich Europa begeistert, von diesem Gastgeber.

Vor den Stadien hält ein neues Lebensgefühl Einzug, so leicht, so bunt, so leidenschaftlich war Polen wohl noch nie. Wie kann man so einen Imagewandel hinbekommen? Das wollen wir von Experten wissen und fragen bei der Werbebranche nach. Tomasz Hilt ist einer der polnischen Werbegurus: Polen, die Meister der Melancholie, Polen, das Land der Putzfrauen und Autodiebe, das war die Marke, die es zu bearbeiten galt. "Wenn wir das wie eine Werbekampagne ansehen, dann wollte man Polen zeigen als Land des wirtschaftlichen Erfolges und lächelnder Menschen, die immer glücklicher werden", sagt Hilt. "Das war sicherlich eine Herausforderung, wenn man bedenkt, wie umfangreich die Stereotypen in den Köpfen der Europäer waren."

Ein Claim, der aufging
Jeder Pole sollte die Rolle des Gastgebers einnehmen und wurde allenthalben daran erinnert. Ein Claim, so sagt man in der Werbung, der aufging. "Die Europameisterschaft sollte einmal kein Spiegel sein, den wir uns vorhalten, sondern ein Fenster, in dem wir stehen und uns der Welt präsentieren: das sind wir, die neuen Polen", so Hilt. Und das neue Polen ist da: weiß-rot, die Nationalfarben werden gezeigt, gehalten gesungen, ein neuer Patriotismus ist da, der nicht gegen, sondern der für etwas antritt: Polen, so scheint es, hat sich beim Fußball selbst gefunden. "Das wurde von einer Generation dominiert, die sich an den Kommunismus nicht mehr erinnert, die anders denkt, die anders ausgebildet wurde, nämlich in einem anderen System", erklärt der Soziologe Konrad Maj. "Das ist wohl der Moment für uns zu sagen: unser Transformationsprozess ist beendet!"

Marcin Koszalka dreht einen Film. Er zählt zu Polens bekanntesten Dokumentarfilmern und will die EM feshalten. Diese Massen, die sich auf Plätzen sammeln, so etwas gabs in Polen bisher nur aus Protest, oder, wenn die Kirche dazu rief, so schön, so frei, so lustig, war das hier noch nie. "Die Euphorie, als 1979 der Papst nach Polen kam, war die gleiche, wie beim Eröffnungsspiel gegen Griechenland", sagt Marcin Koszalka. "Ich weiß nicht, ob es mir gelingt, aber ich möchte vor allem Ausländern diese Parallele zeigen, dass der Fußball für uns zur Religion geworden ist."

Ähnlich wie Wortmanns "Sommermärchen"
"Mensch, du bist Legende" heißt Koszalkas Film: und er meint nicht nur die polnischen Nationalspieler. Ähnlich wie Sönke Wortmanns Sommermärchen will er zeigen, was der Fußball mit einem Land gemacht hat, auch wenn, anders als bei der WM in Deutschland, die eigene Mannschaft keinen Grund zur Freude gab. Gewonnen hat diese EM schon jetzt ein ganz anderer. "Für unser Land ist das ein Riesenerfolg", sagt Koszalka. "Das ist die Party unseres Lebens, unser Sommermärchen. So etwas haben wir in der Geschichte unseres Landes noch nie gemacht. Wir sind sehr stolz darauf und ich glaube, dass wir als Volk diese EM schon gewonnen haben."

Polen tanzt sein Fußballfest: Am Anfang, so sagten uns viele, wussten sie gar nicht, wie man auf der Straße tanzt: Es gab so selten Gelegenheit dazu. Doch die Polen haben sich in ihrer Geschichte oft anpassen müssen und den neuen Rhythmus schnell gelernt.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Schwerpunkt
Faszination Fußball