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© dpa Lupe
Im Prinzessinnengarten in Berlin gärtnern Großstädter auf ehemaligen Brachen.
Urban Gardening
Das Gärtnern in Großstädten als Trend
Sie bauen an, wühlen in der Erde. Für eigenes Gemüse investieren sie Zeit und Kraft. Eine neue Generation hat das, was einmal am Anfang unserer Zivilisation stand, für sich wiederentdeckt. Das Besondere: Gepflanzt wird mitten in der Stadt. Der Prinzessinnengarten in Berlin ermöglicht urbanes Gärtnern und dem Stadtmenschen neue Erkenntnisse.
"Man kriegt ein ganz anderes Zeitmanagement als man das sonst in der Stadt hat", sagt Initiator Robert Shaw. "Bei allen Züchtungserfolgen: So eine Möhre bringt nun einmal ihr eigenes Zeitmanagement mit. Die pflanzt man im Frühjahr und im Herbst ist sie reif und vorher nicht. Darüber kann man auch Saisonalität und Geduld lernen. Und die Tätigkeit ist sehr sozial und kommunikativ. Man kann wahnsinnig gut zusammen gärtnern."

"Sich als jemand zu erfahren, der etwas tut"
© dpa Lupe
Pflanzen in alten Reissäcken - mitten in der Großstadt Berlin
Herkunft und Einkommen sind dabei egal. Kisten und Säcke bringen Bio-Erde und Mobilität. Die Ernte wird aufgeteilt oder im Café verkauft. Initiiert haben den Garten Robert Shaw und Marco Clausen und daraus eine gemeinnützige GmbH gemacht. 6000 Quadratmeter Brache in Berlin-Kreuzberg sind seit 2009 grün. Doch Gemeinschaftsgärtnern ist mehr als Kamille anbauen. "Es steckt ein Bedürfnis dahinter, nicht immer nur Opfer zu sein oder sich als jemand zu erfahren, der alles nur passiv hinnehmen muss, sondern sich als jemand zu erfahren, der etwas tut und gestaltet", erläutert Marco Clausen. "Insofern ist es zutiefst demokratisch oder partizipatorisch. Weil die Menschen, wie an unserem Ort, die Möglichkeit haben, in ihrer Stadt etwas zu tun. Und das ist mehr als ein Stimmzettel."

Der Prinzessinnengarten gehört zu den 130 Gärten, die von der Stiftung Interkultur unterstützt werden. Es sind Orte, an denen auch Fragen gestellt werden: Wie können wir von der globalen Lebensmittelindustrie unabhängiger werden? "Wir müssen alle nach alternativen Entwicklungswegen suchen", sagt Christa Müller von der Stiftung Interkultur. "Und dem Staat wird die Fähigkeit, intelligente Lösungen zu finden, nicht unbedingt mehr zugetraut. Und deshalb spielen diese neuen Basisinitiativen von ganz unten eine wichtige Rolle."

"Gartenarbeit: etwas, womit du deine Nerven heilst"
© dpa Lupe
Auch für Bienen ist Platz beim "Urban Garden"
"Rosenduft" heißt ein interkultureller Garten ganz anderer Art. Seit 2008 pflegen 25 Frauen dort ihre Beete, die meisten von ihnen sind Flüchtlinge aus Bosnien. Auf dem Berliner Gleisdreieck-Gelände, das nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang brach lag, lassen sie jetzt Obst und Gemüse wachsen. Die Frauen haben ihre Familien verloren, Schreckliches erlebt. Der Garten "Rosenduft" ist wichtiger Bestandteil ihres Lebens geworden. "Gartenarbeit ist etwas, womit du deine Nerven heilst", sagt Mejra Buric, die 1994 aus Bosnien geflohen ist. "Du lenkst dich ein bisschen ab, entspannst dich. Du machst etwas mit den Händen und vergisst deine Probleme."

Gärtnern als Therapie: Erinnerungen an ähnliche, schöne Erlebnisse vor dem Krieg helfen dabei. "Die Erde ist überall dieselbe", sagt Mirsada Besic aus Bosnien. "Hier ist es Erde, und in Bosnien ist es Erde. Hier ist es ein Garten, und in Bosnien ist es ein Garten. Wir wenden uns diesem Garten hier zu und haben den Garten in Bosnien vergessen." In der Natur Lebensenergie sammeln, sich selbst eigenständiger machen, Gemeinschaft erleben oder die Umgebung mitbestimmen: Urbane Gärten ziehen immer mehr Menschen an. Gründe dafür gibt es viele. Die Nutzgärten sind Versuchslabore für die Zukunft. Wie können, wie wollen wir zusammenleben? Das Potenzial für Antworten haben sie. "Gärtnern muss die Welt retten", sagt Christa Müller. "Wer soll es sonst tun?"

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