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© reuters Lupe
Mythos: Tuareg sind freiheitsliebende Helden mit blauen Tüchern.
Unfreie Wüstenmänner
Malis Tuareg und die Islamisten
Sie sind stolz, sie sind frei und sie sind Kämpfer - so das Klischee über die Tuareg, das berühmte Nomadenvolk aus Sahara und Sahelzone. Jetzt haben sie ihren eigenen Staat, "Azawad", im Norden Malis ausgerufen. Er könnte am Image der Tuareg kratzen, denn er ist ein islamischer Staat - mit Gewalt erzwungen.
Mehr als 300.000 Bewohner von Nord-Mali, so schätzen Hilfsorganisationen, sind auf der Flucht - unter ihnen auch Alhous Ag Tajou und El Kassim aus Timbuktu. Sie sind vor den anrückenden Rebellen geflüchtet und leben jetzt in Burkina Faso. Sie sind selbst Tuareg. Sicher fühlen sie sich zu Hause trotzdem nicht mehr. Wir treffen sie auf dem "Africa Festival" in Würzburg.

Was passieren wird, weiß niemand
© ap Lupe
Die malische Armee putschte gegen den Präsidenten Amadou Touré.
"Alle hatten Angst in Timbuktu", sagt Ag Tajou, "weil die Rebellen so viele Waffen aus Libyen hatten. Niemand wusste, was passieren wird. Weil niemand Waffen hatte, haben sich alle versteckt. Viele haben Timbuktu verlassen. Aber nicht nur Timbuktu, der ganze Norden ist auf der Flucht. Wir warten ab, was passiert." Doch das weiß niemand. Die Situation in Mali ist seit dem 22. März 2012 unübersichtlich. An diesem Tag putschte die malische Armee gegen ihren Präsidenten Amadou Touré. Die Soldaten warfen ihm vor, zu wenig gegen die Rebellen im Norden zu tun und verkündeten in einer Fernsehansprache ihre Pläne: "Wir werden alles Notwendige veranlassen, um die Sicherheit eines jedes Einzelnen und seines Besitzes zu gewährleisten."

Doch die Putschisten des Militärs sind schwächer als die Rebellen im Norden. Diese nutzen das Machtvakuum und verbünden sich mit ehemaligen Söldnern des libyschen Diktators Gaddafi und der islamistischen Gruppen. Zusammen nehmen sie den Norden ein, ein Gebiet so groß wie Frankreich. Die ursprünglich säkularen Tuareg lassen sich auf einen Staat ein, in dem die Gesetze des Koran herrschen. Mamadou Diawara kommt aus Mali und hat immer wieder dort geforscht. Er unterscheidet zwischen einem ethnischen und einem religiösen Konflikt. "Es sind mindestens fünf, sechs andere Völker, andere Ethnien, die dort leben, jetzt erobert worden sind und nichts damit zu tun haben. Sie haben Beispiele von jungen Leuten gehört, die auf der Straße zusammengeschlagen worden sind, weil sie Zigaretten rauchen oder Radio hören. Sie haben gar nichts damit zu tun."

Stoff für Touristen-Mythen
Das Bild der Tuareg wankt. Aber wie kommt es überhaupt zu diesem Mythos der freiheitsliebenden Helden mit den blauen Tüchern? Ihre Aura fasziniert den Westen schon seit dem 19. Jahrhundert. Das kleine Volk bietet Stoff für Touristen-Mythen und schmückt Postkarten. Ist unser Bild von den geheimnisvollen, freien Wüstenmenschen nur eine Projektion und woher kommt sie? "Die französischen Kolonialherren waren beeindruckt von diesen Männern", so Diawara, "die frei in der Wüste, gastfreundlich sind, aber auch gleichzeitig Krieger. Man beneidet sie um ihr Leben, das sie gegen Eindringlinge verteidigen."

"Das Bild des blauen Mannes - als ob es Frauen nicht gegeben hätte - ist ein Image der Touristen", sagt Diawara. "Aber was auch wichtig ist: Die Tuareg und andere Völker haben sich das angeeignet, arbeiten damit und verkaufen dieses Bild. Sie verkaufen sich als Blaumänner. Sie haben das Spielchen verstanden." Aber sind die Tuareg nun Opfer oder Täter? Es ist eine komplizierte Gemengelage in Mali. Die Angst vor den Islamisten wächst. Bedrohen sie auch das berühmte kulturelle Erbe von Timbuktu mit seinen Jahrhunderte alten Schriften? Zeugnisse der westafrikanischen Geschichte, die bis heute kaum erforscht sind?

"Sprengstoff für jedes Regime"
Lupe
Mamadou Diawara: ""Es geht hier ums Geschäft."
Ein Mausoleum aus dem 16. Jahrhundert, das zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, haben sie schon zerstört, obwohl oder gerade weil es der Schrein eines islamischen Gelehrten ist. Aber auch die Bücher sind in Gefahr. "Was in den Büchern steckt, ist nicht nur der Koran", sagt Diawara. "Es geht hier ums Geschäft. Es geht um Medizin, Astrologie, Astronomie und so weiter. Aber was in diesen Schreinen steht, sind Heilige und nach dieser strengen Auslegung gibt es keine Heiligen. Sie sind nicht anzuerkennen. Es gibt Gott und es gibt die Menschen und dazwischen gar nichts. Und die Heiligen haben keinen Platz." Wer sich letztlich durchsetzen wird, und ob Malis Armee die Rebellen wieder vertreiben wird, ist unklar. Inzwischen gibt es im Süden den Übergangspräsidenten Cheick Modibo Diarra. Er wurde aber von Anhängern der Putschisten krankenhaus reif geschlagen. "Was momentan in diesem Sahelgürtel geschieht, ist Sprengstoff für jedes Regime, für jeden Staat dort, egal, in welchem Land", so Mamadou Diawara.

Durch die Flüchtlingswelle sind die Unruhen bereits in die Nachbarländer gedrungen. Alhous Ag Tajou und El Kassim wollen aber auf jeden Fall zurück in ihre Heimat. Wann und wie wissen sie noch nicht. "Wir sind Moslems, also können wir einen muslimischen oder religiöse geprägten Staat nicht verdammen, auch nicht einen christlich geprägten Staat", sagt Ag Tajou. Timbuktu ist unsere Heimat als Moslems und dort wollen wir auch sterben." Aber mit den anderen Auslegungen des Islam kennen wir uns nicht aus." Er spricht das aus, was wohl die meisten der Flüchtlinge aus Nord-Mali denken. Sie wollen zurück, nach Hause, in ein Land ohne Krieg und Gewalt.

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