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Video-Porträt
Tina Mendelsohn
Der interaktive Charakter des Fern-
sehinterviews reizt Tina Mendelsohn immer wieder. Idealerweise entwickelt sich dort ein Gespräch mit einem echten Erkenntnisgewinn, sagt sie.
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© dpa Lupe
In Baku hat man sich für den Eurovision Song Contest herausgeputzt.
Künstler in Not
Aserbaidschan vor dem Eurovision Song Contest
Es könnte alles so schön sein in Baku, Aserbaidschans traditionsreiche Kulturmetropole am Kaspischen Meer. Die Stadt hat sich ordentlich für den Eurovision Song Contest herausgeputzt. Alles strahlt und glänzt. Doch vieles hat sich dort, wo früher Aseris, Russen, Armenier und Juden friedlich zusammen lebten, verändert.
In seiner Geburtsstadt ist er heute Persona non Grata: Rustam Ibragimbekov, weltberühmter Dramaturg, Autor, Kinoregisseur und einer der wichtigsten Intellektuellen des Landes, kritisiert das neue Baku öffentlich. "Unsere Künstler fühlen sich erniedrigt", sagt er. "Früher waren die angesehensten und wichtigsten Menschen Intellektuelle und Wissenschaftler. Jetzt sind die Reichen die Wichtigsten. In Aserbaidschan entwickelt sich nur das, was einigen wenigen Leuten Geld und einen persönlichen Vorteil bringt. Deswegen boomt die Immobilienbranche und der Straßenbau. Mit der Kultur sieht es anders aus: Von 150 Buchläden, die es einmal in Aserbaidschan vor der Unabhängigkeit gab, sind nur noch zehn übrig geblieben - in Baku. Im Rest des Landes gibt es keinen einzigen Buchladen mehr und auch kaum noch Bibliotheken."

Streichung öffentlicher Fördergelder
© dpa Lupe
Hier wird der Eurovision Song Contest 2012 ausgetragen.
Weil er die eigene Regierung kritisiert und öffentlich die armenische Bevölkerung unterstützt, wurden ihm alle staatlichen Fördergelder für sein erfolgreiches Theater und den Verband der Filmschaffenden, den er leitet, gestrichen. Sein internationales Kinofestival wurde verboten, weil sich angeblich in Baku kein passendes Gebäude fände. "Unser Kulturminister hat mir ins Gesicht gesagt: 'Alles, was mit dir zu tun hat, ist verboten. Weder Drehbücher noch finanzielle Unterstützung für deine Vereinigung oder andere Projekte, einfach alles.' Ich darf hier nichts machen", berichtet Ibragimbekov. So geht man in Baku mit einem international gefeierten Drehbuchautor um: Sein Drama "Die Sonne, die uns täuscht" gewann 1994 einen Oscar.

Schon zu Sowjetzeiten fasste Rustam Ibragimbekov heiße Themen an. In "Das Verhör" ging es um Korruption, sein Kultfilm "Die weiße Sonne der Wüste" war ein humorvoller Blick auf die Beziehungen zwischen West und Ost. Sein Wissen wollte er weitergeben: Ein riesiger Kinofestival-Komplex mit einer Filmschule sollte in Baku entstehen. Geld war bereits investiert, aber dann kam eine Öl-Firma. Genau an dieser Stelle befände sich Öl, hieß es. Man stellte ein Gerüst auf und nahm ihm das Land weg. "Unter dem Deckmantel staatlicher Interessen passieren hier die schrecklichsten Dinge", so der Künstler. "Tausenden wird von der Ölindustrie ihr Land weggenommen, sie werden aus ihren Häusern vertrieben."

"Am meisten Angst vor freien Wahlen"
In den Vierteln von Baku lebten die Leute seit Generationen. Offiziell wurden sie finanziell entschädigt. Doch für das wenige Geld können sie nichts Entsprechendes kaufen, nicht einmal in den Randgebieten. Die brutal Vertriebenen dürfen sich an gleicher Stelle nun an Parks, Stadien und Glas-Palästen erfreuen. "Wir bezeichnen uns als ein demokratisches Land, aber ich denke, es ist ein autoritäres, hartes Regime", sagt Ibragimbekov. "Eine kleine Gruppe von Oligarchen um den Präsidenten regiert das Land. Wir haben hier eine Schaufenster-Demokratie, ein Taschenparlament und ein Land praktisch ohne Rechtsstaat. Demokratie, so wie sie im Westen verstanden wird, ist das Ergebnis einer langen Entwicklung. So etwas geschieht nicht von heute auf morgen. Das mag jetzt paradox klingen, aber ehrlich gesagt, habe ich am meisten Angst vor freien Wahlen in Aserbaidschan. Denn die reichen Leute würden sich dann einfach ihre Wähler kaufen. Und Sie können sich vorstellen, wer dann an die Macht kommt."

Von Pressefreiheit keine Spur. Es gibt nur ein paar wenige oppositionelle Zeitungen. Die Regierung kontrolliert alle Fernsehsender. Kritiker werden brutal mundtot gemacht. Fast schon wehmütig erinnert sich Ibragimbekov daher an den, wie er sagt, "weisen Politiker aus alten, freieren Tagen", als das Land von Heidar Aliev, dem Vater des jetzigen Präsidenten, regiert wurde. Den fragte man zu Sowjetzeiten: "Warum gibt es in Aserbaidschan keine Dissidenten?" Er antwortete: "Weil wir nicht nach ihnen suchen."

Schikanen gegenüber Ibragimbekov
Während unseres Interviews bekommt Ibragimbekov einen Anruf. Er soll das Gebäude des Verbands der Filmschaffenden räumen, angeblich habe er nicht genug Miete gezahlt. "Wenn man mich so respektlos behandelt, spornt mich das umso mehr an, gegen all das zu kämpfen. Das geht gegen meinen Stolz als ein Mann des Ostens, als Mann aus Baku. Ich will nicht, dass mein Land vor die Hunde geht. Wenn Sie nachher zum Flughafen fahren, achten Sie mal auf die kilometerlangen Mauern. Von dem, was das alles gekostet hat, hätte man die weltgrößte Kinoindustrie bauen können. Man versucht, sowohl die große Schäbigkeit als auch den großen Reichtum vor den Leuten zu verstecken. Diese Mauern charakterisieren den momentanen Zustand unseres Landes."

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
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© Peter Andreas HassiepenVideoDas Gespräch mit der Schriftstellerin Olga Grjasnowa (25.05.2012)
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Olga Grjasnowa liest auf der Leipziger Buchmesse 2012 aus ihrem Roman "Der Russe ist einer, der Birken liebt"
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