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© dpa Lupe
Dieter Hildebrandt starb 2013 im Alter von 86 Jahren.
Mit scharfer Zunge
Zur Erinnerung an Dieter Hildebrandt
"Mich regt die Tatsache auf, dass sich niemand aufregt", sagte er einmal in einem Interview. Dieter Hildebrandt gehörte zu den scharfzüngigsten Kabarettisten Deutschlands. Am 20. November 2013 starb er - und Deutschland ist seitdem um eine kritische Stimme ärmer.
Hildebrandt starb 2013 in einem Münchner Krankenhaus im Alter von 86 Jahren. Erst einen Tag zuvor war bekanntgeworden, dass Hildebrandt an Krebs erkrankt war. "Ich werde kämpfen bis zum Schluss. Noch bin ich nicht tot", sagte er der Münchner Zeitung "tz" noch am 19. November. Die Diagnose Prostatakrebs habe er erst im Sommer 2013 bekommen. Ihm hatte die Nachricht "erstmal den Boden weggezogen". Der Mitbegründer der "Münchner Lach- und Schießgesellschaft" sei danach mehrfach operiert worden und lange im Krankenhaus gewesen. Nachdem sich sein Zustand zunächst gebessert hatte, durfte er nachhause. Dann aber hatte ihn ein schwerer Rückschlag ereilt.

Bruno Jonas über Hildebrandt:

"Er war in seiner Art, Kabarett zu machen, Maßstab setzend", sagte sein früherer "Scheibenwischer"-Kollege am 20. November der dpa. "Er war einmalig."

Die Zusammenarbeit mit Hildebrandt sei sehr prägend gewesen. "Wir haben sehr viel miteinander geschrieben, gedacht, gesponnen, diskutiert, debattiert." Er habe an Hildebrandt gemocht, dass er "ein sehr spontaner und schneller Denker" war - und sehr neugierig.

Zum letzten Mal hätten sich die beiden vor 14 Tagen bei Hildebrandt zuhause getroffen. "Da war er noch voller Tatendrang und wollte im Dezember wieder auf die Bühne", sagte Jonas. "Er war ein Kämpfer."

Zum Kabarett kam Hildebrandt über einen Umweg: Als Student arbeitete er als Platzanweiser im Nachkriegskabarett "Die kleine Freiheit" in München. Dort lernte er Werner Finck kennen, sein erklärtes Vorbild, sowie Erich Kästner und andere Größen des politischen Kabaretts. Das inspierierte Hildebrandt derart, dass er neben seinem Studium der Literatur- und Theaterwissenschaften sowie der Kunstgeschichte auch eine Schauspielerprüfung am Münchner Residenztheater ablegte und gemeinsam mit anderen Studenten sein erstes Kabarett gründete: "Die Namenlosen".

Kompromisslos politisch links
© dpa Lupe
Ensemble der "Münchner Lach- und Schießgesellschaft" (1961)
Später, mit der "Lach- und Schießgesellschaft", stieg Hildebrandt in die erste Liga der Kabarettisten des Landes auf. Gemeinsam mit Sammy Drechsel hatte er das Ensemble aus der Taufe gehoben. Kompromisslos politisch links, hatte Hildebrandt hier Gelegenheit, seinen ganz eigenen politischen Wortwitz in Form zu gießen: Gut die Hälfte der Programmanteile stammten aus seiner Feder. Die rund 25 TV-Ausstrahlungen erzielten an einigen Silvesterabenden zeitweise eine Einschaltquote von mehr als 50 Prozent.

Im ZDF prägte Dieter Hildebrandt ab 1973 mit seinen "Notizen aus der Provinz" ein erfolgreiches Sendeformat - doch nur bis 1980, als man ihm eine "Denkpause" während des Bundestagswahlkampfs zwischen dem CSU-Kandidaten Franz Josef Strauß und dem SPD-Kandidaten verordnete. Verärgert wechselte der Kabarettist zur ARD, wo er die legendäre Sendung "Scheibenwischer" erdachte und für "satirische Tiefenschärfe" sorgte, wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" 1987 schrieb.

Unermüdlich auf TV-Schirm und Bühne
© AP Lupe
Szene aus der allerletzten "Scheibenwischer"-Sendung (2003)
Doch auch dort eckte Hildebrandt bei einigen an: So schaltete der damalige BR-Direktor Helmut Oeller 1986 den Bayerischen Rundfunk aus der ARD aus - wegen "nicht gemeinschaftsverträglicher Elemente". Vorausgegangen war eine "Scheibenwischer"-Folge nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl. Hildebrandts Sendung lief trotzdem insgesamt 23 Jahre lang und ging erst vom Schirm, als der Kabarettist selbst der ARD den Namen entzog, weil sie ihm allzusehr in Richtung Comedy abdriftete. 2011 gab er sogar nochmals den Fotografen "Herbie" in Helmut Dietls Film "Zettl" - eine selbstironische Replik auf das Original aus Franz Xaver Kroetz' "Kir Royal".

Infos
Dieter Hildebrandt: "Ich kann doch auch nichts dafür"
Sein letztes Programm
Sonntag, 28.12.2014
um 21.15 Uhr in 3sat
Im Rahmen des Thementages "Kabarett & Comedy"