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24. Mai 2013
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Der interaktive Charakter des Fern-
sehinterviews reizt Tina Mendelsohn immer wieder. Idealerweise entwickelt sich dort ein Gespräch mit einem echten Erkenntnisgewinn, sagt sie.
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© dpa Lupe
Vielen Menschen in der Ukraine, deren Angehörige sich nicht kümmern, fehlt das Geld, um medizinische Hilfe bezahlen zu können.
Luxus Arztbesuch
Soziale Missstände im EM-Land Ukraine
Einige hundert hochbetagte Holocaust-Überlebende gibt es noch in der Ukraine. Manche können von ihrer geringfügigen staatlichen Rente nicht einmal die Medikamente oder Arztbesuche bezahlen. Ein wenig Linderung verschaffen die Projekte der deutschen Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft", zum Beispiel in Charkiw, russisch Charkow. Doch die sind durch die Fußball-EM gefährdet.
Jeden Tag geht Sergej Artemtschuk aufs Neue seinen mühevollen Weg: Der Arzt vom ukrainischen Samariterbund besucht mit seinem Pflegeteam alte Menschen, die sich alleine nicht mehr versorgen können, deren Angehörige irgendwo in der Ukraine leben und sich nicht kümmern, und denen das Geld fehlt, um medizinische Hilfe bezahlen zu können. Menschen wie die 88-jährige Anna Komassa, die als Zwangsarbeiterin in Deutschland arbeitete. "Als ich 17 war, habe ich studiert", berichtet Komassa. "Als der Krieg anfing, wurde ich nach Deutschland verschleppt und habe in einer Fabrik in München gearbeitet. Nach Kriegsende war ich Gärtnerin. Dann habe ich 30 Jahre lang in einem Krankenhaus in Kiew gearbeitet.

Ohne Hilfe wären sie verloren
Zweimal in der Woche kommt der Arzt zu Anna Komassa, misst ihren Blutdruck, untersucht sie, spendet der alten, vereinsamten Rentnerin Trost. Oft schafft Sergej Artemtschuk nicht mehr als fünf dieser Hausbesuche an einem Tag. Viele Alte können das Haus nicht mehr verlassen. Ohne Hilfe wären sie verloren. Für die 87-jährige Anna Klimenkowa, die ihr ganzes Leben lang in einem Krankenhaus gearbeitet hat, ist dieser wöchentliche Besuch des Arztes der einzige Luxus. Es sei wichtig, "dass diese Helfer hier zweimal pro Woche vorbei kommen", sagt sie. "Sie retten mich." Sergej Artemtschuk berichtet: "Wir geben diesen Menschen Lebenshilfe. Wir versuchen, ihnen das Dasein zu erleichtern. Wenn wir sie nicht besuchen würden, würden sie sterben ohne unsere Behandlung."

Sergej Artemtschuk gehört zu einem mobilen Pflegeteam des ukrainischen Samariterbundes, einer unabhängigen, nichtstaatlichen Organisation, die sich um Alte, Kranke, Behinderte und Kinder kümmert. Früher gab es zehn Pflegeteams. Weil die staatliche Unterstützung gekürzt wurde, sind gerade nur noch zwei übrig geblieben. Und überhaupt dominiert in der öffentlichen Wahrnehmung in der Ukraine die Vorbereitung auf die Fußball-Europameisterschaft. Die Probleme der Alten interessieren da kaum jemanden. "Die Mindestrente beträgt bei uns 100 Euro", sagt Svetlana Levkovska, Geschäftsführerin des Samariterbundes. "Sie sollen selbst versuchen, mit diesen 100 Euro im Monat zu überleben - wo zum Beispiel im Vergleich zu Deutschland und München die Lebensmittel dreimal teurer sind."

Viele Rentner erhalten nur kümmerliche Rente
Viele Rentner in der Ukraine leben unterhalb der Armutsgrenze. Mit dem illegalen Straßenverkauf von Blumen und Lebensmitteln versuchen sie, ihre kümmerliche Rente ein wenig aufzubessern. Als die alten Frauen die Kamera sehen, packen sie eilig zusammen. "Filmt nicht uns, filmt die Millionäre", rufen sie uns zu. Im Staatsfernsehen der Ukraine ist von Altersarmut nichts zu sehen. Am 9. Mai, dem Tag der Siegesfeier über Nazi-Deutschland, sind lauter rüstige ordengeschmückte Rentner im Bild - verdiente Veteranen des Zweiten Weltkriegs. "Die Leute, die gezeigt werden, sind keine richtigen Kriegsveteranen", sagt Svetlana Levkovska. "Die richtigen sind entweder gestorben oder gefallen. Oder sie sind in ihren Wohnungen. Beinamputiert, Armamputiert, nicht gewaschen, nicht gebadet, leiden an Mangel an Lebensmitteln. Niemand kümmert sich."

In der Kiewer Stadtverwaltung ist Irina Golubewa für den sozialen Bereich zuständig. Als wir sie nach den Rentnern fragen, wiegelt sie ab. "Was diese Frauen betrifft, von denen Sie erzählt haben, wissen wir nicht, wie lange sie gearbeitet haben, ob sie Kinder haben oder Enkel, die sie unterstützen", sagt sie. "So ist es bei slawischen Völkern: Die Kinder unterstützen immer ihre Eltern. In Kiew gibt es zurzeit 700.000 Rentner, davon bekommen 370.000 die Mindestrente von umgerechnet nicht einmal 100 Euro."

Investoren für EM blieben aus
Währenddessen putzt sich Kiew für die Fußballeuropameisterschaft heraus, schmückt sich. Am Gebäude der Stadtverwaltung zählt eine Uhr die Zeit bis zum Beginn herunter. Rund 25 Milliarden Euro wird die Ausrichtung dieses Sportereignisses kosten. Geld, das die Ukraine nicht hat. Eigentlich sollten Investoren alles finanzieren. Doch die blieben aus, auch wegen der unsicheren Gesetzeslage. "Das, was die Ukraine der Uefa versprochen hat, wurde praktisch aus dem Staatsbudget finanziert", sagt Svetlana Levkovska. "Und das sind Milliarden. Deshalb sind die Sozialprogramme gestrichen. Viele Programme sind gestrichen."

Der Samariterbund betreibt in Kiew auch eine Notunterkunft für kleine Patienten.Hier werden kranke und behinderte Kinder behandelt und gepflegt. Die Stadtverwaltung wollte mit finanzieren. Doch auch dieses Geld fließt nur spärlich. Ohne ausländische Hilfe hätte die Einrichtung längst geschlossen werden müssen. "Alles ist in den Händen der Macht, die Gelder sind in den Händen der Macht", kritisiert Svetlana Levkovska. "So handelt auch unsere Regierung. Was ist ein sozialer Staat? Das sind wir, vor allem. Und nicht die von oben." Davon werden die ausländischen Fussballfans nichts mitbekommen. Das traurige Los der verarmten, vereinsamten Rentner bleibt im Verborgenen. An der Oberfläche glitzert der Luxus für die reichen Oligarchen. Brot und Spiele - immer schon nutzten Regierungen den Sport als Propagandabühne, um von Problemen abzulenken. In der Ukraine allerdings gibt es nicht einmal mehr das Brot.

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