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Tina Mendelsohn
Der interaktive Charakter des Fern-
sehinterviews reizt Tina Mendelsohn immer wieder. Idealerweise entwickelt sich dort ein Gespräch mit einem echten Erkenntnisgewinn, sagt sie.
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Roland Reuß: "Mir geht es darum [...] Öffentlichkeit für die Probleme zu schaffen, die sich aus globalen Distributionswegen ergeben."
Kafkaesque
Roland Reuß und der Datenkrimi
Roland Reuß, Herausgeber der "Historisch-Kritischen Kafka-Edition" und Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft in Heidelberg, hat gemeinsam mit seinem Verlag Strafanzeige gegen Amazon erstattet - exemplarisch, wie er betont: "Mir geht es darum [...] Öffentlichkeit für die Probleme zu schaffen, die sich aus globalen Distributionswegen ergeben". Seriöse Anbieter lieferten über ihre Plattformen "den Nährboden für kriminelle Machenschaften".
"Am 27. März sind wir darauf hingewiesen worden, dass ein Band, den wir in zwei Jahren vorgelegt haben, 'Die Verwandlung', zu einem Dumpingpreis bei Amazon als Print on demand aufgelegt und bei vier Zwischenverkäufern angeboten wird", so Reuß. "Das Buch kostet bei uns 128 Euro. Dabei verdienen wir eigentlich nichts, weil die Kosten zur Herstellung des Buches sehr teuer sind. Bei Amazon werden diese Bücher zwischen 12,15 und 19,47 Euro verkauft. Das ist eine totale Frechheit in Bezug auf die Frage, was Leute an Liebe zum Gegenstand und an Interesse in eine solche Arbeit reinstecken und was am Ende in dieser Wurstmaschine Print on Demand bei Amazon herauskommt."

Händler weist Verantwortung von sich
Ein kleine Buchhandlung in München - deren Existenz ohne Amazon undenkbar wäre - macht 90 Prozent ihres Umsatzes über Online-Angebote. Rund vier Millionen Titel erhält der Geschäftsführer vom US-amerikanischen Zwischenhändler Nabu Press - als reine Titelangabe. Eine davon: die Raubkopie der "Historisch-Kritischen Gesamtausgabe" Kafkas. Doch der Händler weist jede Verantwortung von sich. "Wir haben es nie in der Hand gehabt", sagt Jürgen Reuter, Geschäftsführer der "Bücher Oase München". "Wir haben es nie einem Kunden verkauft und erst über die Zeitung erfahren, dass wir das Buch überhaupt im Angebot hatten. Ich kann nicht prüfen, weil es bei der Masse an Daten unmöglich ist. Das kann auch eine Firma wie Amazon nicht prüfen, auch wenn sie 10.000 Mitarbeiter hat. Und wir mit unseren fünf Mitarbeitern, ein paar Aushilfen - das geht einfach nicht."

Wer also hätte handeln müssen? Nach deutschem Recht ist allein der Urheber nicht verpflichtet, nachzuprüfen, wer gerade heimlich raubkopiert und verkauft. Hierzulande wird der schöpferische Akt als Persönlichkeitsrecht geschützt. Das Verwertungsrecht steht auf einem anderen Blatt. Zwei Rechtsauffassungen prallen aufeinander - für Reuß wie ein Western. "Der ganze amerikanische Westen ist so kolonialisiert worden", sagt Reuß, "dass erst einmal ein Territorium besetzt wurde. Und dann hat man gewartet, ob irgendwelche Leute aufschreien. Heute würde man Anwälte nehmen, um die, die aufschreien, zum Schweigen zu bringen. Damals hat man die Armee genommen, um die Indianer zum Schweigen zu bringen. Es ist aber immer die Vorstellung: Erst einmal okkupiere ich das und dann gucke ich, was passiert. Wir haben dagegen die Vorstellung, dass wenn Sie mit dem Werk von jemand anderem irgendetwas machen wollen, fragen Sie um Erlaubnis. Und dieser Rechtsgrundsatz gilt."

Weltweit einzigartige Rechtsgrundlage
Deutschland bietet eine weltweit einzigartige Rechtsgrundlage. Paragraph 70 des Urheberrechtsgesetzes schützt die sogenannte wissenschaftlich sichtende Ausgabe. Doch der Schutz funktioniert nur, wenn alle in der Anbieterkette ihn respektieren. "Jeder, der solche Angebote macht, muss selbst aktiv darauf achten, damit ihm das nicht passiert", sagt Christian Sprang. "Amazon muss darauf achten, dass bei ihm keine Händler handeln, bei denen das regelmäßig vorkommt. Die Händler wie die 'Bücher Oase' müssen darauf achten, dass in ihren Datenbanken nicht Daten Einzug halten, zu denen Titel gehören, die gar nicht verbreitet werden können. Die Datenlieferanten müssen darauf achten, dass sie nicht solche Titel führen. Und die Verlage müssen zum Schluss darauf achten, dass sie von vorne herein solche Titel gar nicht erst anbieten."

Wenn Deutschland weiterhin seine kulturellen Errungenschaften pflegen möchte, muss die Staatsanwaltschaft schnell aktiv werden. Denn was auf dem Spiel steht, ist von hohem öffentlichen Interesse.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
Franz Kafka
"Historisch-Kritische Kafka-Ausgabe (FKA) Zürauer Zettel"
Roland Reuß, Peter Staengle (Hrsg.)
Stroemfeld Verlag 2011
ISBN-13: 978-3866000704
Schwerpunkt
Urheberrecht, Wikileaks, Internet
Kulturzeit extra
Strg + C
Kunst, Kommerz und das freie Netz
Info
Roland Reuß vermutet, dass die betreffenden Dateien Scans aus dem "Google Book Search"-Programm an US-Bibliotheken sind. Bücher europäischer Verlage mussten zwar wieder aus dem Digitalisierungsprojekt herausgenommen werden, Scans zirkulieren jetzt aber offenbar im Netz.